Zahlen, bitte! â Die Sechs ist Hex
Das sechseckige Hexagon ist wichtiger Bestandteil des Spiels Hex, in dem die Spieler zwei Seiten verbinden wollen. Mit der Zeit kamen unzÀhlige Varianten hinzu.
Die 6 ist als Summe von 1 + 2 + 3 in der jĂŒdischen und der christlichen Religion ein Zeichen der Allmacht Gottes. Sechseckige Synagogen und Kirchen zeugen davon. In der Mathematik und Informatik beschĂ€ftigt das regelmĂ€Ăige Sechseck die Wissenschaftler und in der Politik wird das französische Hexagon als Gegenpol zum US-amerikanischen Pentagon gehandelt. Bleibt schlieĂlich noch das unscheinbare Brettspiel Hex, das nicht nur in der Spieltheorie eine wichtige Rolle spielt.
Wer sich an seine Grundschulzeit erinnert, wird vielleicht noch das Simmaleins von Christian Morgenstern [1]kennen, mit dem das leidige Fach Rechnen etwas lustiger wurde. "Die Hex ist sechs" bringt uns zum Brettspiel Hex [2], das der dĂ€nische Mathematiker, Designer und Dichter Piet Hein [3]im Jahre 1942 am Institut fĂŒr Theoretische Physik in Kopenhagen (dem spĂ€teren Niels Bohr-Institut) erfand und zunĂ€chst "Polygon" nannte.
Unter dem Titel "Wollen wir Polygon lernen?" veröffentlichte Hein die Spielregeln im Dezember 1942 in der Zeitung "Politiken". Piet Hein war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der dĂ€nischen Vereinigung âFrisindet Kulturkampâ (Liberaler Kulturkampf), die sich Gedanken darĂŒber machte, wie ein harmonisches Miteinander der Nationen aussehen kann. So entstand das Spiel aus der BeschĂ€ftigung Heins mit dem Vier-Farben-Satz [5].
Wegweisendes Spiel mit Hexagon-Feldern
Ob der Mathematiker die bahnbrechende Untersuchung von John von Neumann Zur Theorie der Gesellschaftsspiele [6] [PDF] kannte, mit der die moderne Spieltheorie begann, wird von Historikern diskutiert. Jedenfalls setzte sein zunĂ€chst Con-Tac-Tix genanntes Spiel an dem Problem an, wie eine Raumgewinnungsstrategie nach sechs Seiten mit zwei Spielern aussehen kann. Auf einem Spielfeld mit 11 Ă 11 Hexagonen gewinnt der, der seine beiden SpielfeldrĂ€nder mit einem durchgehenden Pfad verbinden kann. Der durchaus geschĂ€ftstĂŒchtige Hein grĂŒndete die Firma SkjĂžde Skern, um das Spiel zu vermarkten. SpĂ€ter verkaufte er die Rechte an den Spielzeughersteller Hasbro, als er sich dem dĂ€nischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung anschloss.
Ein sehr Ă€hnliches Spiel konzipierte der Mathematiker John Forbes Nash, dessen Leben in dem Hollywood-Drama "A beautiful mind" verfilmt wurde. Sein Spiel, das "John" oder "Nash" genannt wurde, entstand im Jahr 1949, nach der BeschĂ€ftigung mit dem 1944 veröffentlichten spieltheoretischen Grundlagenwerk "Theory of Games and Economic Behavior" von Oskar Morgenstern und John von Neumann. "Nash" wurde auf einem kleineren Spielbrett gespielt, hatte aber ebenfalls die hexagonale Aufteilung der Spielfelder und die Spielanweisung, die gegenĂŒberliegende Seite zu erreichen.
Die im Hexwiki [7] diskutierte Frage, ob Nash das Spiel von Hein kannte, konnte auch der Wissenschaftsjournalist Martin Gardner [8] nicht lösen. Er hatte mit Hein und Nash korrespondiert, als er das nunmehr Hex genannte Spiel im Juli 1957 in der Zeitschrift Scientific American dem US-Publikum vorstellte: Die Spielfirma Parker Brothers hatte damals eine Lizenz von der dÀnischen Firma Hasbro erworben und nannte Con-Tac-Tix kurzerhand in Hex um.
Hex-Prinzip vor allem bei Mathematikern beliebt
Mit der Popularisierung von Hex als Brettspiel entstanden viele Varianten, etwa das von Heinz Haber nach der Gardner-LektĂŒre entwickelte Legespiel Verhext [9]. Aber auch die Mathematiker interessierten sich fĂŒr den Ansatz und entwickelten zahlreiche Hex-Varianten wie Rex, T-Rex und Zylinder-Hex [10] (PDF-Datei) beschĂ€ftigten. Den Anfang machte natĂŒrlich John Nash [11], der mit dem Spiel 1952 bei 9 Ă 9 und 11 Ă 11 Feldern bewies, dass es kein Unentschieden geben kann und die Seite gewinnt, die den ersten Zug hat. Verliert sie, hat sie einen Fehler gemacht. Hat das Spielbrett 10 Ă 10 Felder, sind die Berechnungen nicht so einfach.
Nashs Studienkollege David Gale beschĂ€ftigte sich ebenfalls mit Hex. Gale war es, der ein optisch ansprechendes Spielbrett zeichnete und dem Mathematik-Department von Princeton vermachte, wo "Nash" dann hĂ€ufig gespielt wurde. Er versuchte, Nash davon zu ĂŒberzeugen, das Spiel ĂŒber Parker Brothers zu vermarkten. Das lehnte Nash strikt ab, weshalb sich Parker Brothers an Hasbro wendete. Gale fand ĂŒbrigens spĂ€ter mithilfe des Brouwerschen Fixpunktsatzes eine topologische Lösung. Weitere mathematische Ăberlegungen zu Hex finden sich in diesem Aufsatz.
