"Ich hatte mir mehr Sorgen um staatliche Überwachung gemacht"

Die Anthropologin Gabriella Coleman ist Expertin für Hacker- und Internet-Subkulturen. In ihrem neuesten Buch zeichnet sie die Entwicklung von Anonymous nach.

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Inhaltsverzeichnis

Die Anthropologin Gabriella Coleman von der kanadischen McGill University in Montreal ist Expertin für Hacker- und Internet-Subkulturen. In ihrem neuesten Buch: Hacker, Hoaxer, Whistleblower, Spy: The Many Faces of Anonymous zeichnet sie die Entwicklung von Anonymous zu einer politischen Aktivistengruppe nach.

Technology Review: Sie haben jahrelang das Hacker-Kollektiv Anonymous erforscht. Wie viele der Aktivisten haben Sie tatsächlich getroffen, persönlich, außerhalb des Netzes?

Gabriella Coleman: Mindestens 15. Vielleicht ein paar mehr, aber das waren Menschen, die ich nur kurz gesprochen habe – meist nach Vorträgen, die ich gehalten habe. Über Online-Kanäle hatte ich Kontakt zu etwa 50 Aktivisten.

Gabriella Coleman

Wie haben Sie das geschafft? Normalerweise versuchen die Aktivisten doch bewusst, unerkannt und anonym zu bleiben.

Mit einigen habe ich gesprochen, nachdem sie verhaftet worden sind. Das ändert natürlich alles. Als die Verhaftungen stattfanden war ich bereits bekannt, ein Interviewpartner für die Medien, jemand, der Artikel veröffentlicht, und eine Menge Vorträge hält. Da sie meine Arbeit respektierten, waren einige der Verhafteten bereit, sich mit mir zu treffen.
Aber nicht alle, die mit mir gesprochen haben, saßen im Gefängnis. Einige habe ich auch bei Protesten auf der Straße getroffen. Wie Sie wissen, war eines der ersten Ziele von Anonymous die so genannte Kirche Scientology.
Ich hatte mich bereits seit einiger Zeit mit "Chanology" beschäftigt – das war der Name der Gruppe, die die Proteste gegen Scientology koordinierte. Ich fing an Vorträge zu halten. Und als sich ein neues, Hacking-Netzwerk bildete, das direkte – auch illegale – Aktionen plante, kannten viele der Aktivisten bereits meinen Namen. Sie wussten, dass Anthropologen wie ich normalerweise niemandem das Messer in den Rücken stoßen. Man versucht als Wissenschaftler eher in der Masse unterzutauchen, und alles zu verstehen, was passiert. Und genau das hat sich als äußerst wertvoll erwiesen, um Zugang zu den Netzwerken von Anonymous zu bekommen.

Sie haben aber auch eine Menge Menschen online getroffen, die anonym geblieben sind, während Ihr Name und Ihre Adresse bekannt waren. Darunter auch einige notorische Trolle. Haben Sie sich jemals bedroht gefühlt?

Nein. Nicht, während ich geforscht habe. Ich war allerdings ein wenig nervös, als mein Buch herauskam. Denn in meinem Buch geht es genau um diesen Wandel von Anonymous – von einer reinen Internet-Subkultur hin zu einer politisch aktiven Gruppe. Was ich in dem Buch dann auch sehr positiv bewertet habe.
Ich weiß aber, dass es Menschen bei Anonymous gibt, die ziemlich sauer sind, weil Anonymous politisch geworden ist. Das ist zwar eine Minderheit, aber diese Menschen gibt es. Und als mein Buch herauskam, haben einige davon mich zum Beispiel auf Twitter beleidigt.
Aber im großen und ganzen haben ich mir während meiner Forschungen wegen Anonymous eigentlich keine Sorgen gemacht. Ich war mehr besorgt, was die staatliche Überwachung angeht. Die "Trolle aus den Justizbehörden", wie ich sie nenne, hatten Anonymous bereits seit längerem im Visier. Und ich wusste, dass auch ich ihr Interesse erregen würde.

Können Sie denn sagen, ob Sie überwacht worden sind?

Nun, ich weiß, dass der Hacker Sabu, der sich später als Informant des FBI entpuppen sollte, mit mir Kontakt aufnahm. Und ich muss davon ausgehen, dass dieses Treffen im Auftrag des FBI stattfand – jedenfalls zum Teil.

Das heißt, das FBI hat über Sabu versucht, Sie auszuhorchen?

Ich denke, er hat nicht wirklich versucht, tief zu graben. Ich meine, wenn ein Informant versucht, jemanden auszuhorchen, muss er sehr vorsichtig vorgehen. Sehr cool, sehr locker – er kann ja nicht riskieren, dass jemand ihn für einen Spitzel hält. Außerdem denke ich, Sabu hatte bei diesem Treffen auch seine eigenen Ziele im Blick.

