Verspielt - Premium-Navigationssysteme mit fragwürdigen Zusatzausstattungen im Test

Fahrspurkamera, lernendes Kartenmaterial, 3D-Modelle: Es klingt so gut - aber ein Navigationssystem sollte das Auto in erster Linie sicher und schnell ans Ziel leiten. Das können heute fast alle digitalen Pfadfinder sehr zuverlässig, auch die Geräte der unteren Preisregionen. Warum also sollte der mobile Kunde deutlich mehr Geld für sein Navigationssystem anlegen? Blaupunkt versucht, die Kundschaft mit einer Fahrspurkamera zu locken. Sie blendet das Straßenbild per Videokamera auf dem Navi-Bildschirm ein. Falk ruft die Nutzer auf, eigene Erkenntnisse über die optimale Route in einem Internetforum anderen Navigationssystemen zugänglich zu machen und TomTom baut sogar eine lokale Google-Suchfunktion ein. Das c't magazin hat Testfahrer mit den Premium-Navis auf die Piste geschickt. - Mehr...

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Wer heute ein Oberklasse-Navi auf den Markt bringt, muss sich schon einiges an technischen Raffinessen einfallen lassen. Denn ordentliche Navigation findet man bereits bei den Standard-Navis, Staumelder und ein bisschen Multimedia reichen allenfalls für die Mittelklasse aus. Um da noch etwas Neues zu bieten, setzen die Hersteller nun auf bessere und komfortablere Streckenführung.

Im Rahmen unseres Tests haben wir uns insgesamt acht Edel-Navis genauer angesehen. Die detailierten Testergebnisse finden Sie in der Printausgabe 26/08 des c't magazins im Artikel "Zielsicher, Navis entdecken das Internet, planen die Fahrt ins Blaue und werden lernfähig" von Achim Barczok ab Seite 164. Einen Blick auf den Stand der Technik wirft Daniel Lüders in der gleichen Ausgabe im Beitrag "Leiten mit System, Mit neuer Navi-Technik auf der Überholspur" ab Seite 160. Beide Beiträge erhalten Sie auch als PDF-Datei im c't-Kiosk.

[b]Blaupunkt Travelpilot 700[/b]

Beim Travelpilot 700 kann der Fahrer mit Hilfe einer integrierten Videokamera von der obligatorischen 2D-Ansicht auf einen Videomodus umstellen. Dann überträgt die Kamera das aktuelle Straßenbild auf den Bildschirm und das Navi legt die Anzeige, Hinweise und eine Pfeilnavigation über die Ansicht. So sind die Navigationshinweise nicht auf den Straßen einer Karte, sondern als Pfeil auf dem Live-Bild des Straßenverkehrs abgebildet. Wer dabei allerdings erwartet, dass die Software per Bilderkennung Fahrspuren erkennt und die Pfeile daran ausrichtet, wird enttäuscht. Die Hinweise liegen immer mittig auf der aktuellen Fahrbahn, egal wo sie hinführen. Wer mit dem virtuellen Kartenmaterial von Navis nicht so gut zurechtkommt, mag die Videonavigation schätzen. Allerdings geht ohne Kartenansicht die Übersicht über angrenzende Straßen verloren, und das doppelte Straßenbild [--] real und auf dem Bildschirm [--] verwirrt eher.

Im Kartenmodus versucht die Kamera, Verkehrsschilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen zu erkennen. Bei Testfahrten missachtete das Gerät allerdings einige Schilder, und temporäre Tempolimits auf Leuchtanzeigetafeln erkannte es gar nicht. Ist die Navigation abgeschaltet, kann man die Kamera zum Schießen von Fotos oder zur Aufnahme von Video-Clips mit befriedigender Qualität nutzen.

Beim DVB-T ruckelt das Bild auch bei gutem Empfang so stark, dass ein angenehmes Fernsehen kaum möglich ist. Darüber kann auch die gelungene Menüführung mit Videotext und einem hübschen EPG nicht hinwegtrösten. Mit Drahtlosnetzwerken (IEEE 802.11b/g) verbindet sich das Travelpilot 700 zuverlässig und kommt auch mit WPA-Verschlüsselung zurecht. Die darüber geführten VoIP-Telefonate klangen im Test auf beiden Seiten ausgezeichnet und Internetradios streamte das Navi flüssig. Der Web-Browser (Netfront 3.4) öffnet Webseiten in Tabs und zeigt sie überwiegend korrekt an; Flash unterstützt er nicht komplett, einige Spiele funktionieren, nicht aber beispielsweise YouTube-Videos. Der E-Mail-Client stürzt gelegentlich ab und gestaltet sich unübersichtlich. Für die Texteingabe verwenden Browser und Mail-Client das zu klein geratene Input Panel von Windows CE.

Mit dem Travelpilot 700 erhält man ein zuverlässiges Navigationsgerät mit einer hervorragenden Sprachansage. Allerdings können die eigentlich neuen Features [--] Video-Navigation und Schilder-Erkennung [--] nicht so recht überzeugen.

