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Deutsche Digitale Bibliothek geht ans Netz

Stefan Krempl

Nach fĂŒnf Jahren Aufbauzeit und einigen Verzögerungen haben Vertreter von Bund und LĂ€ndern die Beta-Version des geplanten zentralen Zugangsportals zu Kultur und Wissen hierzulande gestartet. Es bietet Zugriff auf zunĂ€chst rund 5,5 Millionen DatensĂ€tze.

Nach fĂŒnf Jahren Aufbauzeit und einigen Verzögerungen [1] haben Vertreter von Bund und LĂ€ndern am Mittwoch im Alten Museum in Berlin den Startschuss fĂŒr die Beta-Version der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB [2]) gegeben. In der Testphase fĂŒr das geplante Zugangsportal zu Kultur und Wissen hierzulande bietet die DDB zunĂ€chst Zugriff auf etwa 5,6 Millionen DatensĂ€tze. Sie stammen aus rund 90 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen wie Museen, Archiven oder Bibliotheken. Es ist vorgesehen, dass sich insgesamt bis zu 30.000 Einrichtungen an dem Netzwerk beteiligen. 1800 Institute sind derzeit bei der DDB registriert.

Endlich ein Beta-Start fĂŒr die DDB: Jill Cousins, geschĂ€ftsfĂŒhrende Direktorin der Europeana-Stiftung sowie Hermann Parzinger, Elke Harjes-Ecker und Matthias Harbort aus dem DDB-Kompetenznetzwerk (v.l.n.r.)

Endlich zumindest ein Beta-Start fĂŒr die DDB: Jill Cousins, geschĂ€ftsfĂŒhrende Direktorin der Europeana-Stiftung sowie Hermann Parzinger, Elke Harjes-Ecker und Matthias Harbort aus dem DDB-Kompetenznetzwerk (v.l.n.r.)

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Matthias Harbort, Referatsleiter beim Beauftragten der Bundesregierung fĂŒr Kultur und Medien, sprach von einem "Jahrhundertwerk", an dem kĂŒnftig alle BĂŒrger mitwirken sollten. Nutzer könnten sich bereits jetzt eigene virtuelle Sammlungen anlegen. SpĂ€ter solle es möglich sein, eigene "erlesene Privatsammlungen von GemĂ€lden und Schmuck" oder von AlltagsgegenstĂ€nden der Öffentlichkeit zugĂ€nglich machen. Es mĂŒssten aber Werke sein, "die wissenschaftlich erschlossen und jugendfrei sind", schrĂ€nkte Hermann Parzinger ein, PrĂ€sident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Sprecher des Vorstands des Kompetenznetzwerks der DDB.

Prinzipiell bezeichnete es Harbort als "genuin öffentliche Aufgabe, das nationale Erbe zu bewahren". Damit verknĂŒpft sei das wichtige medienpolitische Ziel, die Chancen der Digitalisierung möglichst allen zu öffnen und so zur Meinungs- und Willensbildung in der Demokratie beizutragen. Die DDB folge so "keiner wirtschaftlichen Logik". Es gehe nicht um Maximierung von Klickzahlen wie bei gĂ€ngigen Suchmaschinen, sondern um die "höchste QualitĂ€t fĂŒr jedermann". So bleibe auch Raum fĂŒr "Abseitiges und Sperriges".

Deutsche Digitale Bibliothek (0 Bilder) [3]

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Die DDB sei als offenes System konzipiert. SpĂ€testens mit dem in einem Jahr angestrebten Regelbetrieb seien ganz neue Formen der PrĂ€sentation, Suche und Verarbeitung von Inhalten vorgesehen. Semantische BezĂŒge sollten unerwartete Inhalte erschließen, was ein Alleinstellungsmerkmal der digitalen Bibliothek darstelle. Es blieben auch fĂŒr die Kooperation mit privaten Partnern große SpielrĂ€ume. Unternehmen seien "jederzeit eingeladen, sich an der Digitalisierung von KulturgĂŒtern zu beteiligen. Da die DDB auch fĂŒr Kinder und Jugendliche große Bedeutung als neues Instrument der kulturellen Bildung habe, sei fĂŒr diese Zielgruppe ein eigenes Portal in Auftrag gegeben worden. Dieses werde voraussichtlich im ersten Halbjahr 2013 freigeschaltet.

Ziel der DDB ist es, jedermann ĂŒber das Internet freien Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands zu eröffnen, also zu Millionen von BĂŒchern, Archivalien, Bildern, Skulpturen, MusikstĂŒcken und anderen Tondokumenten, Filmen und Noten. Schon jetzt können darĂŒber neben traditionellen Kunstwerken und GemĂ€lden etwa Stummfilmklassiker wie Hamlet [5] von 1921, in der Asta Nielsen, die den Film auch produzierte, den Hamlet spielt, genauso genossen werden wie alte, ursprĂŒnglich auf Schellackplatten gebannte Aufnahmen des Weihnachtsoratoriums. Auch Fotos von FußballkĂ€mpen wie Joachim Löw oder Karl-Heinz Rummenigge aus ihren Jugendjahren sind zu finden. Als zentrales nationales Web-Portal soll das System perspektivisch alle deutschen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen sowie deren digitale Angebote miteinander vernetzen.

