Kolumne: FĂĽr Tobit-Chef Groten gibt es Wichtigeres als Profitmaximierung

Eigentlich ist Tobit ein Softwarehersteller. Aber die Ahauser sehen das nicht so eng. Einmal im Jahr veranstalten sie im westfälischen Ahaus ein Musikfestival mit internationalen Top-Stars. Doch damit ist jetzt Schluss.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Tobit-Chef Tobias Groten,

am vergangenen Samstag fand auf Ihrem Firmengelände das elfte Kultur- und Musikfestival "NightClubbing" statt. Auch in diesem Jahr pilgerten aus diesem Anlass bei bestem Sommerwetter wieder rund 10.000 Besucher in die westmünsterländische Provinz, darunter mehrere 100 Geschäfts- und Vertriebspartner der Ahauser Softwarefirma ("David"). Das Besondere an der Veranstaltung "NightClubbing" ist, dass das Unternehmen Tobit nicht etwa als Sponsor, sondern als Veranstalter auftritt und somit auch das komplette unternehmerische Risiko trägt. Und dieses ist nicht gering. In den vergangenen Jahren holten Sie internationale und nationale Top-Stars nach Ahaus, unter ihnen Joe Cocker, James Brown, Grace Jones, UB40, Cool and the Gang, Kim Wilde, Leningrad Cowboys, Extrabreit und Die Fantastischen Vier.

Sie, lieber Herr Groten, haben mit dem Festival das kulturelle Leben der Stadt Ahaus und der gesamten Region bereichert. Wenn Tobit nicht das Festival veranstaltet hätte, hätte es keiner getan. Was waren Ihre Motive? Gegenüber der "Münsterland-Zeitung" sagten Sie, dass einer der wesentlichen Gründe darin bestand, "dass die Leute zu uns kommen und uns kennen lernen". Nun, nach zehn Jahren "NightClubbing" oder "Tobit After Dark", wie das Festival früher hieß, sollte man meinen, dass Sie dieses Ziel erreicht haben. Vielleicht ist dies auch einer der Gründe, warum das elfte Festival in diesem Jahr auch das letzte seiner Art ist. Eine Fortsetzung wird es nicht geben. Irgendetwas anderes vielleicht, nicht ganz so groß, nicht ganz so teuer.

Klar, Tobit ist eine Softwarefirma und kein Konzertveranstalter. Die Planung, Vorbereitung und Durchführung des Festivals verschlingen ungeheure Energie. Auch finanziell ist das Event ein Eiertanz. Sie können froh sein, wenn Sie einigermaßen kostendeckend aus der Veranstaltung herauskommen. Rund 500.000 Euro hat das Event in diesem Jahr verschlungen. Bei einem Eintrittspreis von 44,50 Euro pro Ticket müssen schon mehr als 10.000 zahlende Besucher kommen, damit Sie nicht zu sehr draufzahlen müssen. "Vor dem Festival hat Tobit mehr Geld auf dem Konto als hinterher. Dennoch ist das Festival für uns ein Gewinn – nur eben nicht finanziell", sagten Sie dem Reporter der Münsterland-Zeitung.

Andere Firmenchefs denken anders. Sie haben ein Schild an ihre Tür genagelt, auf dem steht: "Betteln und Hausieren verboten." Viele Vorstände und Geschäftsführer bekommen Pickel und verrammeln ihre Tür, sobald sie eine Anfrage erhalten, ob sie vielleicht, eventuell und möglicherweise mit einem kleinem Beitrag die örtliche Sportveranstaltung unterstützen würden. Der Gedankengang: "Wenn ich hier zusage, kommt sofort der nächste und will auch was haben." Gleichzeitig aber jammern sie lautstark darüber, dass das Image ihres Unternehmens in der Region so schlecht sei und die Schulabgänger einen weiten Bogen um ihr Firmengelände machen und ihren Ausbildungsplatz bei einem anderen Betrieb aufnehmen.

Lieber Herr Groten, das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Ihnen und vielen anderen Firmenchefs: FĂĽr Sie gibt es Wichtigeres als Profitmaximierung. Sie wollen etwas bewegen, etwas gestalten, etwas unternehmen und machen. Und Sie wollen SpaĂź haben an dem, was Sie tun, schlieĂźlich sind Sie ja auch Mitgesellschafter der SpaĂźgesellschaft mbH in Ahaus. NatĂĽrlich ist es auch fĂĽr Sie wichtig, dass das Unternehmen Tobit Geld verdient. Was ja offenbar ganz gut gelingt. Bei rund 15 Millionen Euro Umsatz erzielte Tobit 2006 etwa 3,8 Milionen Euro Gewinn. Auch die Eigenkapitalrendite von 39 Prozent ist nicht von schlechten Eltern.

Ich bin sicher, dass viele Menschen in der Region Westmünsterland und auch viele Tobit-Geschäftspartner es sehr, sehr schade finden, dass es kein weiteres "NigthClubing-Festival" geben wird. Aber jedes Ende kann ja auch ein Anfang sein. Ich bin gespannt.

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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