Fakten? Vergessen Sie die Fakten!

Obwohl die Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr keinen Anlass zum Jubeln gibt, ist Medion-Vorstandsmitglied Christian Eigen optimistisch. Recht hat er.

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Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Damian Sicking

Lieber Medion-Vorstand Christian Eigen,

obwohl die Geschäftszahlen, die Medion für das erste Halbjahr 2009 gezeigt hat, nicht gerade berauschend waren, sind Sie gut drauf und optimistisch. Das finde ich klasse. Denn bei guten Zahlen und in guten Zeiten optimistisch zu sein, das ist keine Kunst. Das kann jeder. Aber optimistisch sein und Zuversicht verbreiten, wenn´s nicht so gut läuft, das ist nicht so einfach, das geht nicht von allein, da muss man an sich arbeiten, und deshalb können das auch nicht viele, sondern nur Helden. Sie sind offenbar aus diesem speziellen Holz geschnitzt, lieber Herr Eigen. Bundesbank-Chef Axel Weber zum Beispiel ist es nicht; denn Letzterer warnte jetzt am Wochenende sogar vor zuviel Optimismus oder einem zu frühen Optimismus. Äußerungen solcher Art sind gerade jetzt, wo wir alle doch irgendwie stark verunsichert sind, völlig kontraproduktiv, oder?

Gut, ich geb´s zu: Die Sache mit dem Optimismus ist nicht ganz einfach. Zum einen ist es gut, wenn man ihn hat, zum anderen tut man sich häufig schwer damit, vor allem der Deutsche. Typisch deutsch ist zum Beispiel folgender – ironischerweise auch noch lustig gemeinter – Satz: "Optimismus ist der Mangel an Informationen." Soll heißen, wer die Fakten kennt, kann kein Optimist sein. Das ist natürlich, wie wir beide wissen, Unsinn. Vergesst die Fakten! Optimist ist man oder man ist es nicht, Fakten hin oder her. Wenn überhaupt, dann ist man nicht wegen, sondern trotz der Fakten Optimist.

Klar, momentan braucht man über die Fakten in der Wirtschaft nicht lange zu diskutieren. Sie sind wenig erfreulich. Gerade aus diesem Grund ist dies die beste Zeit für Optimismus. Sollen sich doch der Focus und sein Aushängeschild Helmut Markwort mit den Fakten, Fakten, Fakten beschäftigen, wenn es ihnen Spaß macht. Wir tun es nicht. Und das aus gutem Grund. Ich möchte an dieser Stelle gerne an den dicken Mann mit der Zigarre erinnern, an den so genannten Vater des deutschen Wirtschaftswunders, an Ludwig Erhardt (1897–1977). Dem wird nämlich folgender Satz zugeschrieben: "Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie." Und gleich anschließend möchte ich einen weiteren Experten zu Worte kommen lassen, nämlich den Immunbiologen und Aphoristiker Gerhard Uhlenbruck. Der behauptet: "Psychologie ist zu 50 Prozent Fehlinterpretation."

Interessant, nicht wahr? Was liegt nun näher, als aus diesen beiden unzweifelhaft wahren Sätzen folgenden kleinen Syllogismus zu fabrizieren: Wenn Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie ist, und wenn Psychologie zu 50 Prozent Fehlinterpretation ist, dann ist Wirtschaft zu 25 Prozent Fehlinterpretation. Lassen wir die Details mal beiseite, entscheidend ist, dass die Sache mit den Fakten auf einmal gar nicht mehr so überzeugend ist. Und wenn die Tatsachen gar nicht so eindeutig und unumstritten sind – Philosophen haben zu diesem Thema Bibliotheken gefüllt –, warum sollten wir ihnen dann mehr Beachtung schenken als nötig? Vor allem dann, wenn dies auch noch so negative Folgen hat? Also schlechte Laune, miese Stimmung, Sorgenfalten, Magengeschwüre, Verkürzung des Lebens (was dann auch schon wieder eine Gnade wäre).

Der Philosoph Hans Vaihinger (1852 - 1933) hat in seinem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erschienenen faszinierenden Werk "Die Philosophie des Als-ob" nachgewiesen, dass einige der bedeutendsten wissenschaftlichen Errungenschaften auf der Unkenntnis und zum Teil sogar auf dem bewussten Ignorieren von Fakten basieren. Er nannte dies den "Fiktionalismus". Manchmal, so seine These, bringen einen die Fakten nicht weiter (sie verhindern sogar einen Durchbruch), wohl hingegen die Fiktionen, indem man "so tut, als ob". Ich denke, hin und wieder ist es wirklich gut ("zielfĂĽhrend", wie man heute sagt), wenn man "so tut, als ob". Denn das Prinzip der "self fulfilling prophecy" funktioniert prinzipiell im Guten genauso wie im Schlechten.

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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