Digitale Spaltung ist kein rein technisches Problem

Zur Messung der so genannten Digital Divide müssen neue Bewertungskriterien herangezogen werden, die sich nicht nur an der technischen Infrastruktur orientieren, fordert eine US-Politikwissenschaftlerin.

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Von
  • Niels Boeing

Zur Messung digitaler Ungleichheit, der so genannten Digital Divide, müssen neue Bewertungskriterien herangezogen werden, die sich nicht nur an der technischen Infrastruktur orientieren, fordert die US-Politikwissenschaftlerin Karine Barzilai-Nahon von der University of Washington Information School in Seattle. "Vor zehn Jahren genügte es, wenn jemand Zugang zum Internet hatte", sagt Barzilai-Nahon. "Heute geht es darum, was Nutzer mit den Inhalten anfangen können, ob sie wissen, wie sie sie nutzen."

Barzilai-Nahon kritisiert, dass Konzepte zur Überwindung der Digital Divide meist auf simplen Daten zur technischen Verfügbarkeit basieren. In ihrem jetzt im Journal The Information Society erschienenen Artikel "Gaps and Bits: Conceptualizing Measurements for Digital Divide/s" schlägt sie weitere Kriterien vor, nach denen das Ausmaß der digitalen Spaltung bemessen werden könnte. Dazu gehören unter anderem der Umfang der von Regierungen und anderen Institutionen zur Verfügung stehenden Fördermitteln, der finanzielle Aufwand der Internetnutzung im Verhältnis zum jeweiligen Durchschnittseinkommen sowie detaillierte Daten über Nutzungshäufigkeit, Online-Zeit und Fähigkeiten im Umgang mit dem Internet.

Ebenso sollten sozio-ökonomische Faktoren wie Alter, Bildung, Geografie und Sprache berücksichtigt werden. So würden etwa Studenten aus sozial schwachen Familien häufig wieder aus der Internetnutzung herausfallen, wenn sie ihre Ausbildung beenden. Als Beleg zitiert sie eine im September erschienene Studie des US-Bildungsministeriums, nach der nur 37 Prozent der Studenten aus Familien mit einem jährlichen Haushaltseinkommen unter 20.000 Dollar zu Hause einen Computer nutzen. In Haushalten, die mehr als 75.000 Dollar pro Jahr verdienen, liegt der Anteil bei 88 Prozent.

Verschiedene Indizes versuchen bislang, das Ausmaß digitaler Ungleichheit zu erfassen. Darunter sind SIBIS (Statistical Indicators Benchmarking the Information Society, von der EU-Kommission genutzt), DIDIX (Digital Divide Index), NRI (Network Readiness Index, im Global Information Technology Report verwendet) und der Digital Access Index der Internationalen Telekommunikationsunion ITU. So anspruchsvoll diese seien, könnten sie das Problem dennoch nicht ausreichend erfassen. "Das Internet ist nicht neutral – nicht nur hinsichtlich seiner Inhalte und logischen Schichten, sondern auch hinsichtlich seiner Grundlagen und Struktur", begründet Barzilai-Nahon ihren Ansatz. "Jedes Konzept der Digital Divide, das das Internet nicht auch als sozialen und politischen Raum ansieht, ist nur in Grenzen anwendbar." (nbo)