Die gegebenen Optionen sind ja bei weitem nich alle tatsÀchlich vorhandenen Handlungsoptionen.
Man könnte die Weiche so umstellen, dass die Lok entgleist. Das gefĂ€hrdet zwar den LokfĂŒhrer, bringt ihn aber nicht zwangslĂ€ufig um und rettet bei der Gelegenheit alle Menschen auf dem Gleis.
Man könnte auch eine Steuerung so gestalten, dass es gar nicht zu so einer Situation kommt. Z.B. mit Sensoren, die Menschen im Gleis erkennen. Sobald es Menschen im Gleis gibt, wird jedem Zug im entsprechenden Gleisabschnitt eine Notbremsung ausgelöst.
Man könnte versuchen, den LokfĂŒhrer durch Gestikulieren auf den drohenden Unfall aufmerksam zu machen. Sollte er nicht ansprechbar sein, kann es ja sogar sein, dass er schon tot ist und mit der Entgleis-Option auch nichts mehr schlimmer werden kann, als es eh schon ist.
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Will sagen: Das Beispiel ist so weltfremd theoretisch, dass niemand jemals vor so einer Entscheidung stehen wird, auch keine Steuerung autonomer GefĂ€hrte. Auch die haben immer mehr als zwei Optionen - eigentlich sogar unendlich viele, weil jede geringfĂŒgige Abweichung der Lenkradstellung, der IntensitĂ€t der Bremse, etc. zu einem anderen Ergebnis fĂŒhren kann. Dann wendet man einfach Mathematik an und berechnet die Parameter, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit den geringsten Schaden anrichten.
NatĂŒrlich folgt daraus die Frage, welcher Schaden denn wie gross wĂ€re, aber auch das ist wesentlich komplexer als solche Beispiele und gerade deshalb sogar leichter zu lösen. Es sind immer mehr als nur zwei Parameter fĂŒr die Bewertung einer Situation ausschlaggebend und die kann man aufaddieren und kommt fĂŒr jede mögliche Aktion zu anderen Schadenswahrscheinlichkeiten. In der Funktion sucht man dann das globale Minimum.
Man kann erst mal PrioritĂ€ten fĂŒr Kategorien von Schadensereignissen vergeben. So ist z.B. der Tod eines Menschen eine hohe PrioritĂ€t, an zweiter Stelle kommt ein verletzter Mensch, dann ein totes Tier, ein verletztes Tier, eine tote Pflanze, eine beschĂ€digte Pflanze, Sachschaden, und zuletzt geringfĂŒgige Unannehmlichkeiten, wie z.B. eine VerspĂ€tung.
Einige dieser Ereignisse kan man natĂŒrlich noch feiner betrachten, wie z.B. die lĂ€nge einer VerspĂ€tung, oder die Höhe eines Sachschadens. Eine tote Kanalratte werden die meisten Menschen weniger hoch bewerten, als wenn es Tante Ernas Katze trifft und damit ihr das Herz bricht. Auch bei Verletzungen gibt es verschiedene Schweregrade, die man wohl unterscheiden möchte. Ein Kratzer am Ellbogen ist natĂŒrlich was anders als ein amputiertes Bein.
Aber belassen wir es vorerst mal bei dieser sehr groben Einteilung. Da jedes dieser Ereignisse ja noch mit der Wahrscheinlichkeit, dass es eintritt multipliziert wird, wird es praktisch nie eine Situation geben, in der die Steuerung mit gleicher Wahrscheinlichkeit entweder Person A, oder Person B umbringt und wirklich gar keine bessere Option hat. FĂŒr die Bewertung der Situation gibt es ja noch alle anderen Dinge zu beachten, wie z.B. die Wahrscheinlichkeit, dass eine der Personen dabei verletzt wird, oder dass zusĂ€tzlich noch ein Hund stirbt, wenn schon alles wichtigere wirklich gleich ist. Selbst wenn das System mindestens Person A, oder Person B umbringt, was ja schon nie in der RealitĂ€t vorkommt, wird es sich z.B. fĂŒr Person B entscheiden, wenn es damit verhindern kann, dass Person A verletzt wird, Person B aber immer verletzt wird, wenn das System statt dessen Person A tötet.
Wir haben an dieser Stelle nirgendwo Menschenleben gegeneinander aufgerechnet, sondern immer den Gesamtschaden minimiert. In der Situation aus dem Artikel, wĂŒrde ein solches System auch den einen Menschen töten und nicht die grössere Gruppe, aber solche Situationen gibt es eben nicht. Und wenn, dann tut das System das nicht, weil es Menschenleben gegeneinander aufrechnet, sondern weil es den Schaden minimiert.