Zeitsouveränität

Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters.

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Von
  • Peter Glaser

Schon die frühen Netze der Geschichte – ägyptische Bewässerungskanäle, römische Straßen –, erbrachten nicht nur Überschüsse an Vorratsgütern, sondern in der Folge auch einen Überschuß an Zeit. Die Herrschenden lenkten diesen Überschuss in ein machtvolles, unsichtbares System, eine Maschine aus Menschen. Sie produzierte im alten Ägypten im Lauf von 180 Jahren wie am Fließband 80 große Pyramiden. Die technologische Leistung unserer Zeit liegt im Kleinen - in der Miniaturisierung und vor allem in der Virtualisierung der mechanischen Teile, die im Lauf der Geschichte die unzuverlässigen menschlichen Teile der alten Maschine ersetzt hatten und die mit den Meisterwerken der Uhrmacherkunst den Höhepunkt des Versuchs darstellten, den Überschuß an Zeit mit technischer Hilfe unentrinnbar festzuhalten.

Netzbasierte Telekommunikation orientiert sich immer stärker an örtlich und zeitlich unabhängigen Gegebenheiten. Dass die Freiheit von starren Zeitrahmen – ob durch die permanente Zustellbarkeit von E-Mail, dauergeöffnete Online-Shops oder die Unabhängigkeit von Sendeschemata bei digitalisiertem Radio und Fernsehen – auch Probleme mit sich bringen wird, wusste schon Marshall McLuhan. "Im Maschinenzeitalter, das nun zur Neige geht, konnte man noch viele Schritte ohne zu große Besorgnis unternehmen”, schrieb er 1968 in “Die magischen Kanäle” – “Das langsame Tempo gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig.” Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters.

Die digitale Beschleunigung bedeutet das Ende der vertrauten linearen Zeitachse. Gleichzeitigkeit gewinnt das Ganzheitliche an Bedeutung gegenüber der Kausalität, gegenüber dem Linearen. Welches energiereiche Unbehagen Linearität verursacht, konnten wir nicht zuletzt am Zusammenbruch der staatlichen Strukturen im ehemaligen Ostblock sehen, wo die Menschen nicht länger Schlange stehen, in Zeilen aus Körpern das Warten versinnbildlichen, sondern - was auch immer es sein mochte - das wirkliche, nichtlineare Leben wollten.

Nun löst das Netz feste Arbeitszeiten, feste Geschäftszeiten, feste Kommunikationsgewohnheiten auf. Die Werbung zeigt uns einen Freelancer, der das Gefühl von Freiheit vermitteln soll, er sitzt mit seinem Laptop am Meer. Die Botschaft lautet: Arbeit ist nun wie Urlaub. Aber für viele ist es umgekehrt, mobiles Netz führt für sie dazu, dass mehr und mehr von dem, was vormals Erholung war, durch Arbeit – sei es nur potenzielle – kontaminiert wird. Die Menschen verlieren ihre Zeitsouveränität zum Teil dramatischer als zu Zeiten der Industrialisierung.

“Multitasking bremst die Leute und erhöht die Gefahr, Fehler zu machen”, fasst David Meyer, der das “Brain, Cognition and Action Laboratory” an der Universität Michigan leitet, seine jüngste Untersuchung zusammen. “Was die menschliche Informationsverarbeitung angeht, sind dauernde Wechsel und Unterbrechungen ein schlechtes Geschäft.” Das menschliche Gehirn mit seinen hundert Milliarden Neuronen und einer noch um Größenordnungen höheren Anzahl an synaptischen Verbindungen, unterliegt einer bedeutenden Einschränkung: Ein Mensch kann sich nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren. Und er hat nicht plötzlich das Doppelte an Zeit zur Verfügung, wenn er zwei Zeitpfeile zugleich abgeschossen hat.

Eine Studie mit einer Gruppe von Microsoft-Angestellten führte zu dem Ergebnis, dass es nach einer Unterbrechung im Schnitt 15 Minuten dauerte, bis der Betreffende wieder konzentriert zu seiner Haupttätigkeit zurückgefunden hatte. Technologie kann durchaus helfen, die Aufmerksamkeit zu entlasten und zugleich breiter zu fächern, mehr Dinge im Auge zu behalten. Aber ab einer bestimmten Grenze, wenn man sich mit mehr als fünf oder sechs Projektverläufen befassen muß, wird es kontraproduktiv. Experten empfehlen inzwischen, seine E-Mail höchstens einmal pro Stunde zu checken.

Jonathan B. Spira, der als Analyst für die Unternehmensberatung Basex arbeitet, schätzt die Kosten, die eine zu bröckelige Zeiteinteilung verursacht, auf 650 Milliarden Dollar im Jahr. Eine Untersuchung im letzten Jahr hatte ergeben, dass Angestellte fast 30 Prozent ihrer Zeit den Ursachen verschiedenster Unterbrechungen und dem Versuch widmen, sich wieder auf eine angefangene Arbeit zu konzentrieren.

Die Forscher des neu gegründeten “Institute for Innovation and Information Productivity” wollen das Problem mit schlauer Technik lösen. Arbeiter und Angestellte sollen Sensoren und intelligenter Software ihre Prioritäten vermitteln. Die Maschine soll dann als “time nanny” dafür sorgen, dass ihr Signalgeber sich nicht übernimmt – und seine Souveränität zurückgewinnt. (wst)