Handwerker aus dem Internet - Wenn Zimmertüren verschwinden und der Maler gar kein echter Maler ist
Endlich kann sich Claudia S. den Traum von der Eigentumswohnung erfüllen. Aber in dem Altbau gibt es noch viel zu renovieren. An die alten Türen traut sich Claudia nicht heran und will den Auftrag über die Handwerkerbörse "My-Hammer.de" vergeben. 400 Euro hat sie dafür eingeplant. Den Zuschlag erhält schließlich eine Firma, die sich "malergeselle77" nennt. Ein paar Tage später werden die Türen auch vereinbarungsgemäß abgeholt - und sind von nun an spurlos verschwunden. Der "malergeselle77" meldet sich nicht mehr, und auch "My-Hammer.de" erklärt sich für nicht zuständig. "Kann sich hier eigentlich einfach jeder Krauter als Firma ausgeben?" fragt sich Claudia genervt. Das fragen wir uns auch und machen den Test. Und siehe da: Auch die Redaktion kann sich problemlos bei "My-Hammer.d" als Handwerksbetrieb anmelden und Aufträge aller Art annehmen.
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Claudia Schmid: [i]"Ich habe hier unheimlich viel in der Wohnung renoviert, ich hatte ja die Türen zum Großteil schon selber auch abgebeizt und abgeschliffen und so und wollte ich die Endarbeit nicht mehr selber machen, weil ich hatte so viel zu tun und ich hatte einfach die Nase voll."[/i]
Für jemanden, der ihre Türen streicht, ist Claudia Schmid bereit 400 Euro zu zahlen. Diesen Wunsch veröffentlicht sie im Internetportal "My-Hammer.de". Dort bieten und suchen Menschen handwerkliche Aufträge aller Art. Claudia Schmid erteilt so einem Essener Fachbetrieb den Auftrag für 380 Euro.
Claudia Schmid: [i]"Ein paar Tage später ist ein Maler von Malergesellen 77 hier vorbeigekommen mit dem Auto, hat die Türen eben abgehängt und in sein Auto eingeladen und hat mir versprochen, eben drei Tage später bzw. fünf Tage maximum später mir die Türen wieder zu bringen [--] fertig renoviert."[/i]
Das war vor drei Monaten und seither sieht die Filmemacherin ihre Türen nur noch auf digitalen Fotos. Also, sorgt Claudia provisorisch für Türenersatz. Außerdem begibt sie sich auf die Suche.
[b]Die Suche nach den Türen[/b]
Dabei stellt sie Erstaunliches fest: Weder der Name, noch die Adresse des Anbieters stimmen, "malergeselle77" ist auch gar kein Handwerksbetrieb. "Also, ich habe gemerkt, dass das Ganze ein Betrug von vorne bis hinten ist!", sagt die Kundin. Immerhin hat sie einige Wochen später den Mann gefunden, der die Türen abgeholt hatte im Auftrag vom "malergesellen77". Vor einer Tür in Essen treffen wir dann seinen Angestellten.
Der bestätigt, auch die Türen dorthin gebracht und im Treppenhaus abgestellt zu haben [--] versehen mit einem Zettel "Die Türen von Frau Schmid". Weder seinen Arbeitgeber, noch die Türen hätte er dann noch einmal gesehen. Dabei schulde sein Chef ihm noch einen Monatslohn.
[b]Ganz einfach Handwerker werden[/b]
Kann jeder bei "myhammer" Handwerker werden? Wir probieren es aus und wollen testen, wie leicht man bei My Hammer Aufträge bekommt. Unter fingierten Namen, erlogener Adresse und falscher Telefonnummer haben wir uns dort angemeldet. Und schwupp: Schon sind der Fachbetrieb MK 10 aus Köln. Ganz einfach geben wir uns selbst eine positive Bewertung. Bis heute, sechs Wochen nach unserer falschen Firmengründung, hat My Hammer nicht reagiert. Wir hätten also Aufträge annehmen und natürlich auch Türen oder anders mitgehen lassen können. Damit konfrontieren wir My Hammer.
[b]Stellungnahme von My Hammer[/b]
Nicholas Thiede von My Hammer sieht die Problematik, erklärt sich aber machtlos: [i]"Es ist immer möglich betrügerisch auf Plattformen wie My Hammer zu agieren. Das gilt für alle Internetplattformen und vor einem echten Betrug, also wirklichen Falschangaben, ist kein Gras gewachsen."[/i]
Auf der anderen Seite lobt My Hammer aber immer wieder die Sicherheit seines Internetportals.
Nicholas Thiede, My Hammer: [i]"Die Handwerker, die sich bei My Hammer anmelden, werden auf My Hammer geprüft, das heißt es werden Gewerbescheine abgefragt, Meisterbriefe abgefragt etc., Qualifikationsunterlagen angefordert von My Hammer, so dass wir einen Hintergrund haben, was für Auftragnehmer es sind."[/i]
Claudia Schmid kann My Hammer jedenfalls nicht helfen, sagt man uns. My Hammer hat den Malergesellen 77 inzwischen gesperrt, mehr sei nicht drin.
Neue Tür, neue Hoffnung. Claudia nimmt sich einen Anwalt. Der empfiehlt, eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Verdacht auf Unterschlagung und Betrug. Und der Anwalt meint, My Hammer könne sich so leicht nicht aus der Verantwortung ziehen.
[b]Was sagt der Anwalt[/b]
Rechtsanwalt Eberhard Reineke: [i]"My Hammer ist ein Dienstleister, das steht auch in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen drin, man wird das etwa marklerähnlich betrachten müssen und auch ein Makler ist natürlich verpflichtet, sorgfältig zu arbeiten und Schaden von seinen Kunden abzuwenden und zwar von beiden Kunden, sowohl vom Auftraggeber wie vom Auftragnehmer."[/i]
Der Anwalt rät daher, Schadenersatzansprüche gegenüber My Hammer geltend zu machen und er sieht gute Chancen, dass My Hammer den Wert der Türen von 5000 Euro ersetzen muss. Doch Claudia will ja ihre Türen zurück. Bei der Polizei Essen hatte sie ja vor Wochen Anzeige erstattet [--] bisher aber von hier nichts gehört. Auch wir fragen bei der Polizei nach. Dann die Überraschung: Die Türen sind gefunden, von der Polizei beschlagnahmt und Claudia kann diese abholen.
Jetzt trägt sie also die Türen aus dem Haus, wo sie der Mann vor fast vier Monaten abgestellt hatte. Auch wenn die Türen natürlich immer noch nicht gestrichen sind.
Claudia Schmid ist froh, ihre Türen wiederzuhaben. Auch wenn diese noch nicht renoviert sind. Die Türen standen im Keller und der Hausmeister wollte sie gerade auf den Sperrmüll bringen. Das war knapp.
Ein Beitrag von Edith Dietrich und Katja Krebbers WDR markt XL (gb)