Kolumne: Vodafone, Arcor und eine Politikerin als Vertrauensperson

Politiker sind Menschen, die vor der Wahl etwas versprechen, was sie nach der Wahl nicht einhalten. Nun hat Vodafone-Chef Friedrich Joussen eine Politikerin zur Vertrauensperson fĂĽr seine Mitarbeiter ernannt. Ein erstaunlicher Vorgang.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Vodafone- und Arcor-Chef Friedrich Joussen,

Anfang dieser Woche teilten Sie der staunenden Öffentlichkeit mit, dass die Politikerin Renate Schmidt (SPD) neue "Vertrauensperson bei Vodafone Deutschland und Arcor" wird. Die Öffentlichkeit staunt deshalb, weil "Vertrauen" und "Politiker" bzw. "Politikerin" erfahrungsgemäß zwei Sachen sind, die wenig miteinander zu tun haben. Oder sind Politiker etwa nicht diejenigen Menschen, die vor der Wahl etwas versprechen, was sie nach der Wahl nicht einhalten? Wenn Sie, lieber Herr Joussen, nun ausgerechnet eine Politikerin als Fachfrau für das Thema Vertrauen präsentieren, dann läßt sich dies vor allem als ein Zeichen dafür werten, wie schlecht es um das Vertrauen bei uns steht. Jeder hat den Eindruck, dass er nichts und niemandem mehr trauen und vertrauen kann. Nicht einmal mehr den Banken, die doch so gerne sagen, dass Vertrauen "der Anfang von allem" ist. Wenn man nun auch schon Politikern Vertrauen schenken soll...

Aber vielleicht ist Renate Schmidt, die ehemalige Bundesfamilienministerin, ja eine von den Guten. Auf mich wirkt sie jedenfalls immer ganz nett und sympathisch. Und das ist für ihren Job ja auch sehr hilfreich. Denn Frau Schmidt soll für die Vodafone-Mitarbeiter da sein, ihnen bei Sorgen, Nöten und allem anderen ein offenes Ohr schenken und sehen, was sie für sie tun kann. In anderen Unternehmen gehen die Mitarbeiter mit diesen Themen zu ihrem Vorgesetzten, zur Personalabteilung oder auch zum Betriebsrat. Aber vielleicht ist das bei Vodafone und Arcor nicht üblich, oder das Thema "Vertrauen" ist bei den Führungskräften vor lauter Arbeit und Kundenorientierung bisher ein wenig zu kurz gekommen. Da kann es natürlich Sinn machen, jemanden an Bord zu holen, der sich ausschließlich darum kümmert ("Frau Schmidt, was machen Sie so bei Vodafone?" "Ich bin verantwortlich für das Vertrauen.").

Frau Schmidt wird keine Vodafone-Angestellte werden, sondern als externe Ansprechpartnerin fungieren. Das macht die Sache schwierig. Denn hat nicht Vertrauen auch mit Nähe zu tun? Gemeinsames Essen in der Kantine und so? Gehört zum Vertrauen nicht auch Vertrautheit? Vertrauen kann man nicht anordnen ("Leute, ab heute vertrauen Sie Frau Schmidt!"), das muss sich entwickeln, dafür braucht es Zeit. Ich frage mich, wie man Vertrauen zu jemandem aufbauen soll, den man nur aus der Zeitung, dem Fernsehen und der Firmenbroschüre kennt?

Warum nur werde ich den Eindruck nicht los, dass es sich hier in erster Linie um eine PR-Aktion handelt? Was ja auch nichts Verdammenswertes wäre! Zumal wir es hier offenbar mit einer klassischen Win-Win-Situation zu tun haben, wobei die Begünstigten Vodafone und Frau Schmidt sind. PR auch deshalb, weil Sie, lieber Herr Joussen, im selben Aufwasch auch noch dem Konkurrenten Telekom eine lange Nase zeigen. Während Telekom-Chef René Obermann nämlich verkündet, dass das Unternehmen nach den zahlreichen Pannen und Skandalen einen Datenschutz-Vorstand bestellen wird, können Sie vermelden, dass Sie schon so jemanden haben. Gut, genau genommen natürlich nicht, aber zumindest vermitteln Sie in Ihrer Pressemitteilung geschickt den Eindruck, dass Frau Schmidt auch für den "Schutz der Kundendaten", "einwandfreie Geschäftsbeziehungen" sowie die "Einhaltung aller Vorschriften und Gesetze" zuständig sei. Richtig ist aber lediglich, dass Mitarbeiter, die glauben, dass irgendetwas in ihrem beruflichen und geschäftlichen Beobachtungsfeld nicht koscher ist, sich mit ihrem Verdacht an Frau Schmidt wenden können. Sofern sie Vertrauen zu ihr haben. Insofern hoffe ich, dass die Verpflichtung von Frau Schmidt nicht nur eine Showeinlage ist.

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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