Roboter im Alltag: Der Freund
Kann zwischen Mensch und Roboter eine Freundschaft entstehen? Oder ist eine "seelenlose" Maschine zu einer Freundschaft gar nicht in der Lage?

(Bild: Dmytro Zinkevych / Shutterstock.com)
Die Sozialwissenschaftlerin Sherry Turkle (Massachusetts Institute of Technology) zeigte sich 2012 bei einem Vortrag entsetzt über das, was sie in einem Seniorenheim erlebt hatte: "Eine Frau, die ein Kind verloren hatte, redete mit einem Roboter in Form eines Seelöwenbabys. Es schien in ihre Augen zu schauen. Es schien der Unterhaltung zu folgen. Es tröstete sie." Dabei sei das Einfühlungsvermögen des Roboters doch nur vorgetäuscht gewesen: "Diese Frau versuchte, ihrem Leben Sinn zu verleihen, mittels einer Maschine, die keine Erfahrung mit dem Verlauf eines menschlichen Lebens hatte."
Turkle ist nicht die Einzige, die mit heftigen, abwehrenden Emotionen reagiert, wenn es um emotionale Bindungen, gar Freundschaften mit Robotern geht. Es erscheint verstörend und irgendwie falsch, einem seelenlosen Objekt gegenüber die eigene Seele zu öffnen. Dabei ist es eigentlich nicht ungewöhnlich. Vermutlich hätte Turkle weniger heftig reagiert, wenn die Frau eine unbewegliche Puppe im Arm gehalten hätte. Und sie hätte es womöglich für vollkommen normal gehalten, wenn die Frau am Grab ihrer Tochter mit einem Stein gesprochen hätte.
Aber Puppen und Grabsteine sind seit Langem etablierte kulturelle Artefakte, mit denen die alte Frau in ihrem Leben ausreichend Erfahrungen hatte sammeln können. Der Robbenroboter Paro dagegen, um den es sich offenbar gehandelt hat, muss ihr neu gewesen sein. Turkles Abneigung dürfte daher auch durch die Sorge genährt worden sein, die Bewohnerin des Seniorenheims könne die "Täuschung" nicht durchschauen.
(Bild: Paro Robots Japan)
Die Sorge ist vollkommen berechtigt. Es ist respektlos, alten Menschen Techniken aufzuzwingen. Turkle hat recht, wenn sie darin eine Verletzung des Vertrages zwischen den Generationen erkennt. "Wenn wir die richtigen sozialen Prioritäten setzen, finden wir genügend Menschen, die die Aufgabe übernehmen", zitiert sie Steve Outing im Magazin Forbes. "Dies an Roboter zu delegieren, bedeutet, mehr von Maschinen zu erwarten und weniger von uns."
(Bild: MikeDotta/Shutterstock.com)
Der vorgetäuschte Roboterfreund
Die nächste oder übernächste Generation jedoch dürfte ihre Roboterfreunde bereits selbst ins Seniorenheim mitbringen – sofern sie es nicht vorziehen, im vertrauten eigenen Heim gemeinsam mit ihnen alt zu werden. Solche Freundschaften zwischen Menschen und Robotern könnten bereits heute entstehen, meint die Philosophin Helen Ryland (The Open University, Milton Keynes). Sie denkt dabei an soziale Roboter wie Pepper oder Buddy, die laut Herstellerangaben in der Lage seien, "menschliche Emotionen zu erkennen und soziale Interaktionen durchzuführen".
(Bild: Softbank Robotics)
(Bild: Freethink (Screenshot))
Soziale Roboter seien darauf ausgerichtet, Beziehungen zu Menschen einzugehen, etwa als Sexpartner, als Lehrer oder Priester, so Ryland in der Zeitschrift Minds and Machines. Gleichwohl hielten viele solche Beziehungen für problematisch oder verwerflich. Sie führt das auf überkommene Vorstellungen von Freundschaft zurück, die in Anlehnung an den antiken Denker Aristoteles mit Freundschaft Merkmale verbinden wie Gegenseitigkeit, Empathie, Selbstvergewisserung, gemeinsame Aktivitäten, gegenseitige Verpflichtungen, Wohlwollen, Liebe und Anerkennung der Tugenden, Aufrichtigkeit, Gleichheit. Weil Roboter diese Bedingungen nicht erfüllen könnten, könne es daher keine Freundschaft mit Menschen geben. Solche vermeintlichen Freundschaften würden nur auf Täuschung beruhen und könnten zudem zur Vernachlässigung zwischenmenschlicher Freundschaften führen.