(Bild:Â Jan Braun, HNF)
John Nash wechselte von Princeton zur Rand Corporation, einer strategischen Beratungsfirma. Dort entwickelte Alexander Mood, der Leiter der Mathematik-Abteilung ein wabenartiges Hex-Spielbrett, das es gestattete, die Spielsteine in sechs statt in vier Richtungen zu bewegen. Ausgehend von dieser Möglichkeit schrieb John Nash zusammen mit dem Mathematiker und MilitÀrberater Robert M. Thrall die Abhandlung Some War Games [12].
Hex hatte es in die Kriegs-Spieltheorie geschafft. im Jahr 1954 veröffentlichte der Krigsveteran Charles S. Roberts ein Spiel namens Tactics. Diese Kriegsspiel-Simulation erregte die Aufmerksamkeit der Rand-Forscher, weil die Spiel-Resultate den Kampfergebnistabellen Ă€hnelten, die am Rand fĂŒr die US-Armee entwickelt wurden. Roberts wurde eingeladen. Er schaute sich am Rand um und bemerkte, wie die Forscher ihr Waben-Hex spielten.
Strategie-Brettspiele mit Hex-Wurzeln entstehen
Das setzte er in zwei Spielen zum amerikanischen BĂŒrgerkrieg um. Gettysburg und Chancellorsville wurden groĂe Erfolge. Sie inspirierten spĂ€ter den Spieleentwickler Klaus Teuber zum heute wohl bekanntesten Hexagon-Spiel "Die Siedler von Catan". Die Kriegsspiel-Hex-Variante inspirierte auch den Sozialwissenschaftler Dieter Senghaas, der das zivilisatorische Hexagon erfand.
Hex ist eins der ersten Brettspiele, die erst elektrifiziert, dann computerisiert wurden. Weil in Princeton "Nash" gespielt wurde, nahmen sich Claude und Elizabeth "Betty" Shannon im Rahmen ihrer ehelichen Leidenschaft fĂŒr das Basteln von Gadgets aller Art das Spiel vor. Die Shannons bauten die Hox- oder Hoax genannte Maschine, bei der ein Mensch gegen die Maschine spielt. Die Kanten wurden dabei mit WiderstĂ€nden bestĂŒckt, die Knoten des Spielbrettes mit LĂ€mpchen. WĂ€hrend Betty Shannon [13] wie bei der Maus Theseus die Verdrahtung des Spielbrettes ĂŒbernahm, schrieb Claude Shannon in Computers and Automata [14] (PDF-Datei) im Jahre 1953 ĂŒber die Funktionsweise des Hex-Hoax und erwĂ€hnte seine Frau unter ihrem Taufnamen als E.F. Moore.
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Eine spielstarke Variante von Hex auf Computern wurde im Jahr 1999 mit Hexy von Vadim Anshelevich [16] prĂ€sentiert, der mit seinem Aufsatz "A hierarchical approach to computer Hex" auch die nötige Theorie mitlieferte. Es gewann die Computer Olympiade 2000. Als Nachfolger gewann das Linux-Programm MoHex im Jahre 2009. Viele Hex-Spiele, die heute verfĂŒgbar sind, nutzen die MoHex-Engine. FĂŒr Diejenigen, die Hex online spielen wollen, bietet das Hexwiki eine Ăbersicht ĂŒber Spielesites [17]. In Spielen wie History Line, die Siedler sowie Civilization oder Panzer General fand das Sechseckspielfeld ebenfalls Eingang am heimischen Computer.
Piet Hein erfand nicht nur Hex, das Spiel mit dem Hexagon, sondern veröffentlichte Hunderte Epigramme, die er Gruks nannte und selbst illustrierte. Mit einem Epigramm begann dieses "Zahlen, bitte", mit einem von Hein selbst ins Deutsche ĂŒbersetzten Gruk soll es enden.
Zwischen Scherz und Ernst vermag
der nur scharf zu scheiden
welcher grĂŒndlich missversteht
die Natur der beiden.
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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.zgedichte.de/gedichte/christian-morgenstern/das-simmaleins.html
[2] https://www.hexwiki.net/index.php/
[3] https://piethein.com/piet-hein
[4] http://www.heise.de/thema/Zahlen-bitte
[5] https://www.spektrum.de/kolumne/vier-farben-satz-der-kontroverseste-beweis-der-mathematikgeschichte/2163954
[6] https://www.digizeitschriften.de/download/pdf/235181684_0100/log13.pdf
[7] https://www.hexwiki.net/index.php/History_of_Hex
[8] https://www.heise.de/news/Ich-bin-nur-ein-einfacher-Journalist-Zum-Tode-von-Martin-Gardner-1005983.html
[9] https://welt-der-geduldspiele.blogspot.com/2022/09/hexiamonds-verhext.html
[10] https://webdocs.cs.ualberta.ca/~hayward/talks/hex.beautifulminds.pdf
[11] https://www.privatdozent.co/p/john-f-nash-jrs-game-of-hex
[12] https://www.rand.org/pubs/documents/D1379.html
[13] https://blogs.scientificamerican.com/voices/betty-shannon-unsung-mathematical-genius/
[14] https://webmuseum.mit.edu/files/2007.030.010-ref1.pdf
[15] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[16] http://vanshel.com/Hexy/
[17] https://www.hexwiki.net/index.php/Online_playing
[18] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[19] mailto:mawi@heise.de
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