[b]Falk F10[/b]

Mit einer Lernfunktion soll das Falk F10 mit der Zeit schlauer durch die Straßennetze navigieren. Dazu müssen Nutzer ihr Fahrtprofil via PC-Synchronisation an Falk senden, wo die Daten zur Neuberechnung von Streckenabschnitten ausgewertet werden [--] selbstständig verändert das Gerät seinen Datenbestand nicht. Die Ergebnisse können die Nutzer in monatlichen Updates über den PC auf ihr Navi laden. Testen konnten wir diese Funktion allerdings nicht: Zum Heftschluss gab es noch kein einziges Lern-Update.

Das Bedien-Menü des Falk F10 gestaltet sich aufgeräumt, es reagiert allerdings in der Kartenansicht etwas träge. Während der Fahrt sorgt der Splitscreen-Modus für mehr Übersicht, bei dem links die 3D-Karte, rechts die 2D-Übersicht zu sehen ist. Über einen Magnet dockt das Navi an die Saugnapfhalterung an und fällt leicht ab, wenn man es von der Seite greift [--] möglicherweise ein Sicherheitsrisiko in Unfallsituationen. Unangenehm fällt die lange Wartezeit bei entladenem Akku auf: Nach Anschluss des Stromsteckers benötigt das F10 dann über sieben Minuten, bis es gestartet ist.

Das Falk F10 beherrscht die Kernkompetenzen eines Navis bis auf gelegentliche Probleme mit dem Map-Matching. Bei der Lernfunktion hat sich Falk ein interessantes Konzept ausgedacht, das sich aber noch bewähren muss.

[b]Garmin nüvi 550[/b]

Für den Einsatz auch abseits der Straße hat Garmin das nüvi 550 wasserdicht und robuster als vergleichbare Navis gebaut. Das Display kann man getrost als Taschenlampe benutzen: Es ist das hellste unter den vorgestellten Navis. Das verlangt dem Akku viel ab, der wohl das größte Manko für den Outdoor-Sportler darstellen dürfte: Der Hersteller gibt bei günstigen Bedingungen eine Laufzeit von bis zu 8 Stunden an, das ist deutlich weniger als bei Outdoor-Navis. Die werden in der Regel mit überall erhältlichen AA-Batterien betrieben und können Laufzeiten von bis zu 30 Stunden erreichen.

Das Menü ist übersichtlich gestaltet und flott, allerdings reagiert der Touchscreen nur auf festeres Drücken. Ärgerlicherweise sind die Tasten der virtuellen Tastatur auf dem 3,5-Zoll-Display zu klein geraten und bei einigen Dialogen fehlt die deutsche Übersetzung. Im Fußgängermodus führt das Navi durch unwegsames Terrain präzise, zeichnet Tracks auf und zeigt auf der Karte die Zielpeilung. Die fürs Wandern so wichtigen topografischen Karten fehlen. Bei Garmin kosten sie für Deutschland 150 Euro, Kartenmaterial aus anderen Quellen ist nur über Umwege auf das Gerät zu übertragen. Routen und Wegpunkte importiert und exportiert man komfortabel im GPX-Format über die PC-Software. Erprobte Bergsteiger oder Wandersleute vermissen Informationen zur Genauigkeit des GPS-Signals, einen echten Kompass und Details wie die Anzeige der vertikalen und der zum Ziel gutgemachten Geschwindigkeit.

Für Wanderer mit Pkw ist das Garmin nüvi 550 eine Alternative zu Standard-Navis. Pendler und echte Bergsteiger werden aber in beiden Welten Funktionen vermissen.

[b]Navigon 7210[/b]

Von allen Navis im Prüfstand wartet das Navigon 7210 mit den optisch ansehnlichsten Navigationskarten auf. POIs werden mit aussagekräftigen Symbolen und Logos dargestellt und viele Sehenswürdigkeiten wie Rathäuser, Tierparks oder Schlösser hat Navigon als 3D-Modelle hinterlegt.

Während der Fahrt zeigt das Navigon viele Details, die auf komplizierten Strecken bei der Orientierung helfen. Bei mehrspurigen Straßen weist das Navi die richtige Fahrbahn aus, Ausfahrten visualisiert es entweder als Verkehrsschild oder zeigt Illustrationen der Straßenführung. Diese überlagern die Kartennavigation allerdings für 800 Meter, das ist zu lang und trägt deshalb wenig zur Orientierung bei. Ein Kurvenwarner meldet sich bei gefährlichen Stellen, er nährt sich allerdings aus einer unvollständigen Datenbank. So richtig verlassen kann man sich darum auf den Warner nicht.

Die Bedienung des Navigon 7210 fällt leicht, bei den kleinen Buttons in der unteren Leiste vertippt man sich allerdings hin und wieder. Die Menüs wirken auch deshalb so aufgeräumt, weil Navigon auf Multimedia und andere Zusatzfunktionen verzichtet. Eine ausgereifte Navigation und ein schickes Design machen das Navigon 7210 zu einem zielsicheren und ansehnlichen Navi, der so kräftig beworbene Kurvenwarner ist aber unzuverlässig.