Die virtuelle Institution kam zuletzt aber eher langsam voran. So war zum Beispiel eine Ausschreibung fĂŒr einen großen Partner aus der Wirtschaft ergebnislos zurĂŒckgezogen worden. Offenbar fanden weder Google noch andere Unternehmen die verlangte Digitalisierung auf eigene Kosten attraktiv. Der Weg sei seit 2010 unter der Koordination der Deutschen Nationalbibliothek "sehr intensiv" gewesen, meinte Parzinger nun. Es handle sich um ein "hochkomplexes Unternehmen", in dem verschiedene Datenformate und Metadaten zusammenzubringen seien. Die erste Vorstufe habe das Fraunhofer-Institut fĂŒr intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) entwickelt; technischer Betreiber der zentralen Infrastruktur sei nun das Leibnitz-Institut FIZ in Karlsruhe. FĂŒr QualitĂ€t, SeriositĂ€t und VerlĂ€sslichkeit der Inhalte stĂŒnden die deutschen Kultureinrichtungen: "Sie können sich auf das verlassen, was sie finden."

Die DDB fungiert auch als nationale Schnittstelle fĂŒr die Europeana [6]. In die 2008 ins Leben gerufene europĂ€ische digitale Bibliothek stellen Institutionen aus mittlerweile 35 europĂ€ischen Staaten ihre SchĂ€tze ein. Mittlerweile sind in ihr mehr als 20 Millionen digitale Objekte versammelt. Mit seinem Beitrag von knapp 3,5 Millionen Verweisen ist Deutschland derzeit Spitzenreiter bei dem Großprojekt. Jill Cousins, geschĂ€ftsfĂŒhrender Direktor der Europeana-Stiftung, zeigte VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass nationale digitale Bibliotheken erst nach und nach ihre "elektronischen Wunderkammern" öffnen: "Das braucht Zeit." Sie sei sich sicher, dass die DBB im Gegensatz zur Europeana nicht gleich nach dem Start dem Ansturm der Besucher nicht standhalten werde [7].

Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) begrĂŒĂŸte den "wichtigen Meilenstein bei der Digitalisierung der MedienbestĂ€nde hierzulande". Die Entwicklung sei fĂŒr viele Mitglieder aber schwer umzusetzen, da das Erstellen der Digitalisate aufwendig ist. Diese Arbeiten werden derzeit aus dem Bibliotheksetat und aus Drittmitteln finanziert. Vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert einschlĂ€gige Projekte. Nach Ansicht des dbv sind in den kommenden fĂŒnf Jahren weitere zehn Millionen Euro aus Bundesmitteln jĂ€hrlich nötig, um allein die BibliotheksbestĂ€nde angemessen zu digitalisieren. FĂŒr den Aufbau der Infrastruktur der DDB hat der Bund bislang acht Millionen Euro zur VerfĂŒgung gestellt; bis 2016 sind gemeinsam mit den LĂ€ndern 2,6 Millionen Euro jĂ€hrlich fĂŒr den Betrieb zugesichert.

Am weitesten fortgeschritten ist die Bayerische Staatsbibliothek, die mit Google kooperiert. Knapp 860.000 Werke stehen dort mittlerweile digital zur VerfĂŒgung. Anfang 2014 sollen es eine Million sein. Die MĂŒnchner bieten unter anderem Apps wie "Famous Books" an, fĂŒr die 52 digitalisierte SpitzenstĂŒcke die Gutenberg-Bibel, der Babylonische Talmud oder das Geheime Ehrenbuch der Fugger zusammengestellt wurden. Sie sind auch grĂ¶ĂŸter Lieferant digitaler Texte bei der DDB.

FĂŒr dringend nötig erachten Bibliotheksvertreter die auf EU-Ebene bereits unter Dach und Fach gebrachte [8] Novellierung des Urheberrechts, um verwaiste Werke [9] einfacher digitalisieren zu können. Laut der entsprechenden Richtlinie sollen Schöpfungen, deren Urheber nicht mehr ausfindig zu machen sind, kĂŒnftig fĂŒr nicht-kommerzielle Zwecke im Internet verwendet werden dĂŒrfen. National mĂŒssen die Vorgaben noch umgesetzt werden. "Bisher können wir nur gemeinfreie Werke prĂ€sentieren", erklĂ€rte Parzinger. Es sei daher vordringlich zu klĂ€ren, "wie wir mit dem Urheberrecht umgehen können". Ein "großes Loch im 20. Jahrhundert" sei nicht wĂŒnschenswert.

Siehe dazu auch:

(jk [13])


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[1] https://www.heise.de/news/Fortschritt-im-Schneckentempo-die-Deutsche-Digitale-Bibliothek-1640670.html
[2] http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/953143.html?back=1758424;back=1758424
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/953143.html?back=1758424;back=1758424
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Hamlet_%281921%29
[6] http://www.europeana.eu/
[7] https://www.heise.de/news/Digitale-Bibliothek-Europeana-kurz-nach-dem-Start-nicht-mehr-erreichbar-217767.html
[8] https://www.heise.de/news/EU-Rat-segnet-neue-Regeln-zu-verwaisten-Werken-und-zur-Normung-ab-1724470.html
[9] https://www.heise.de/news/Das-Urheberrecht-und-die-verwaisten-Werke-Rechtsansprueche-vs-Massendigitalisierung-1346091.html
[10] https://www.heise.de/news/Deutsche-Digitale-Bibliothek-Oeffentlicher-Betrieb-in-Sicht-1732001.html
[11] https://www.heise.de/news/Fortschritt-im-Schneckentempo-die-Deutsche-Digitale-Bibliothek-1640670.html
[12] https://www.heise.de/news/Bundestag-beschliesst-Digitalisierungsoffensive-1424063.html
[13] mailto:jk@heise.de