Tastaturhersteller Cherry ein Jahr nach der Übernahme durch ZF Friedrichshafen

"Wir hatten schon bessere Zeiten", heißt es bei Cherry in Auerbach. Ja, wer hatte die nicht? Vor einem Jahr wurde Cherry von Deutschlands drittgrößtem Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen übernommen. Eine Zwischenbilanz.

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Von
  • Damian Sicking

Günter Murmann, Geschäftsführer Cherry

(Bild: Cherry)

Lieber Cherry-Geschäftsführer Günter Murmann,

vor gut einem Jahr ist die gute, alte Firma Cherry – immerhin der weltweit älteste Tastaturenhersteller, behauptet sie jedenfalls selbst – von Deutschlands drittgrößtem Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen übernommen worden. Wir von Heise bzw. Heise resale haben damals nicht nur über diese absolute berichtenswerte Übernahme berichtet, sondern wir haben uns im gleichen Atemzug die bange Frage gestellt, welche Konsequenzen dieser Deal wohl für die Tastatur-Division von Cherry haben wird. Seitdem ist, wie gesagt, ein Jahr vergangen und daher ein guter Zeitpunkt nachzufragen, was seitdem passiert ist.

Und es ist etwas passiert. Etwas Wesentliches. Denn die Firma Cherry gibt es nicht mehr. Es gibt in Auerbach in der Oberpfalz, einem Städtchen mit rund 9.000 Einwohnern, nach wie vor die "Cherrystraße", und noch immer ist das Unternehmen dort der größte Arbeitgeber am Ort, aber es heißt nicht mehr "Cherry", sondern es heißt jetzt ZF Electronics GmbH. Aber für die Mitarbeiter, für die Leute in der Stadt, auch für die Vertriebspartner bleibt Cherry natürlich Cherry. Für mich übrigens auch, weshalb ich nach wie vor von "Cherry" und nicht von "ZF Electronics" spreche. "Cherry" ist auch nach wie vor die Marke der Tastaturen, und wer im Internet die Homepage der ZF Electronics GmbH erreichen will, muss die URL www.cherry.de eingeben, genauso wie die E-Mail-Adressen auf @cherry.de enden. Alles andere wäre ja auch kompletter Blödsinn, wenn Sie mich fragen.

Es gibt neben den Veränderungen auch Dinge, die sich auch unter dem Dach des Automobilzulieferers vom Bodensee nicht geändert haben, obwohl mancher das im vergangenen Jahr befürchtet hatte: Die Tastatureinheit gibt es nach wie vor, die hat ZF nicht verkauft oder dicht gemacht, obwohl sie ja ganz eindeutig nicht zum Kerngeschäft des großen ZF-Konzerns (knapp 60.000 Mitarbeiter, rund 12 Milliarden Euro Euro Umsatz 2008) gehört. Vielleicht ist ZF-Konzernvorstandschef Hans-Georg Härter sogar ganz froh, mit den ehemaligen Cherry-Einheiten "Computer-Eingabegeräte" und "Schalter & Steuerungen" zwei Bereiche im Firmenportfolio zu haben, die nichts mit der Automobilwirtschaft zu tun haben. Denn als drittgrößter Automobilzulieferer Deutschlands hat ZF derzeit genauso mit der schwierigen Lage am KFZ-Markt zu kämpfen wie andere auch. Bereits seit dem Frühjahr wird bei ZF kurzgearbeitet, auch bei Ihnen in Auerbach, lieber Herr Murmann, und die Kurzarbeit wird noch weit bis ins kommende Jahr hineinreichen.

"Wir hatten schon bessere Zeiten", sagte mir Ihre Pressechefin. Klar, wer nicht? Zumal es ja nicht so ist, dass zwar der Bereich Automotiv derzeit ein wenig in den Seilen hängt, die anderen Geschäftszweige aber dafür brummen. Ein geringerer PC-Absatz zum Beispiel bedeutet eben auch einen geringen Absatz von Tastaturen und Mäusen. Aber für Cherry gilt auch, was für die Mutter gilt: Die Stammbelegschaft soll gehalten werden, zumindest in Deutschland. Im vergangenen Jahr hat Cherry weltweit rund 2.800 Mitarbeiter beschäftigt (davon etwas mehr als die Hälfte in Deutschland) und einen Umsatz von 255 Millionen Euro erwirtschaftet. Wichtig ist: Nur nicht unterkriegen lassen! Das tun Sie ja offensichtlich nicht. Cherry bringt auch in schwierigen Zeiten neue bezahlbare Produkte auf den Markt, und Cherry zeigt sich auf den Messen dieser Welt.

Lieber Herr Murmann, ich sag´s ganz offen: Aus journalistischer Sicht ist die Zwischenbilanz ein Jahr nach der Übernahme von Cherry durch ZF Friedrichshafen ziemlich langweilig oder sagen wir besser unspektakulär. Aus Ihrer Sicht und der Sicht der Cherry-Mitarbeiter ist aber vermutlich dieses Langweilige und Unspektakuläre gerade das, was Sie gut finden.

Beste Grüße

Damian Sicking

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