„Haben wir den Mut, so weit nach vorn zu denken?“

Reinhold Achatz war Forschungschef bei Siemens. Dann wechselte er zu ThyssenKrupp, um den angeschlagenen Konzern in eine Innovationsschmiede zu verwandeln. Wie aber produziert man gute Ideen?

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Robert Thielicke

Reinhold Achatz war Forschungschef bei Siemens. Dann wechselte er zu ThyssenKrupp, um den angeschlagenen Konzern in eine Innovationsschmiede zu verwandeln. Wie aber produziert man gute Ideen?

Technology Review: Herr Achatz, fühlen Sie sich als oberster Innovationsbeauftragter eigentlich wohl bei ThyssenKrupp?

Reinhold Achatz: Ja, wieso?

Weil der Konzern in den vergangenen Jahren nicht als sonderlich innovativ aufgefallen ist, sondern eher mit einem völlig fehlgeplanten Stahlwerk in Brasilien und der größten Fast-Pleite der jüngeren deutschen Industriegeschichte.

Als ich zu ThyssenKrupp gekommen bin, habe ich natürlich in den Zeitungen gelesen: Der Technologiechef von Siemens geht zu einem Forschungsmuffel. Vorher habe ich es nie so gesehen, aber da habe ich mich schon gefragt: Okay, hast du was falsch gemacht? Als ich mich dann aber umgesehen habe, stellte ich fest, dass es viele unterschiedliche technologische Schätze gibt, die nur nach außen hin nicht so gesehen wurden, die teilweise sogar den Kollegen selbst gar nicht bewusst waren.

Was nicht gerade von einer innovativen Kultur spricht, oder?

Die Mitarbeiter waren in ihren Bereichen durchaus innovativ. Aber es war nicht gelebte Praxis, geschäftsfeldübergreifend Synergien zu heben, sagen wir es mal so. Es gab einen Unterschied zwischen der Konzernspitze und dem, was vor Ort gelaufen ist.

Auf die Idee des Aufzugs mit Magnetschwebetechnologie, der sogar seitwärts fahren kann, hätte ThyssenKrupp also schon viel früher kommen können?

Definitiv. Wir kennen die Linearmotor-Technologie aus dem Transrapid sehr gut. Also haben wir uns gefragt: Warum nutzen wir das nicht für andere Anwendungen? Die erste Idee war, Fahrtreppen und Rollbänder zu ersetzen. Bei heutigen Modellen dient als Antrieb eine Kette. Damit müssen die Motoren auch die Kette mitschleppen, und ab einer bestimmten Länge wird das Gewicht zu groß. Treibt man dagegen jede Stufe per Linearmotor an, fällt die Kette weg, im Prinzip wären unendlich lange Fahrtreppen möglich. Wenn wir dasselbe nun senkrecht stellen und die Stufe zu einer Kabine ausbauen, haben wir einen neuen Aufzug-Typus. Auch da sind wir nicht mehr höhenlimitiert, weil das Seilgewicht keine Rolle mehr spielt. Es gibt schlicht kein Seil mehr. Zudem kann ich die Kabine umlenken und dann seitwärts fahren.

Haben Sie schon Kunden?

Das wird wohl noch etwas dauern. Architekten müssen die passenden Gebäudekonzepte erst entwerfen. Bei so einer Idee stellt sich eben nicht nur die Frage: Kommt man auf den Einfall? Sondern auch: Hat man den Mut, so weit nach vorn zu denken, um Kunden die Möglichkeit zu geben, es in ihre Planungen aufzunehmen?

(rot)