Palm Pre vor dem Verkaufsstart in Deutschland: Wie wichtig sind StĂĽckzahlen?
Der "iPhone-Killer“ Palm Pre ist ab morgen auch in Deutschland zu haben. Allerdings ausschließlich in den Shops von o2. Für maximalen Stückzahlenabsatz ist das sicher nicht die optimale Lösung.
Lieber Palm-Chef Jon Rubinstein,
ab morgen wird es Ernst. Morgen ist der Verkaufsstart für Palms letzten Hoffnungsträger, den Palm Pre. Auch für René Schuster, den Chef von o2-Deutschland, ist dies ein wichtiges Datum, denn o2 hat die exklusiven Vermarktungsrechte für das Smartphone in Deutschland. Natürlich muss man ein bisschen TamTam machen und so gibt es bereits heute Abend im o2-Flagship-Store am Münchener Marienplatz eine Einführungs- oder – neudeutsch – Launch-Party mit "Buffet, Drinks und musikalische Untermalung durch einen Szene-DJ", wie die Einladung verspricht. Und weil so etwas ohne Prominenz schon lange nicht mehr geht, gibt sich heute Abend die Schauspielerin Sonja Kirchberger die Ehre – ein raffinierter Schachzug, wenn Sie mich fragen. Denn vielleicht springt ja ein bisschen vom Sexappeal der Österreicherin auf das doch eher nüchterne Telefon über.
Den Palm Pre gibt es ab morgen auch in Deutschland.
(Bild:Â Palm)
Ist es nicht nett von o2-Chef René Schuster, dass er heute Abend die Party für Sie schmeißt? Denn angesichts der prekären Finanzlage von Palm hätte man sich sonst fragen müssen, wovon Sie das Bier und die Schnittchen hätten bezahlen sollen. Ich habe noch mal nachgesehen, wie die Zahlen bei Palm sind, und ich war wirklich schockiert. Für Palm ist es fünf vor zwölf, aber nicht fünf Minuten, sondern Sekunden. Das Geschäftsjahr 2009/10 (31.8.) fing so an, wie das letzte endete: mit Not und Elend. In den ersten drei Monaten bis Ende August mussten Sie einen Nettoverlust von fast 165 Millionen Dollar und einen Umsatzeinbruch um mehr als 80 Prozent auf 68 Millionen Dollar ausweisen. Einziger Lichtblick und Anlass zur Hoffnung: Die Zahl der ausgelieferten Smartphones stieg dank des seit einigen Monaten in den USA verkauften Gerätes Palm Pre zum vorangegangen Quartal um 134 Prozent auf 823.000 Stück. Allerdings lag der Absatz immer noch 30 Prozent unter dem Vorjahresquartal.
Die spannende Frage ist nun: Kann der Palm Pre das Unternehmen retten? Die Erwartungen sind hoch. Bereits nach der Vorstellung des Produkts auf der US-Messe CES in Las Vegas im Januar dieses Jahres hatten sich ja einige auch deutsche Experten vor Begeisterung förmlich überschlagen (ich hatte in meiner Kolumne Mitte Januar darüber geschrieben). Auch hier bei Heise.de fand das Gerät bei einem Check durch die Fachleute freundliche Worte. Ob der Pre allerdings das Zeug zum "iPhone-Killer" hat, wie irgendwo zu lesen war? Ich bin da skeptisch. Die Absatzzahlen in den USA sind nach Experteneinschätzungen zwar bisher nicht schlecht, aber meilenweit von Apples iPhone entfernt. Und ich fürchte, dass sich in Deutschland ein ähnliches Bild zeigen wird.
Andererseits ist es sicher zu früh, Palm abzuschreiben. Andere Firmen, die am Boden lagen, haben gezeigt, dass es möglich ist, mit einem einzigen Produkt wieder nach oben zu kommen. Prägnantestes Beispiel – neben Apple mit dem iPod – aus der jüngeren Vergangenheit: Spielekonsolenhersteller Nintendo. Die Firma war kurz vor der Pleite, und brachte dann die Konsole Wii auf den Markt. Aufgrund der völlig neuartigen Spielmöglichkeiten war das Teil sofort ein unglaublicher Verkaufsrenner, die Konkurrenz reagierte geschockt und Nintendo feierte ein glänzendes Comeback.
Allerdings: So völlig neuartig, man kann fast sagen, so revolutionär wie die Konsole Wii ist der Palm Pre sicher nicht. Es ist vermutlich ein gutes Produkt, vielleicht sogar besser als das iPhone, zumindest in dem einen oder anderen Aspekt, aber es ist einfach nicht etwas völlig anderes als das iPhone. Der Pre hat keinen Wow!-Effekt, und damit meine ich nicht einen Wow!-Effekt bei den Experten, sondern bei den Leuten draußen im Land, die das Gerät kaufen sollen. Ich habe den Eindruck, Sie wollten mit dem Pre einfach nur ein besseres iPhone machen. "Einfach nur" ist natürlich schon eine ganze Menge, aber für einen wirklichen kommerziellen Erfolg ist dieser Ansatz vielleicht doch nicht radikal genug.
Lieber Herr Rubinstein, auch beim Vertrieb orientieren Sie sich an Apple. Ich meine die Sache mit den exklusiven Vertriebsvereinbarungen, hier in Deutschland mit o2. Sie werden Ihre Gründe dafür haben, aber eins ist klar: Unter absatzmaximalen Gesichtspunkten ist das völliger Humbug. Auf Stückzahlen kommen Sie so nicht! Wer in kurzer Zeit möglichst viele Geräte in den Markt drücken will, der kommt um eine offene Distribution über den unabhängigen IT- und TK-Handel nicht vorbei. Dass Sie sich anders entschieden haben, muss man wohl so interpretieren, dass maximaler Absatz nicht Ihr primäres Ziel ist. Einen exklusiven Vertrieb über einen einzigen Vertriebspartner, das muss man sich erst einmal leisten können. Big Brands sind dazu vielleicht in der Lage. Aber Palm?
Beste GrĂĽĂźe
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