Heute vor 25 Jahren: Die Insolvenz des Computerpioniers Commodore
(Bild: arda savasciogullari / shutterstock.com)
Am 29. April 1994 meldete die Computerfirma Commodore, Hersteller der legendÀren Heimcomputer C64 und Amiga, Insolvenz an.
Auch wenn es sich schon vorher abzeichnete, war der 29. April 1994 fĂŒr viele Computerfans ein Schock: Commodore, Computerpionier und Hersteller legendĂ€rer Computersysteme wie Commodore PET, Commodore 64 und Amiga meldete an diesem Tag Insolvenz an. Wie entstand diese Firma? Und wie kam es zur Insolvenz?
Jack Tramiel [1], 1928 im polnischen Lodz geboren, wurde als jĂŒdisches Kind von den Nazis deportiert. Er ĂŒberlebte im Zweiten Weltkrieg das KZ in Auschwitz und das Arbeitslager in Ahlem bei Hannover, von wo aus er als Zwangsarbeiter fĂŒr Continental arbeiten musste. Nach der Befreiung 1945 durch die US-Amerikaner heiratete er 1947 noch in Hannover, emigrierte aber kurze Zeit spĂ€ter in die USA.
ZunÀchst Schreibmaschinen-Mechaniker bei der Army
Dort erwarb er ab 1948 als Techniker bei der US-Army die Grundkenntnisse fĂŒr seine spĂ€tere unternehmerisches Berufsfeld. Nach seiner darauffolgenden TĂ€tigkeit in der eigenen Schreibmaschinenwerkstatt in New York emigrierte der umtriebige Tramiel 1955 weiter nach Kanada.
(Bild:Â Alex Handy [2],CC BY-SA 2.0 [3] )
In Toronto kam ihm mit einem GeschĂ€ftsfreund die GeschĂ€ftsidee, tschechische Schreibmaschinenbauteile gĂŒnstig zu importieren und in Lizenz zu fertigen. Commodore war geboren.
Als Commodores GeschĂ€ft mit Schreibmaschinen durch billige GerĂ€te aus Fernost unter Druck geriet, stieg Commodore auf mechanische Addiermaschinen um, bis diese Nische ebenfalls von gĂŒnstigeren japanischen Produkten besetzt wurde und Commodore sich erneut erfinden musste, um nicht vom Markt gefegt zu werden.
GeschÀftsidee durch Japanreise
Auf Anregung von Irving Gould, Commodores gröĂter Investor, reiste Tramiel durch Japan und kam von dort mit der Idee wieder, dass Commodore damals neuartige GerĂ€te, die sich Taschenrechner nennen, auf den Markt bringen sollte.
Als Commodore mit den Taschenrechnern gerade erfolgreich wurde, kam wiederum der Hauptlieferant der Chips, Texas Instruments (TI) [4], selbst auf die Idee, Taschenrechner zu produzieren. TI warf 1972 ganze Rechner zu einem Preis auf den Markt, zu dem Commodore von ihnen nicht mal die Bauteile erhielt, was Tramiels Firma fast aus der Bahn warf.
Commodore reagierte darauf, indem sie unter anderem den Chiphersteller MOS Technologies (u. a. Produzent des 6502-Chips) aufkauften und fortan einen GroĂteil der Chips selbst produzierten.
Commodore PET 2001 als erster eigener Computer
Der Entwickler Chuck Peddle ĂŒberzeugte Commodore, einen eigenen Mikrocomputer zu bauen. So prĂ€sentierte Commodore auf der CES 1977 den PET 2001 [5] (PET = Personal Electronic Transactor). Jedoch war er dem Konkurrenzprodukt Apple II technisch unterlegen, dafĂŒr aber auch erheblich gĂŒnstiger. AuĂerdem war er aufgrund fehlender Businessoftware kein Erfolg im BĂŒro, aber durch den als Schnittstelle fĂŒr MessgerĂ€te tauglichen parallelen IEC-Bus durchaus im universitĂ€ren Forschungsbereich beliebt.
Erst als sich Commodore an den Heimanwender richtete, sollte sich die Computerausrichtung zum gröĂeren Erfolg entwickeln: Mit dem 1980 erschienen VIC-20, der mit einer aufwendigen Marketingkampagne durch Spots mit William Shatner als besonders benutzerfreundlicher Heimcomputer angepriesen wurde, knackte Commodore erstmals die Marke von ĂŒber eine Million verkaufter GerĂ€te. Im September 1982 gelang der Firma allerdings noch ein gröĂerer Wurf: Der legendĂ€re C64 [6] kam auf den Markt.