Welche?

Ich denke, er wusste, dass er irgendwann auffliegt. Und er wollte, dass jemand wie ich ein positives Bild von ihm zeichnet. Das hat aber nicht wirklich funktioniert. Ich habe wohl zu kritisch auf ihn reagiert, und er hat den Kontakt dann nicht weiter aufrecht erhalten.

Was ist mit elektronischer Überwachung?

Natürlich verschlüssele ich meine Daten. Aber es gibt ja auch Keylogger, um Passwörter abzufischen. Der Gedanke, dass mein Computer angezapft sein könnte, belastet mich sehr. Ich ziehe es vor, nicht allzu oft darüber nachzudenken. Aber ja – möglich wäre das.

Macht es eine Organisation wie Anonymous, bei der gewissermaßen jeder hinter einer Maske versteckt ist, den Ermittlungsbehörden nicht besonders leicht, sich einzuschleichen?

Ja und Nein. Ein großer Teil der Interaktion findet online statt. Dabei kann man sich im gewissem Ausmaß schützen. Wenn Sie sich offline organisieren ist das viel schwieriger. Da gibt es Gruppentreffen in irgendeiner Wohnung, mit der Zeit bauen sich enge, gefühlsmäßige Bindungen auf. Das macht es viel schwieriger, mit Spitzeln umzugehen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Wurzeln dieser Gruppe in der Troll-Subkultur liegen. Jetzt kämpft Anonymous gerne mal gegen alles Böse in der Welt. Wie kam es zu diesem radikalen Wandel?

Anonymous war nur eine Gruppe von vielen, die getrollt haben. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe, die sich "RIP Trolls" nennt. Die suchen sich Gedenkseiten auf Facebook, die zur Erinnerung an Verstorbene eingerichtet wurden. Und dort verspotten sie Freunde und Angehörige. Das ist eine sehr zynische und feindselige Szene. Und viele dieser Gruppen sind noch immer aktiv. Während Anonymous sich davon abgewandt hat. Aber das bedeutet nicht, dass die Troll-Subkultur aus dem Internet verschwunden ist. Die gibt es noch immer.

Ist Anonymous also sowas wie die 68er-Bewegung der Netzkultur? Und damit ein Modell für politische Organisationen der Zukunft?

Ich glaube nicht, dass diese Art von Aktivismus Mainstream wird. Aber es gibt viel mehr Geeks und Hacker als früher. Natürlich sitzen bei mir in den Kursen viele Studierende, die mit dem Internet aufgewachsen sind – digital Natives. Aber sie sind keine Geeks oder Hacker. Das Wachstum hat also Grenzen. Aber Anonymous ermöglicht auch technisch nicht so versierten Menschen, sich an Aktionen zu beteiligen. Und sie verwenden sehr geschickt Elemente der Popkultur wie die Guy Fawkes-Masken. Ich denke, wir werden also noch mehr solcher Aktionen in der Zukunft sehen.

Trotz massenhafter Online-Aktionen und Offline-Demonstrationen hat die Überwachung und Kontrolle des Internets aber eher zugenommen. Kann eine Gruppe wie Anonymous etwas ausrichten?

Ich denke, wir sind oftmals zu ungeduldig, wenn wir über politische Veränderungen sprechen. Die Dinge ändern sich nicht in sechs Monaten oder einem Jahr. Die Menschen hier in den USA haben ein sehr viel größeres Bewusstsein für Privatsphäre, es werden sehr viele Verschlüsselungs-Tools entwickelt – ich denke es ist zu früh, um zu sagen, wer gewonnen oder verloren hat. Wir bewegen uns in die richtige Richtung. Die Frage ist, ob die Bewegung ihren Schwung behält.

Letzte Frage: Sollte es ein Recht auf anonyme Kommunikation im Internet geben?

Das gibt es. Zumindest in des USA. Lange bevor das Internet existierte, hat der oberste Gerichtshof der USA dieses Recht bestätigt – als Basis der Meinungsfreiheit.
Weil heute so viel unserer öffentlichen Diskussion im Internet stattfindet, sollte es auch dort zumindest einige Plätze geben, an denen man sich anonym austauschen kann. Wo man Gleichgesinnte treffen kann, um zum Beispiel über sexuelle Identität zu sprechen, ohne seinen Namen verraten zu müssen. Und es muss Orte geben, für politische Interventionen.
Ich denke aber auch, dass es ein Recht darauf gibt, Foren zu schaffen, in denen die Kommunikation nicht anonym ist. Die Vielfalt solcher Möglichkeiten muss gewahrt bleiben.

(wst)