Wahlkampf in Digitalien: Steile Inszenierung und flache Debatte?
(Bild: Wachiwit/Shutterstock.com)
Politische Selbstdarstellung in sozialen Medien: Nah dran und doch ausgewÀhlt und inszeniert. Verschiedene Plattformen brauchen unterschiedliche Strategien.
Politiker und Politikerinnen, die reihenweise durch die Talkshows tingeln: daran haben sich geneigte Mediennutzende lĂ€ngst gewöhnt. Gerade in Wahlkampfzeiten sind Auftritte in den verschiedensten Unterhaltungsformaten nicht mehr wegzudenken. Diese Verquickung zwischen Politik und Unterhaltung wird in der (politischen) Kommunikationsforschung unter Schlagworten wie "Entertaining Politics" oder "Politainment" untersucht und seit LĂ€ngerem mit Blick auf ihre Chancen (BĂŒrgernĂ€he) und Risiken (Verflachung der Debatten) fĂŒr politische Debatten und den demokratischen Diskurs besprochen. Fest steht dabei: Die Art und Weise, wie Politik kommuniziert wird, wie sich Politiker:innen prĂ€sentieren und wie sich die politische Kultur selbst gestaltet, hat sich mit der gesteigerten Bedeutung von Medien â und insbesondere digitalen Medien â entscheidend verĂ€ndert.
Wahlkampf 2021 ist Wahlkampf digital [4], aber wie sehr wird das die Politik ĂŒberfordern? Social Media-Plattformen sind mittlerweile aus dem politischen AlltagsgeschĂ€ft â inner- und auĂerhalb des Wahlkampfs â nicht mehr wegzudenken. Politiker:innen greifen auf Twitter, Instagram, Facebook und Co. zurĂŒck, um sich politisch zu positionieren, indem entweder selbst politische Statements gepostet werden oder anderen widersprochen wird. Um die eigene Marke aufzubauen, zu kultivieren und ein politisches Image zu transportieren. Und nicht zuletzt, um die Aufmerksamkeit der massenmedialen Berichterstattung zu erregen und im besten Fall zum Thema zu werden, das auf verschiedenen Medienplattformen zirkuliert. Die (wahrgenommenen) neuen Medienlogiken verlangen den politischen Akteuren einiges ab.
Inszenierung fĂŒr den "Internet-Hit"
Dabei gibt es in Deutschland â zumindest fĂŒr die politische Kommunikationsforschung â sehr interessante FĂ€lle: Markus Söder, obgleich (dann doch) kein Spitzenkandidat, ist Meister dieser Selbstinszenierung: Auf Instagram zeigt er sich wahlweise mit Bayern-Wappen zierender Kappe oder Maske (oder beidem) in verschiedenen Posen in der bayerischen Natur, in der Kirche und als seriöser, entschlossener Politiker. Wir dĂŒrfen ihn aber auch als begeisterten Radler, Sonntags-Braten-Esser und Spiderman-Fan erleben.
(Bild: Markus Söders Instagram-Account)
Ăberhaupt sind populĂ€rkulturelle Inhalte, sorgfĂ€ltig eingesetzt, der ânette Kontrastâ zum seriösen Politiker. Sie sollen signalisieren, dass es neben aller Arbeit aber doch auch ordentlich menschelt bei den Vorlieben und dass sich Tradition und Moderne nicht gegenseitig ausschlieĂen: Die R2D2 und Iron Man-Figuren beim politischen Aschermittwoch (nicht weit entfernt von den Holzkreuzen und direkt neben dem gekachelten Kamin) sind hierfĂŒr ebenso Beispiele wie der Einsatz der âWinter is Comingâ-Tasse der Serie Game of Thrones bei Söders Parteitagsrede. Sie Ă€nderte ihr Aussehen, als er heiĂes Wasser eingoss, um schlieĂlich fĂŒr alle bestens lesbar âWinter is Hereâ anzuzeigen. Söder selbst sagt in bester AuthentizitĂ€tsmanier, dies sei keine Absicht gewesen â sein Auftritt wird aber in bester Inszenierungsmanier massenmedial gefeiert und "zum Internet-Hit" (welt.de) erklĂ€rt. Authentisch, mitten aus dem (Arbeits-)Alltag â so viel wissen selbst unbedarfte Nutzer:innen inzwischen â ist auf Social Media-Plattformen nur selten etwas.