Moderne Freundschaft
Wenn man jedoch den aristotelischen Standpunkt verlasse und sich auf ein moderneres Verständnis von Freundschaft berufe, erschienen Mensch-Roboter-Freundschaften durchaus möglich und akzeptabel, so Ryland. Unser Verständnis von Freundschaft habe sich geändert, nicht zuletzt durch Technologie, was sich zum Beispiel an Online-Freundschaften zeige. Sie schlägt daher ein graduelles Verständnis von Freundschaft vor, das als notwendige Bedingung und Minimalvoraussetzung lediglich gegenseitiges Wohlwollen anerkennt. Alle weiteren der oben genannten Merkmale seien wichtig, aber optional und trügen zu einer mehr oder weniger tiefen Freundschaft bei.
Auf diese Weise seien Freundschaften zu Robotern heute schon möglich und könnten sich in der Zukunft mit entwickelter Technik weiter vertiefen. Solche abgestuften Freundschaftsniveaus, erklärt Ryland, widerlegten auch das Argument, dass die Freundschaft von Robotern nur vorgetäuscht sei und dass Freundschaften mit Menschen dadurch vernachlässigt werden könnten. Das graduelle Verständnis erlaube vielmehr das Nebeneinander verschieden intensiver Freundschaften. "Schlussendlich", so Ryland, "ließe sich argumentieren, dass Freundschaften mit Robotern unsere Bereitschaft, andere Menschen zu tolerieren und in die Gemeinschaft aufzunehmen, steigern könnten. Insbesondere könnten Mensch-Roboter-Freundschaften ein Zeichen setzen, wie auch Menschen, die anders sind als wir, akzeptiert und Freunde werden können."
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Rylands Überlegungen werden gestützt durch soziologische Studien. So stellt Leoni Linek (Humboldt-Universität zu Berlin) im Berliner Journal für Soziologie fest, dass das lange Zeit vernachlässigte Thema Freundschaft sich wachsenden Interesses in der Forschung erfreue. Grund dafür seien die demografischen Veränderungen und der Wandel der Familie als auch der Wandel der Arbeit und die zunehmende Bedeutung von Netzwerken. All das werfe die Frage auf, "ob Freundschaften im Lebenszusammenhang der Individuen an Bedeutung gewinnen, ja sogar wichtige gesellschaftliche Funktionen zu übernehmen beginnen".
Ideale und oberflächliche Freundschaft
Allerdings sei der Begriff Freundschaft schwer zu fassen. Einer "ideal-normativen" Sicht, die Freundschaft in der Nähe der Liebe verorte, stehe ein eher ökonomistischer Blick auf das Thema gegenüber, der "moderne Freundschaften als Ausdruck eines nutzenmaximierenden oder narzisstischen individuellen Verhaltens in einer zunehmend vermarktlichten Gesellschaft" deute. Es werde deutlich unterschieden zwischen "instrumentellen, eher distanzierten Kontakten und engen, nicht-instrumentellen Freundschaften."
Vermeintlich oberflächliche Freundschaften sind dabei nicht unbedingt weniger wichtig. Es seien nicht die starken Bindungen, die uns als Individuen in die Gesellschaft einbetten, erklärt Heinz Bude (Universität Kassel) an gleicher Stelle, es seien "im Gegenteil die schwachen, unaufwändigen, relativ distanzierten, wenig einschränkenden und von begrenzter Gegenseitigkeit gekennzeichneten Beziehungen, die einen mit Informationen über einen guten Job versorgen, die einen in einem Wohnviertel verankern und die einem das Empfinden vermitteln dazuzugehören." Freundschaft könne eine Antwort auf die Frage nach einer würdigen Lebensführung im Alter sein, so Bude, "wenn die Angehörigen nicht mehr aktivierbar sind und man mit Misstrauen auf die Verhältnisse der Versorgung der Älteren und Alten schaut."
