Wie Twitter Japans Diskussionskultur verändert

Facebook und MySpace haben in Nippon nicht Fuß fassen können. Twitter dagegen verleitet immer mehr Japaner dazu, etwas Neues zu tun: Ihre Meinung der Welt kundzutun.

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Von
  • Martin Kölling

Facebook und MySpace haben in Nippon nicht Fuß fassen können. Twitter dagegen verleitet immer mehr Japaner dazu, etwas Neues zu tun: Ihre Meinung der Welt kundzutun.

Dass Kommunikationstechnik Gesellschaften und uns Menschen verändert, ist ein Allgemeinplatz. Interessant ist es aber immer wieder, die unerwartetenden Wirkungswege zu entdecken. Über die Rolle Twitters bei der Herausbildung einer Zivilgesellschaft in China hatte ich schon geschrieben. Aber auch in Japan scheint der Kurznachrichtendienst gesellschaftlich größere Auswirkungen zu haben. Das glaubt wenigstens Twitters dortiger Statthalter Hiroki Eda vom Internet-Investor Digital Garage. Das Angebot verändere das Kommunikationsverhalten der Japaner, sagte mir Eda in einem Interview. "Die Menschen gewöhnen sich daran, ihre Meinung öffentlich im Internet auszudrücken."

Japaner schweigen im Internet? Die Aussage hört sich verwegen an, denn Japan hat den Ruf einer der aktivsten Bloggernationen. Auch stellen die Ministerien wahrscheinlich deutlich mehr Informationen online als in anderen Ländern. Dennoch trifft die Aussage meines Erachtens den Nagel auf den Kopf. Japaner bloggen wie die Weltmeister über ihren Alltag, den Restaurantbesuch oder ihren Chihuahua. Sie verfolgen Blogs und auch Twittereien von Trendsettern, Wirtschaftsführern und zunehmend auch von Politikern. Doch durch die Bank bestätigen Meinungsumfragen den Eindruck, dass Politik entweder gar nicht oder nur wenig auf dem online-mentalen Radar auftaucht. Übrigens genauso wie im wirklichen Leben: Aktiv werden Japaner in der Regel nur auf der Mikroebene, also in ihrem Wohnbezirk, oder der Metaebene, also Fragen der nationalen Souveränität. Während über Entwicklungen auf der Makroebene viel Wissen konsumiert wird, aber wenig diskutiert. Weitere Indikatoren für das Internet als weitgehend diskussionsfreiem Raum: Aktive Diskussionen unter Online-Artikeln gibt es kaum und die in Südkorea extrem erfolgreiche Bürgerjournalistenseite OhmyNews ist in Japan gänzlich gefloppt.

Die Widerspiegelung dieses Zustands bei sozialen Medien bringt uns den Gründen auf die Spur. Facebook, ein Dienst, bei dem die Mitglieder unter ihrem Klarnamen firmieren, ist ein Flop. Das japanische Äquivalent Mixi hat hingegen mehr als zehn Prozent der Bevölkerung als Mitglieder gewonnen, wohl weil die Menschen dort unter einem Fantasienamen auftreten und mit einem beschränkten Kreis von Freunden kommunizieren können. Noch lebhafter geht es nur beim für Geeks gegründeten Online-Bulletin-Board 2Channel zu. Dort werden täglich 2,5 Millionen Beiträge mit den abenteuerlichsten, auch politisch höchst umstrittenen Meinungen eingestellt und diskutiert – aber anonym. Dies sei der einzige Weg, dass Japaner ihre Meinung sagen könnte, sagte einst der Gründer Hiroyuki Nishimura in einem Interview. Die Äußerung ohne jedes Risiko sei sehr wichtig für Japaner. Ohne Anonymität ginge das nicht. "Außerdem können Menschen nur dann wirklich miteinander diskutieren, wenn sie sich nicht kennen," glaubt Nishimura.

Hört sich verrückt an, trifft aber im japanischen Kontext häufig zu, wie Der 2Channel-Gründer recht gut auf der phänomenologischen Ebene erklärt. Selbst mit einer festen User-ID würden Diskussionen nur in ein Kritikspiel ausarten. So aber wisse man nicht, über wen man sich aufregen solle. Außerdem bildeten sich bei festen IDs mit der Zeit Meinungsführer heraus, und es fiele den anderen Teilnehmern daher schwerer, zu widersprechen. In einem voll anonymisierten System würden hingegen alle Informationen gleich gewertet. "Nur das akkurate Argument kann funktionieren," argumentiert Nishimura.

Die Ursache ist die immer noch recht hierarchische japanische Kultur, die es den Menschen abverlangt, je nach gesellschaftlicher Position und Alter in unterschiedlichen Höflichkeitsformen zu sprechen. Einem Höhergestellten zu widersprechen fällt vielen Japanern daher schwer (was große Auswirkungen auf den Innoviationsprozess haben kann – doch dazu einmal in einem späteren Beitrag mehr). Doch 2Channel ist kein adäquater Ersatz für das Fehlen von persönlichem Meinungsmut. So kontrovers es dort auch zugehen mag, für den politischen Prozess hat das Brodeln der anonymisierten Volkslaune kaum Bedeutung. Denn sowohl Politiker, Akademiker, Medien – kurz der gesamte Mainstream – schauen auf Internetdiskussionen im allgemeinen und 2Channel im besonderen herab.

Auftritt Twitter: Während Facebook nur einen kleinen Marktanteil hat, verfügt Twitter bereits über mehr als zehn Millionen Konten. Das Erfolgsgeheimnis ist das Zwitterwesen des Dienstes: Er kombiniert die Reichweite und Offenheit von 2Channel mit der Möglichkeit zur Semi-Anonymität von Mixi. Dass Japanisch als kombinierte Zeichen- und Silbenschrift deutlich enger läuft als beispielsweise das Deutsche, erhöht den Informationsgehalt der nur 140 Anschläge langen Tweets und damit die Attraktivität Twitters als Diskussionsforums – und zwar enorm. Chinesisch als reine Schriftzeichensprache ist sogar noch dichter.

Twitter bietet zwar auch Privacy-Features an, aber 90 Prozent der Nutzer aktivieren sie nicht, sagt Eda. Außerdem ist Twitter im Gegensatz zu 2Channel als Kommunikationskanal gesellschaftlich akzeptiert, seit am 1. 1. 2010 sogar der damalige Ministerpräsident Yukio Hatoyama seinen eigenen Twitter-Kanal ins Leben rief. Selbst Facebook werden jetzt verstärkt Wachstumschancen eingeräumt.

Die ersten Risse in der politischen Schweigekultur sind auch an anderen Stellen zu bemerken. So hat kürzlich ein Mitglied der Küstenwache Videos ins Netz gestellt, das den Rammstoß eines chinesischen Fischkutters gegen ein Schiff der japanischen Küstenwache in den Gewässern um die Senkaku-Inseln zeigt, die Japan und China beanspruchen. Der Fischkutter-Zwischenfall hat einen schweren diplomatischen Konflikt ausgelöst. Und die Regierung versuchte, die Videos unter Verschluss zu halten, obwohl sie bestätigten, was die Regierung behauptete. Selbst die Parlamentarier durften lächerlicherweise nur einen sechsminütigen Zusammenschnitt sehen. Mit der Veröffentlichung gab es auch plötzlich online und offline recht offene Diskussionen (wenn eben auch nur auf der Meta-Ebene). Aber vielleicht kann ja in der Folge die Zivilgesellschaft ein bisschen im Internet wachsen. Ich bin mir allerdings sicher, dass sich die Diskussionskultur nur in gletscherhaftem Tempo wandeln wird. (bsc)