C64 als MassenphÀnomen
Er schlug ein wie eine Bombe. Der C64 lebte von dem Tramiel-Motto "Computer fĂŒr die Masse â nicht die Klasse" und verkaufte sich bereits im ablaufenden Jahr ĂŒber 300.000 Mal. Er lĂ€utete endgĂŒltig den Erfolg der Heimcomputer in den Kinderzimmer ein und befeuerte den Videospiele-Crash 1983. Bis 1994 sollten laut SchĂ€tzungen zwischen 12 Millionen und 17 Millionen GerĂ€te verkauft worden sein.
Andere Modelle wie etwa der C128 und die Commodore-264-Serie (C16, C116, Plus4) verkauften sich auch gut, konnten aber nicht an diesen ĂŒberragenden Erfolg anknĂŒpfen.
Streit um die Herrschaft bei Commodore
1984 kam es zwischen Irving Gould und Jack Tramiel zum Streit ĂŒber die weitere personelle Ausrichtung des Konzerns: Tramiel verlieĂ Commodore. Und wenn man weiĂ, dass Tramiel Business mit Krieg gleichsetzte, lieĂ sich erahnen, dass er auf Rache sann.
Er nutzte die Krise im Videospielmarkt und kaufte von Time Warner die Videospiele- und Computersparte von Atari gĂŒnstig ab, um Commodore Konkurrenz zu machen. Der Konflikt wurde noch angeheizt, da Tramiel mehrere Entwickler von Commodore abwarb, worauf Commodore ihn mit Klagen ĂŒberzog. Dabei hĂ€tte Atari fast die Chiptechnik des spĂ€teren Commodore-Computers zum SchnĂ€ppchenpreis erworben:
Jay Miner, mit seinen revolutionĂ€ren Custom-Chips an der Atari 400/800-Entwicklung beteiligt, wollte einen eigenen 16Bit-Computer entwickeln und grĂŒndete mit einem kleinen Team eine eigene Firma, um den Computer zu entwickeln, der noch viel Wirbel erzeugen sollte: den Amiga [7].
Amiga als multimedialer Nachfolger
1984 als Lorraine-Prototyp auf der CES vorgestellt, versetzte der Amiga Messebesucher und Entscheider in Staunen, da die dargebotenen EchtzeitgrafikfĂ€higkeiten noch nie zuvor auf einem Heimcomputer-System zu sehen waren. Allerdings fand sich kein Investor, sodass Amiga nach Jahren der Entwicklung immer mehr in Geldsorgen rutschte. Im Juli 1984 holte man sich aus Verzweiflung ĂŒber die drohende Pleite ausgerechnet bei Atari ein Darlehen ĂŒber 500.000 US-Dollar zu Ă€uĂerst harten Konditionen: Bis August 1984 musste das Darlehen zurĂŒckgezahlt werden oder Atari erwarb die Chip-Technik komplett.
In einem letzten Schritt kontaktierte Amiga Commodore und sie kauften Amiga fĂŒr 27 Millionen Dollar und zahlten Atari aus, was Tramiel â zum Zeitpunkt des Deals noch mitten in den Ăbernahmeverhandlungen â erst Monate spĂ€ter erfuhr. Atari entwickelte dann den Atari ST als direkten Konkurrenten.
Amiga 1000 + Rezension aus c't 1/86 (0 Bilder) [8]
Commodore brachte 1985 den Amiga als C64-Nachfolger zur Marktreife, technisch war er eine Sensation: Mit 4096 Farben, 4-Kanal-Stereo, dem MC68000er Prozesser mit 16 Bit (intern sogar 32 Bit) und prĂ€emptiven Multitasking war der Amiga ein Heimcomputer, der in Sachen MultimediafĂ€higkeiten der Konkurrenz weit ĂŒberlegen war.
Durchbruch mit Amiga 500
Allerdings verkaufte sich der teure Amiga 1000 trotz seiner ĂŒberragenden FĂ€higkeiten eher bescheiden.
Erst als Commodore 1987 den gĂŒnstigeren Amiga 500 auf den Markt brachte, sollte sich das Ă€ndern: Nun war der Amiga auf den Schulhöfen etabliert. Mit dem Amiga 2000, der technisch dem 500er Ă€hnelte, aber wesentlich mehr Schnittstellen aufwies, sollte der professionelle Markt bedient werden.