Unter solchen Freunden, die im Alter Unterstützung bieten, könnte es zukünftig mehr und mehr Roboter geben. Wer heute mit Robotern als Spielgefährten aufwächst, könnte daher im Alter mit künstlichen Freunden zu tun haben, die in der Lage sind, persönliche Beziehungen über Jahre und Jahrzehnte zu entwickeln und zu vertiefen.
Emotionale Intelligenz
Derzeit steckt die dafür erforderliche emotionale Intelligenz zwar noch in den Kinderschuhen. Es gibt jedoch ein vielversprechendes Werkzeug, das ihre Entwicklung beschleunigen könnte: der Lövheim Cube zur Modellierung von Emotionen. 2011 von dem Mediziner Hugo Lövheim (Umeå University) vorgestellt, ordnet er acht "Basisemotionen" den Ecken eines Würfels zu, während auf den drei Raumachsen die Konzentrationen der Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin dargestellt werden. Unterschiedliche Mischungen der Botenstoffe erzeugen unterschiedliche Gefühlslagen, denen räumliche Koordinaten zugeordnet werden können. Angst etwa ist verbunden mit erhöhter Dopamin-Ausschüttung und kann sich in Kombination mit Noradrenalin in Wut und zusammen mit Serotonin in Freude verwandeln.
(Bild: Fred the Oyster (CC-BY-SA 4.0))
Jean-Claude Heudin (De Vinci Research Center) hat sich auf dieses Modell gestützt, um das Sprachverhalten eines virtuellen Agenten glaubhafter zu gestalten. Der besteht selbst wiederum aus mehreren Agenten, die unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale darstellen, etwa den Unverschämten, den Witzbold, den Wortkargen, den Harmoniesüchtigen. Sie alle werden bestimmten Koordinaten im Lövheim Cube zugeordnet und schlagen Entgegnungen auf die letzte Äußerung des Gesprächspartners vor.
Welche davon ausgewählt wird, hängt vom aktuellen Zustand des "Emotion Metabolism" ab. Dieser emotionale Stoffwechsel prägt die Laune des Sprachagenten auf drei Ebenen. Am dauerhaftesten auf der Ebene der Persönlichkeit, die durch fünf Dimensionen – Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus – definiert ist. Von mittelfristiger Bedeutung ist die darüber liegende Stimmung, die sich aus dem Zusammenspiel der drei Neurotransmitter ergibt. Und ganz oben lässt das Emotionsmodul bei bestimmten Ereignissen kurzfristig die Konzentration eines oder mehrerer Neurotransmitter ansteigen, die dann innerhalb von zehn Sekunden wieder abklingt.
Bei einem Experiment mit 30 Studenten, die sowohl mit Apples Siri (als neutraler Vergleichsagent) als auch mit dem emotional gesteuerten System Unterhaltungen führen sollten, wurde letzteres von den Teilnehmern besser bewertet. Es gab gleichwohl inhaltlich unpassende Antworten, die Heudin darauf zurückführt, dass die zwölf Persönlichkeitsmerkmale noch nicht den gesamten Raum des Lövheim-Würfels abdeckten.
Das sind immer noch emotionale Kinderschuhe, gewiss, aber sie verfügen über erhebliches Wachstumspotenzial. Insbesondere wenn auch die Dimensionen der Persönlichkeit nicht mehr statisch festgelegt werden, sondern sich über Jahre und Jahrzehnte verändern können, könnten sich tiefe und einzigartige Beziehungen zwischen Menschen und Robotern entwickeln, wirkliche Freundschaften. Mag sein, dass die elektronischen Persönlichkeiten der Roboter uns immer befremdlich, irgendwie künstlich vorkommen werden. Gut möglich, dass der Lövner-Würfel in ihrem Innern seine Ecken und Kanten auch in ihrem Charakter zeigt. Aber die Roboter sollen ja nicht so tun, als wären sie Menschen. Es wird vielleicht gerade das Andersartige sein, das sie interessant macht – und die Freundschaft mit ihnen eines Tages bis ins hohe Alter am Leben erhalten könnte.
Irgendwann mag sich eine Freundschaft auch in Liebe verwandeln. Doch das ist ein anderes Thema, das im nächsten und zugleich letzten Teil der Artikel-Serie "Roboter im Alltag" erörtert wird.
Ăśbersicht der Artikel-Serie "Roboter im Alltag"
(olb)