Vorbild oder Vorreiter USA
Insgesamt ist Deutschland im Vergleich zu anderen LĂ€ndern im digitalen Wahlkampf aber noch eher zurĂŒckhaltend. Die USA gelten als klare Vorreiter des Social-Media-Einsatzes im Politbetrieb und vor allem im (höchst personalisierten) Wahlkampf: Seit Barack Obama sind soziale Medien fester Bestandteil der Wahlkampfstrategie und zentrale Mittel im Kampf um die Aufmerksamkeit. Donald Trump hat Social Media nicht nur vor, im, wĂ€hrend und nach dem Wahlkampf extensiv genutzt, er hat das Twitter-Game wĂ€hrend seiner PrĂ€sidentschaft sogar bis zum letzten Level â und damit bis zur Sperrung seines Accounts â âdurchgespieltâ. Die verschiedensten Trends der Social-Media-Nutzung in der politischen Kommunikation setzen sich hingegen in Europa und Deutschland deutlich spĂ€ter, in abgeschwĂ€chter Form oder beizeiten auch gar nicht durch â was nicht zuletzt auf die weniger stark ausgeprĂ€gte, wenn auch ebenfalls vorhandene Fokussierung auf einzelne Kandidat*innen zurĂŒckzufĂŒhren ist.
Dennoch sind Social Media mittlerweile auch hierzulande elementarer Teil der eigenen Wahlkampfstrategie. Und damit ein Kampagnenkanal neben anderen. Sie werden fĂŒr die politische Kommunikation und die strategische Planung nicht sehr viel anders genutzt als traditionelle Massenmedien â obgleich sie teils anderen Logiken folgen und nach etwas anderen kommunikativen MaĂnahmen verlangen mögen.
In Zeiten des Wahlkampfs muss die strategische Social-Media-Kommunikation dabei noch ĂŒberlegter, noch bedachter erfolgen als sonst. Politiker:innen und ihre Berater:innen wĂ€gen sorgfĂ€ltig ab, welches Medium, welche Plattform, welches Format und nicht zuletzt auch welche (Selbst-)Inszenierung die jeweils interessantesten Zielgruppen erreichen. Welche am besten zum Image passen und die meiste (im Idealfall positive) Aufmerksamkeit versprechen. Zudem unterscheiden sich die Plattformen in ihren FunktionalitĂ€ten und der Art und Weise der Kommunikation, die wiederum ebenfalls ins KalkĂŒl gezogen werden. WĂ€hrend Instagram Raum fĂŒr Bilder voller Symbolkraft, Slogans und Snapshots aus dem Politikalltag bietet, eignet sich Twitter besser zur inhaltlichen Kommentierung und politischen Positionierung: solange diese zugespitzt und knackig prĂ€sentiert werden kann.
Kein Bedarf an Tiktok-Teens
Dass wir Armin Laschet bislang nicht auf TikTok, wohl aber auf Twitter bewundern durften, mag also daran liegen, dass die Plattform fĂŒr ihn (und sein Social Media-Team) ein noch nicht betretenes, sprichwörtliches Neuland ist. Oder daran, dass sich politische Statements besser in 240 geschriebene Zeichen pressen lassen als in mit Musik unterlegte Kurz-Videos. Es kann plausiblerweise aber auch dadurch motiviert sein, dass die ĂŒberwiegend jugendlichen TikTok-Nutzer:innen gar nicht in die wahlkampfrelevante Zielgruppe fĂŒr den Kanzlerkandidaten fallen, er ImageschĂ€den angesichts mangelnden komödiantischen Talents oder fehlender Ernsthaftigkeit befĂŒrchtet oder sich schlicht (und nicht zu Unrecht) keinen messbaren Mehrwert von einer TikTok-PrĂ€senz verspricht. Und daran, dass Twitter als "Elitenmedium" demgegenĂŒber einen direkteren Draht zu den Journalist:innen dieses Landes bietet. SchlieĂlich hat auch ein Kanzler- oder Spitzenkandidat nicht endlos KapazitĂ€t fĂŒr mediale PrĂ€senz und muss in Abstimmung mit seinen Berater:innen jenen medialen Content unters Volk bringen, der den vermeintlich bestmöglichen Outcome verspricht.