[b]TomTom Go 940 Live[/b]

Mit dem Go 940 Live bringt TomTom als erster Hersteller ein Navigationsgerät mit eingebauter Mobilfunkkarte auf den deutschen Markt. Telefonieren oder mit einem Browser durchs Web surfen kann man mit der SIM-Karte von Vodafone allerdings nicht, ausschließlich ausgewählte TomTom-Dienste wie der Download aktueller Verkehrsinformationen über HD Traffic, Wetterinfos oder eine schnellere Erkennung des GPS-Signals stehen zur Verfügung.

Eine echte Bereicherung für den Fahrer ist die lokale Google-Suche: Für Suchbegriffe liefert sie Ergebnisse aus dem Netz, die in der Nähe oder bei einer eingegebenen Position liegen. Diese sind aktuell und enthalten oft kurze Info-Texte sowie Bewertungen der Google-Gemeinde.

Die Dienste der Vodafone-Karte kann der Fahrer nur auf deutschen Straßen in Anspruch nehmen, in anderen Ländern liegen die Mobilfunkfunktionen brach. Für die ersten sechs Monate (ab 2009 für die ersten drei Monate) ist die Mobilfunkverbindung kostenlos; danach verlangt TomTom eine monatliche Gebühr von knapp 10 Euro, recht viel für eine arg eingeschränkte Internetverbindung.

Mit den häufig aktualisierten Verkehrsnachrichten kalkuliert das Navigationsgerät die optimale Strecke während der Fahrt immer wieder neu, was aber in der Regel nur wenige Sekunden dauert und deshalb nicht stört. Bei der Menüführung und dem Erstellen von Routen erweist sich das Go 940 Live als souverän und weist keine wesentlichen Unterschiede zum Go 630 Traffic auf.

Das TomTom Go 940 Live zeichnet sich vor allem durch die Aktualität von Streckeninformationen aus, die es durch Internet und IQ Routes erreicht. Die Audio-Navigation leistet für ein Oberklasse-Navi zu wenig, aber komfortable Bedienung, präzise Navigation und die vielen Möglichkeiten zum Feintuning überzeugen am Ende doch.

[b]Fazit[/b]

Bei den vorgestellten Edel-Navis muss man sich entscheiden, welches zum eigenen Nutzungsprofil passt, denn Geräte, die alle neuen Features vereinen, gibt es noch nicht.

Für Vielfahrer und Pendler eignet sich das TomTom Go 940 Live, denn es beachtet bei der Routenberechnung die Tageszeit und aktuelle Verkehrsdaten per Mobilfunk. Für 100 Euro weniger gibt es das bis auf das Kartenmaterial, Beschleunigungssensor und Multimedia identische Go 740 Live. Wem das immer noch zu teuer ist, der erhält mit dem Go 630 Traffic für 300 Euro ein Navi ohne Mobilfunkgebühr, das bei Staumeldungen nicht ganz so aktuell ist und bei der Routenplanung immerhin zwischen Werktag und Wochenende unterscheidet. Das Falk F10 berücksichtigt wie das 940 Live die Tageszeit, sofern das Gerät in Zukunft tatsächlich von den Fahrerfahrungen anderer Nutzer profitiert.

Vielen ist die komfortable Navigation durch übersichtliche Menüs ein wichtiges Argument bei der Kaufentscheidung, in dieser Kategorie sind die beiden TomToms ungeschlagen. Alternativ bietet sich das 860TFM von Garmin an, das komplett mit Sprache bedient werden kann.

Wer das abstrakte Kartenmaterial von Standard-Navis nur schwer mit der Realität in Verbindung bringt und sich in komplexen Straßensituationen mehr Hinweise wünscht, greift beim 350 Euro teuren Navigon 7210 zu. Mit seinen schick aufbereiteten Karten und hohem Informationsgehalt auf unübersichtlichen Straßen erweist es sich als aufmerksamer Beifahrer. Ist der Umgang mit Karten generell ein Problem, sollte man sich das Blaupunkt Travelpilot 700 anschauen, denn im Videomodus verzichtet es auf die Karten-Ansicht und legt eine Pfeilnavigation auf das tatsächliche Straßenbild.

Als On- und Offroad-Mischling ist das Garmin nüvi 550 für 350 Euro ein ordentliches Gerät für Gelegenheitsfahrer und -wanderer. Allerdings spart man mit dem Kauf von einem statt zwei Geräten kein Geld, denn ein günstiges Mittelklasse-Navi fürs Auto und ein funktionsreicheres Einsteiger-Handheld kosten zusammen knapp den Preis des nüvi 550. Im Merian Scout P_Navigator finden Reiselustige den einzigen echten Reiseführer auf dem Navi-Markt. Weil die Navigationsfunktionen aber eher spartanisch sind, erscheint der Preis von 800 Euro recht hoch.