Commodore aber machte mit der Zeit einige strategische Fehler. Statt sich auf die Amiga-Plattform zu konzentrieren und sie konsequent weiterzuentwickeln, wurde mit den Gewinnen die defizitÀre PC-Sparte (wie beispielsweise Commodore PC 10 oder PC 20) quersubventioniert.
Keine echte Weiterentwicklung
Somit kamen 1990 mit Amiga 500 Plus und sowie der ersten CD-Konsole CDTV technisch nur unwesentlich weiterentwickelte Amigas auf den Markt. Der ebenfalls erschienene 3000er war schlicht zu teuer.
1992 erschienen neben dem Amiga 600 mit Amiga 1200 und Amiga 4000 erstmals zwei Amigas mit dem AGA-Chipsatz, die wie am PC unter VGA ĂŒblich 256 Farben gleichzeitig (aus einer Palette von 16,8 Millionen Farben) darstellen konnte.
Die 1993 erschienene AGA-CD-Konsole CD32 verkaufte sich zwar zunĂ€chst gut, litt aber bereits unter den Zahlungsschwierigkeiten von Commodore, weshalb es Probleme bei der Auslieferung gab. Die AGA-GerĂ€te kamen allesamt zu spĂ€t, um dem boomenden IBM-PCs und Nintendo/Sega-Konsolen noch nennenswerte Marktanteile entreiĂen zu können. Die Raubkopiererei und technische Defizite taten ihr Ăbriges. Am 29. April 1994 musste Commodore Insolvenz anmelden.
Ăbernahme durch Escom
Die Rechte wurden dann vom deutschen ComputerhĂ€ndler Escom ĂŒbernommen, die weiter Amigas produzierten und unter dem Markennamen Commodore handelsĂŒbliche PCs vertrieben. Allerdings machte der HĂ€ndler unabhĂ€ngig von Commodore strategische Fehler, sodass Escom 1996 ebenfalls Insolvenz anmelden musste.
Seitdem gingen die Markennamen durch verschiedene HĂ€nde, und es erschienen Gaming-PCs wie 2007, Smartphones wie 2015 das Commodore PET [10] oder gar MP3-Player, FaxgerĂ€te und Haustelefone â die letztgenannten meist von ĂŒberschaubarer QualitĂ€t.
Die Nerd-Gemeinde, die vor allem im C64 und Amiga-Bereich den mittlerweile ĂŒber 30 Jahre alten Systemen die Treue halten, pflegen ihre alten GerĂ€te, zocken via C64- und Amiga-Spiele im Emulator [11] oder gehen ins Museum [12]. Selbst die Demoszene [13] ist noch erhalten geblieben. Mittlerweile lĂ€sst sich mit dem C64-reloaded- Mainboard [14] und dem passenden neuen GehĂ€use ein "neuer" C64 basteln â und das sogar mit offizieller Lizenz. (mawi [15])
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[1] https://www.heise.de/news/Computer-fuer-die-Massen-zum-Tode-des-Commodore-Gruenders-Jack-Tramiel-1517599.html
[2] http://www.flickr.com/people/44451574@N00
[3] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en
[4] https://www.heise.de/thema/Texas-Instruments
[5] https://www.heise.de/select/ct/2018/27/1541311155281363
[6] https://www.heise.de/tp/features/Das-Innenleben-des-Commodore-64-3379931.html
[7] https://www.heise.de/news/30-Jahre-Amiga-Wir-gratulieren-2752244.html
[8] https://www.heise.de/bilderstrecke/1550664.html?back=4409125;back=4409125
[9] https://www.heise.de/bilderstrecke/1550664.html?back=4409125;back=4409125
[10] https://www.heise.de/news/Commodore-PET-ist-zurueck-als-Smartphone-mit-Android-2750854.html
[11] https://www.heise.de/news/Emulatoren-Nachschub-Amiga-Forever-und-C64-Forever-in-Version-8-erschienen-4260261.html
[12] https://www.heise.de/news/Commodore-Retro-Schau-Die-Computer-Legende-aus-Braunschweig-3634421.html
[13] https://www.heise.de/newsticker/meldung/20-Jahre-Evoke-Symphonie-fuer-eine-Pebble-und-zwei-Gameboys-3808262.html
[14] http://wiki.icomp.de/wiki/C64_reloaded_mk2:de
[15] mailto:mawi@heise.de
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