Social Media bedienen in gewisser Weise die Illusion des groĂen digitalen Gleichmachers: Jede:r kann sein Profil anlegen, jede:r kann Inhalte posten, Zustimmung einheimsen oder sich nach KrĂ€ften blamieren. Auch wenn Soziale Medien mit Partizipationsmöglichkeit, niedrigschwelligem Austausch und InteraktivitĂ€t assoziiert werden und diese Merkmale prinzipiell auch aufweisen, werden sie von den Politiker:innen und ihren Kommunikationsstrateg:innen meist gerade und bloĂ nicht mit dieser Absicht genutzt.
Insbesondere im von Politiker:innen viel genutzten Twitter bestimmen vor allem professionelle Akteure und (journalistische) Eliten die Debatten. Social-Media-Plattformen sind generell hierarchisierter und âvermachteterâ als sie auf den ersten Blick scheinen mögen. Und nicht zuletzt nehmen gerade etablierte Politiker:innen die Optionen eines (mehr oder weniger) gleichberechtigten Austauschs mit BĂŒrger:innen in der Regel nicht wahr. Ein Dialog oder gar eine Debatte mit Usern ist insbesondere in Zeiten des Wahlkampfs meist gar nicht erwĂŒnscht: Wenn alle mitreden können, geht schlieĂlich die Kontrolle darĂŒber, wer sich Ă€uĂert, was im Wahlkampf wie angesprochen wird und womit sich die Wahlwerbenden auf einmal herumschlagen mĂŒssen, zumindest teilweise verloren.
Heilsversprechen einer Demokratisierung von Politik
In den bisherigen Wirrungen der Wahlauseinandersetzung haben vor allem die GrĂŒnen und die CDU erfahren mĂŒssen, dass die Social-Media-AktivitĂ€ten von ParteigĂ€ngern ganz anders als gewĂŒnscht in den Fokus geraten können â man schaue sich die schönen GrĂŒĂe aus ThĂŒringen und TĂŒbingen an die Parteizentralen an. Der Wunsch nach Kontrolle ĂŒber die Art und Verbreitung der Inhalte ist also gerade im Wahlkampf zu groĂ. Zu riskant wĂ€re es, einen Fauxpas zu produzieren, den nicht nur die traditionellen Massenmedien und politischen Mitbewerber:innen dann freudig auswalzen wĂŒrden. Zudem sollen vermittelte Wahlbotschaften klar und eindeutig sein und sich am besten nicht in endlosen Twitter-, Facebook- oder Clubhouse-Diskussionen ver(w)irren.
Die mit der Verbreitung Sozialer Medien einhergegangenen Heilsversprechen einer Demokratisierung von Politik und Diskurs sowie der Inklusion von BĂŒrger:innen, so zeigt die Studienlage, sind also nur sehr punktuell und mit Blick auf die Kommunikation zwischen Volk und MĂ€chtigen gar nicht eingelöst worden. Dennoch ist die Illusion der Beteiligungsmöglichkeit (und damit der Nahbarkeit) zentrale Strategie mancher Kandidat:innen â nicht zuletzt um spezifische, die Kandidierenden vermeintlich auszeichnende Eigenschaften oder einfach nur politische Haltungen zu transportieren. So greift der SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz beispielsweise in der Kategorie âOlaf antwortetâ gezielt Social-Media-Kommentare von Nutzer:innen heraus, auf die er dann in einem Video reagiert. Auch hier erfolgt die Auswahl der Kommentare selbstverstĂ€ndlich von seinem Wahlkampf-/Social-Media-Team und ohne die Möglichkeit der unmittelbaren RĂŒckantwort von Seiten der Kommentierenden. Ganz zu schweigen von einer offenen und somit unkontrollierten Debatte.
Wenngleich die Kommunikation von Politiker:innen im aktuellen Bundestagswahlkampf ĂŒberwiegend strategisch, kalkuliert und einseitig verlĂ€uft, so heiĂt das nicht, dass das immer so bleiben muss. Denn die Art und Weise, wie Social Media im Wahlkampf eingesetzt werden, ist im Wandel begriffen. Welche Plattformen wofĂŒr verwendet werden, verĂ€ndert sich mit dem Image der Plattformen, ihren Features sowie den Nutzungspraktiken und Vorlieben der User. Neu hinzukommende Plattformen â bestes Beispiel Instagram â können zunehmend in den Fokus rĂŒcken, wĂ€hrend andere fĂŒr die politische (Wahlkampf-)Kommunikation in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Aber warum sollte es den digitalen Plattformen auch anders ergehen als manch ehemaligen Spitzenkandidat:innen?
(emw [6])
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