Kolumne: Kehrt Compunet-Gründer Jost Stollmann nach Deutschland zurück - als Politiker?
Jost Stollmann hat 1984 das Systemhaus Compunet gegründet und wäre Ende der 90er Jahre fast Wirtschaftsminister geworden. Heute lebt er in Australien und mischt sich wieder in die politische Debatte in Deutschland ein. Die Frage ist: warum?
Lieber Compunet-Gründer Jost Stollmann,
der wichtigste Vorsatz der Deutschen für das Jahr 2009 ist: weniger Stress ! Das sagten zumindest 61 Prozent der mehr als 3.000 Teilnehmer einer entsprechenden Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK. Leider sagten die Umfrageteilnehmer nicht, wie sie das anstellen wollen. Genau das aber würde mich interessieren. Denn "weniger Stress" ist deutlich schwieriger zu realisieren als "weniger Rauchen" oder "mehr Sport".
Klar, man kann einfach mal zwei Jahre auf einem Segelboot über die sieben Weltmeere juckeln, so wie Sie das mit Ihrer Familie Anfang der 2000er Jahre gemacht haben. Das entspannt ungemein. Obwohl – zwei Jahre mit der Familie auf engem Raum ohne die Möglichkeit zur Flucht, das kann auch ganz schön an den Nerven zerren. Ansonsten ist Stress für Sie, lieber Herr Stollmann, vermutlich etwas, was Sie nur noch aus der Erinnerung kennen. Damals, in den 80ern des vorigen Jahrhunderts, als Sie das Systemhaus Compunet gegründet hatten, das später erst an General Electric und dann an Computacenter verkauft worden war. Eine aufregende, sicher auch eine sehr stressige Zeit. In die Schlagzeilen gerieten Sie noch einmal und erlangten kurze Bekanntheit auch jenseits der Grenzen der IT-Branche, als Sie Ende der 90er Jahre als zukünftiger Wirtschaftsminister in der Schröder-Regierung im Gespräch waren. Ist damals aber nichts draus geworden.
Sie wohnen heute mit Ihrer Familie in Australien. Darum beneiden Sie viele. Vor allem Leute aus meiner Generation. Damals in den 70ern, als die meisten jungen Leute mit dem Ausdruck "Joint Venture" noch eine fröhliche Runde Cannabis rauchender Freaks assoziierten, war Australien für viele ein Traum. "Ich wandere nach Australien aus", war so ein Spruch, den man oft hörte, wenn man darüber sprach, was man nach dem Abi tun wollte. Hat natürlich keiner gemacht. Wir sind dann doch nur Lehrer oder Hautarzt oder Filialleiter der Volksbank in Ahaus/Westfalen geworden.
Sie, lieber Herr Stollmann, haben es dagegen geschafft, Sie leben in Down under. Und sind sogar wieder unternehmerisch tätig, nämlich als Gründer und CEO des Finanzdienstleisters Tyro. In Deutschland hört und liest man wenig von Ihnen. Jetzt veröffentlichte das Wirtschaftsmagazin Brand eins ein Interview mit Ihnen. In dem Dialog geht es fast ausschließlich um die wichtigen politischen Fragen, also was man tun muss, um die Welt, mindestens aber Deutschland zu retten.
Das Interview mit Ihnen steht ganz vorne im Heft, offenbar weil die Redaktion es ganz besonders wichtig findet und vielleicht auch ein bisschen stolz darauf ist. Immerhin war es auch die Chefredakteurin Gabriele Fischer höchstpersönlich, die Ihnen die Fragen stellte. Das Interessante an dem Interview waren nicht so sehr Ihre Antworten, lieber Herr Stollmann, sondern in erster Linie die Fragen von Frau Fischer. Die Fragen von Frau Fischer drehten sich nicht um brennende Themen des Unternehmertums oder des Managements, sondern fast ausschließlich um (wirtschafts-) politische Themenstellungen. Man fragt sich als Leser unweigerlich: warum eigentlich? Was qualifiziert Jost Stollmann dazu, zu politischen Themen Aussagen zu treffen, die von Gewicht sowie von allgemeinem Interesse und allgemeiner Bedeutung sind? Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage gefunden habe, lautet: Die einzige Qualifikation ist der Wunsch, politisch aktiv zu werden. Sagen wir es mal so: Für mich ist Ihr Interview in der Zeitschrift Brand eins im Wesentlichen die Bewerbung um ein hohes politisches Regierungsamt in Deutschland.
Ist das so unwahrscheinlich? In einem sehr lesenswerten Artikel über Sie in der Tageszeitung Die Welt im September 2008 kokettierten Sie bereits mit dem Gedanken, als Wirtschaftsminister in einer Merkel-Regierung tätig zu sein – sicher nicht die schlechteste Alternative zum jetzigen Amtsinhaber Michael Glos ("Trauer-Glos"). In dem Welt-Artikel geben Sie der Kanzlerin sogar schon mal Wahlkampfhilfe: "Angela Merkel müsste zunächst mal einen Wahlkampf richtig gewinnen, aber das funktioniert nicht mit Themen wie Steuerpolitik und eckigen Professoren", regten Sie an. Also statt mit "eckigen Professoren" lieber mit Jost Stollmann? Ein interessanter Gedanke.
Lieber Herr Stollmann, seien Sie ehrlich: Sie haben die Nase voll von Australien. Wenn Ihre Frau – eine gebürtige Britin – nicht so an dem Land hängen würde, sie würden die Koffer packen und wieder nach "good old Germany" zurückkehren. Muss ja nicht unbedingt wieder Kerpen sein. Die Brücken in die alte Heimat haben Sie ja ohnehin nicht vollkommen abgerissen, und Ihre Tochter, die in Köln studiert, würde sich vermutlich auch freuen. Jedenfalls steht eins fest: Leute wie Sie, erfolgreiche Unternehmer mit einem breiten intellektuellen Horizont, die können wir gerade heute in der Politik gut gebrauchen.
Beste Grüße!
Und hier die Antwort von Compunet-Gründer Jost Stollmann.
Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale. ()