EuropÀische Telcos fordern Umkehr der Regulierungspolitik
Die Chefs der ehemals staatlichen europĂ€ischen Netzbetreiber wollen die Zugangsregulierung am liebsten ganz loswerden. In einem Brief an BrĂŒssel fordern sie den EuropĂ€ischen Rat zu entsprechenden Weichenstellungen auf.
Die Vorstandschefs groĂer europĂ€ischer Telekommunikationsanbieter fordern in einem Brief an EU-KommissionsprĂ€sident JosĂ© Manuel Barroso und die europĂ€ischen Staatschefs ein Umdenken in der Regulierungspolitik. Die Regulierung und die Fragmentierung der MĂ€rkte seien Gift fĂŒr Investitionen und damit fĂŒr die BrĂŒsseler BreitbandplĂ€ne sowie das Wachstum in der Union, heiĂt es in dem unter anderem von Telekom [1]-Chef RenĂ© Obermann, TelefĂłnica [2]-CEO Cesar Alierta und KPN [3]-Boss Eelco Blok unterzeichneten Brief, der heise online vorliegt.
Bevor die EU-Regierungschefs in dieser Woche zum Treffen des EuropĂ€ischen Rats [4] nach BrĂŒssel kommen, um ĂŒber MaĂnahmen fĂŒr Wirtschaftswachstum zu beraten, beziehen die ehemals staatlichen Netzbetreiber deutlich Stellung. Unter Bezug auf eine Studie des europĂ€ischen Netzbetreiberverbands ETNO, die dem Brief beiliegt, fordern sie einen neuen regulierungspolitischen Ansatz und ein gemeinsames Spielfeld, um "dringend benötigte Investitionen in superschnelle Breitbandnetze freizusetzen".
In ihrem Brief betonen die CEOs der ehemaligen Monopolbetriebe, die bisher geltenden Regeln hĂ€tten einen lebhaften Breitbandmarkt in der EU geschaffen und damit ihr groĂes Ziel erreicht. Diese als Instrumente der Marktöffnung angelegten Regeln seien inzwischen aber zur Dauerlösung geworden. "Umfassende Zugangs- und Preisregulierung [5] sind zu einem dauerhaften Bestandteil des Marktes geworden und behindern Investitionen", schreiben die IndustriekapitĂ€ne. So aber könnten die Netzbetreiber nicht mehr die nötigen UmsĂ€tze erwirtschaften, mit denen sich Investitionen in neue Infrastruktur auch rechnen.
Laut der von der Boston Consulting Group fĂŒr den ETNO durchgefĂŒhrten Studie sind die EU-LĂ€nder im Breitbandvergleich mit anderen Industrienationen zurĂŒckgefallen. Die Regulierung auf LĂ€nderebene habe zu einem fragmentierten Markt gefĂŒhrt, der den Netzausbau erschwere. Um einen blĂŒhenden gemeinsamen Markt zu schaffen, mĂŒsse die EU die Regulierung reformieren und KonzernzusammenschlĂŒsse anders bewerten. Auf lokaler Ebene sei der Wettbewerb stark genug, um ganz auf regulierten Netzzugang fĂŒr Konkurrenten zu verzichten.
In der Studie wird das wirtschaftliche Potenzial eines gemeinsamen Marktes mit weniger Regulierung auf bis zu 750 Milliarden Euro und 5,5 Millionen neue Jobs bis 2020 beziffert. Um dieses Potenzial zu heben, sollte die vorsorgliche Regulierung des Netzzugangs im Wesentlichen entfallen und die Regulierer nur noch im Missbrauchsfall eingreifen. Es gebe Anzeichen, dass die Regulierung hier nicht den gewĂŒnschten Anreiz fĂŒr Wettbewerber geschaffen habe, in eigene Infrastruktur zu investieren.
Auch mĂŒsse die Vergabe der Frequenzen vereinheitlicht werden, um den Netzausbau zu beschleunigen. Dabei haben die Telcos allerdings keine kostspieligen Versteigerungen [6] um Sinn, wie sie derzeit offenbar auch der deutsche Regulierer vorbereitet. Sie plĂ€dieren auch dafĂŒr, ein paar "gesunde" Ăbernahmen im Mobilfunksektor zu genehmigen. DarĂŒber hinaus wenden sich die Netzbetreiber gegen zu viel NetzneutralitĂ€t. Sie bestehen auf verschiedene Serviceklassen und Netzwerkmanagement, um mit Unternehmen, die ihre Dienste auf den Netzen realisieren, auf Augenhöhe zu sein.
Mit einigen ihrer Forderungen rennen die Telcos offene TĂŒren in BrĂŒssel ein. Die Kommission will den gemeinsamen TK-Markt [7] nun so schnell wie möglich schaffen; im September will Kommissions-VizeprĂ€sidentin Kroes einen Vorschlag vorlegen [8]. Auch bei der NetzneutralitĂ€t zeigt sich BrĂŒssel den Nöten der Industrie gegenĂŒber durchaus aufgeschlossen. Ob Kroes allerdings die Regulierung auch fĂŒr völlig ĂŒberflĂŒssig hĂ€lt, darf bezweifelt werden.
Den Brief an Barroso haben die CEOs dieser Unternehmen unterzeichnet: Belgacom, Deutsche Telekom, KPN, Orange, Portugal Telecom, Swisscom, Telecom Italia, Telefonica, Telekom Austria, Telenor, Telia Sonera und Turk Telekom. (vbr [9])
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[3] http://www.kpn.com
[4] http://www.european-council.europa.eu/council-meetings?meeting=f09c58bc-2f8e-41a7-b2f8-22eb4f31fcbf&lang=de&type=EuropeanCouncil
[5] https://www.heise.de/news/Regulierer-senkt-Miete-fuer-letzte-Meile-ab-Schaltverteiler-1892174.html
[6] https://www.heise.de/news/Bericht-Regulierer-will-Mobilfunkfrequenzen-wieder-versteigern-1893968.html
[7] https://www.heise.de/news/Bruessel-Gemeinsamer-TK-Markt-loest-Riesenprobleme-1891001.html
[8] https://www.heise.de/news/Bruessel-will-Vorschlag-fuer-Telecom-Binnenmarkt-im-Herbst-vorlegen-1887461.html
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