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Brandenburg richtet zentrale SexualstraftÀterdatei ein

Stefan Krempl

Nach Bayern und Niedersachsen werden nun auch in der Mark einschlĂ€gig vorbestrafte SexualstraftĂ€ter mit einer "Haftentlassenen-Auskunftsdatei" schĂ€rfer ĂŒberwacht, um die RĂŒckfallgefahr zu verringern.

Nach Bayern und Niedersachsen werden nun auch in Brandenburg einschlĂ€gig vorbestrafte SexualstraftĂ€ter schĂ€rfer ĂŒberwacht. Die brandenburgische Justizministerin Beate Blechinger (CDU) verkĂŒndete [1] am Freitag, dass ihr Land am 1. Januar ein neues zentrales Computersystem eingerichtet hat. Darin werden Delinquenten erfasst, die zu BewĂ€hrungsstrafen verurteilt wurden oder bereits GefĂ€ngnisstrafen abgebĂŒĂŸt haben. Die Betroffenen sollen Polizei und Justiz dann kĂŒnftig "einer besonderen Beurteilung" unterziehen. Wird hierbei eine besondere RĂŒckfallgefahr festgestellt, erfolge eine "noch engere Begleitung des entlassenen TĂ€ters". Jeder wegen Sexualvergehen Verurteilte solle wissen: "In Brandenburg haben wir kĂŒnftig ein besonderes Auge auf dich."

Brandenburg ĂŒbernimmt das Konzept HEADS [2] (Haft-Entlassenen-Auskunfts-Datei-SexualstraftĂ€ter) aus Bayern, das auch fĂŒr einen bundesweiten Ansatz im GesprĂ€ch ist. Die konkrete Software hat nach eigenen Angaben die Unterföhringer Firma Polygon Visual Content Management [3] speziell fĂŒr die Anwendung in der Mark entwickelt. Die entsprechende Datenbankanwendung trĂ€gt den Titel Polys-HEGS ("Haftentlassene Gewalt- und SexualstraftĂ€ter". Bei dem Konzept und der Software soll nicht zu sehr in die PrivatsphĂ€re der Betroffenen eingegriffen werden, da die eingespeisten Daten nur von einer Zentralstelle bei der Polizei abgerufen werden können. In Brandenburg handelt es sich dabei um eine gesonderte Einheit beim Landeskriminalamt (LKA) in Eberswalde. Sie soll nachgeordnete Polizeibehörden informieren, damit auf den Einzelfall abgestimmte Maßnahmen veranlasst und auf lokaler Ebene umgesetzt werden können.

Im Rahmen eines Tests werden zunĂ€chst 53 FĂ€lle in die brandenburgische HEADS eingespeist, die im vorigen Halbjahr aus Justizvollzugsanstalten entlassen wurden. Auf der Liste von LKA-Direktor Dieter BĂŒddefeld stehen fĂŒr den RegulĂ€rbetrieb der Zentraldatei, der am 1. Juli starten soll, aber auch alle 254 HĂ€ftlinge, die derzeit in mĂ€rkischen GefĂ€ngnissen und im Maßregelvollzug wegen Sexualdelikten einsitzen. Dazu kommen 145 "AltfĂ€lle", die in der BewĂ€hrungszeit unter "FĂŒhrungsaufsicht" stehen. Die RĂŒckfallquote schĂ€tzt Blechinger bei SexualstraftĂ€tern im Bundesdurchschnitt auf 20 bis 30 Prozent. Bei bestimmten Gruppen wie PĂ€dophilen liege sie sogar bei bis zu 80 Prozent. Auch bei jĂŒngeren Kriminelle in diesem Bereich sei die Wiederholungsgefahr besonders groß.

BĂŒddefeld betonte bei der Vorstellung der Datei, dass diese nichts mit der in den USA praktizierten [4] und auch hierzulande vor allem von Unionspolitikern wiederholt geforderten [5] Veröffentlichung der Wohnsitze von Sexualverbrechern im Internet zu tun habe. Es gehe allein um die Verbesserung der internen Kommunikation der Strafverfolgungsbehörden. Gespeichert werden in der Datei LebenslĂ€ufe, Urteile, Gutachten und RĂŒckfallprognosen. Dazu kommen als biometrische Merkmale FingerabdrĂŒcke und DNA-Proben, von denen sich die Polizei Hilfe bei der AufklĂ€rung neuer Sexualstraftaten erhofft.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK [6]) begrĂŒĂŸte die EinfĂŒhrung von HEADS als "sinnvolles Puzzleteil zum Schutz der Bevölkerung vor tickenden Zeitbomben im Bereich der Sexualdelikte". Der BDK-Landesvorsitzender Wolfgang Bauch warnte zwar vor zu hohen Erwartungen. Zugleich sprach er sich aber dafĂŒr aus, die Datei in allen BundeslĂ€ndern einzufĂŒhren und die Systeme zu vernetzen. Zudem forderte er zusĂ€tzliche Stellen in den Schutzbereichen. Die brandenburgische Landesdatenschutzbeauftragte [7] Dagmar Hartge hatte dagegen im Projektstadium Bedenken gegen HEADS angemeldet. Es sei unklar, ob diese von der schwarz-roten Regierung berĂŒcksichtigt worden seien. Ihre Behörde sei erst nachtrĂ€glich ĂŒber die Inbetriebnahme der Datei informiert worden. (Stefan Krempl) / (anw [8])


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https://www.heise.de/-175659

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.mdj.brandenburg.de/cms/detail.php/bb2.c.446676.de
[2] https://www.heise.de/news/Bayern-stellt-Sexualstraftaeterdatei-vor-131152.html
[3] http://www.polygon.de
[4] https://www.heise.de/news/US-Abgeordnete-fordern-Erweiterung-der-Sexualstraftaeterdatenbank-140446.html
[5] https://www.heise.de/news/Kontroverse-Diskussion-um-oeffentliche-Datenbank-fuer-Sexualstraftaeter-153654.html
[6] https://www.bdk.de/
[7] http://www.lda.brandenburg.de/
[8] mailto:anw@heise.de