Sonntags, halb zwölf, in Deutschland

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Von
  • Ingo T. Storm


Sonntags, halb zwölf, in Deutschland

Was Fußball-WM und CSI nicht geschafft haben, erledigten die Alleswisser vom WDR von einem Sonntag auf den anderen. Sie schickten meine eigentlich noch gute 55-Zentimeter-4:3-Röhre aufs Altenteil, denn die Sendung mit der Maus wird neuerdings in 16:9 ausgestrahlt. Der Familienrat tagte und entschied: Ich soll mich auf die Jagd machen. Breitformat ist Pflicht, und etwas mehr Diagonale darf es ruhig sein, da wir inzwischen auch das Wohnzimmer gegen ein größeres eingetauscht haben.

Drum zog ich aus, um mir ein scharfes Bild von der zu erwartenden Bildschärfe zu machen. Doch anstatt mir Qualitätskriterien zu erklären, werfen die Hersteller Blendgranaten und Nebelbomben. Die meisten verstecken sie hinter quietschbunten Logos - auf manchen Geräterahmen prangen mehr, als ein Adventskalender Türen hat. Jüngstes Beispiel "24p". Wie schon berichtet heißt das nicht etwa: "Mit 24 Bildern pro Sekunde gedrehte Kinofilme sehen auf diesem Fernseher ganz toll aus". Nein, die korrekte Übersetzung lautet: "Die Firmware dieses Gerätes stürzt nicht ab, wenn sie mit 24p-Material gefüttert wird." Was soll das?

Auch in puncto Auflösung herrscht Desinformation. Niemand sagt laut, dass sich kein marktgängiges LCD-Panel so richtig fürs eigentliche Fernsehen eignet, weil keines PAL-Bilder pixelgenau darstellen kann. Die Hersteller verschweigen, dass die Mehrheit der verkauften großen 1080er-TVs intern mit 720er-Bildern rechnet, weil ihre Bildprozessoren nicht mehr schaffen. Sie verraten auch keinem Kunden freiwillig, dass das PAL-Relikt Overscan (wegen Austastlücke und Röhrenkrümmung) selbst bei HDTV dafür sorgt, dass das Bild erst aufgeblasen und dann beschnitten wird - und futsch ist ein guter Teil der Detailtreue im Discovery Channel.

Die Kundschaft hat reagiert. Sie kauft in der Regel den größten Schirm, der in Budget und Schrankwand passt, und fragt nicht nach technischen Daten. Nun jammert die Branche, dass mit LCD-TVs unter 50 Zoll Diagonale kein Geld mehr zu verdienen sei, und will uns weismachen, dass so ein Monster auch in das durchschnittliche 17-Quadratmeter-Wohnzimmer gehört.

Das ist ein sehr riskantes Spiel zum falschen Zeitpunkt. Die aktuelle Generation LCD-Fernseher macht dank aufwendiger Bildverarbeitung ihren Job wirklich gut - endlich so gut, wie die Werbung es schon vor drei Jahren versprochen hat. Und es stehen Abermillionen von Röhrenfernsehern herum, die dank HD-DVD, Blu-ray Disc und HDTV in den nächsten Jahren ersetzt werden wollen. Was für eine Goldgrube! Doch anstatt beim Kunden Vertrauen in eine neue Technik aufzubauen, hat die Industrie die Generation der Erstkäufer bereits verprellt, denn der Tatort sieht auf den zweiten Blick beim Nachbarn mit der 80-Zentimeter-Röhre doch besser aus als auf einem LCD-TV der ersten Stunde. Fazit: Wenn HD am Ende floppt, liegt es vielleicht nicht nur am Formatstreit, sondern zu einem guten Teil an den TV-Herstellern. Und am WDR, der die alten Mausclips zwecks 16:9 oben und unten beschneidet. So was gehört vors Fernsehgericht! (rm)