AOK will Ärzte-Bewertung im Internet auf ganz Deutschland ausdehnen

Seit einigen Monaten können AOK-Versicherte in drei Pilotregionen die Leistung von Ärzten bewerten, die sie behandelt haben – Anfang 2011 soll der sogenannte Arzt-Navigator bundesweit an den Start gehen. Auch die Barmer GEK zeigt Interesse. Noch muss allerdings an den Details gefeilt werden.

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Von
  • Basil Wegener
  • dpa

Die Ranglisten sollen unerbittlich sein. Je zufriedener die Patienten mit einem Arzt sind, desto weiter oben wird er beim AOK-Arztnavigator aufgeführt. Klicken viele an, sie würden mangelhaft betreut, rutscht der Mediziner nach unten. Mit klaren Prozentzahlen soll die derzeit in Pilotregionen getestete Rangliste Anfang 2011 bundesweit an den Start gehen. Für die Beurteilung zuständig sind zunächst nur jene unter den 24 Millionen AOK-Versicherten, die sich die Mühe machen und ihre Ärzte im Netz bewerten. Offen sind die Ergebnisse aber für alle.

Als die AOK den Plan für den Arzt-Navigator vor einem Jahr erstmals erwähnte, brach umgehend ein Sturm der Entrüstung los. Die Ärzte wollten sich nicht an den elektronischen Pranger stellen lassen. Doch nun gibt der Vizevorsitzende des AOK-Bundesverbands, Jürgen Graalmann, zumindest teilweise Entwarnung: "Die Patienten werden keine Möglichkeit haben, Schmähkritik abzugeben." Freitextfelder, in denen man seinem Unmut nach Gutdünken Luft machen kann, seien zwar beliebt, brächten aber keine echten Erkenntnisgewinne.

Stattdessen soll es nun 33 Fragen geben. Hört der Arzt gut zu? Erklärt er Diagnosen und Behandlungen verständlich? Hat er seine Praxis gut organisiert? Muss man lange warten? Und schließlich: "Würden Sie diesen Arzt Ihrem besten Freund/Ihrer besten Freundin weiterempfehlen?" Kommen mehr als zehn Bewertungen zusammen, werden die Ergebnisse freigeschaltet. Der Arzt kann der Veröffentlichung widersprechen – doch das wird dann auch auf der Seite vermerkt. Gesucht werden dürfte wohl meist per Postleitzahl nach den Ärzten der jeweiligen Region.

Zu erwarten ist ein gemischtes Bild. Nach einer neuen Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) unter 3000 Bundesbürgern meint jeder vierte, der zuletzt aufgesuchte Arzt sei nicht allen möglichen Ursachen eines Leidens nachgegangen. 22 Prozent fühlen sich nicht umfassend informiert. Jeder Zehnte meint, dass er nicht notwendige Behandlungen verordnet bekam. Insgesamt sind aber 82 Prozent mit der Behandlung durch ihren Arzt zufrieden oder sehr zufrieden.

An Details basteln die AOK-Experten noch. Erfahrungen sammeln sie in den Pilotregionen Berlin, Hamburg und Thüringen. Die Barmer GEK peilt eine Beteiligung an der Seite an. Die scharfe Gegenwehr der Ärzteschaft ist zumindest an deren Spitze Duldung bis Unterstützung gewichen. "Der Fragebogen ist nach hohen wissenschaftlichen Standards entwickelt worden", lobt Carl-Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Müller fordert zwar die Schwelle der Bewertungen für eine Freischaltung der Ergebnisse auf 60 hochzusetzen. Beim Ringen um mehr Qualität in den Arztpraxen könnten die Beurteilungen helfen, hofft der KBV-Vorstand aber.

Nach einer Studie der Stiftung Gesundheit haben 52 Prozent der Ärzte ein System in ihrer Praxis eingeführt, das die Qualität absichern soll. Bei vielen Praxisärzten schleifen sich aber Abläufe ein, die es nicht geben sollte – etwa wenn die Arzthelferin ein Rezept ausstellt und der Arzt nur noch unterschreibt. Oder wenn die Zuständigkeiten in den Praxen für Wartung und Reinigung der Geräte, Patientenakten und Laborbefunde nicht klar geregelt sind. Den Patienten bleibt es oft nicht verborgen, wenn es hinter der weißen Fassade einer Praxis ruckelt. Per Mausklick könne sie ihren Eindruck bald zumindest weitergeben. (pmz)