Europas LĂ€nderdomain-Manager wollen ICANNs Macht begrenzen
Die Verwalter der europÀischen LÀnderdomains wehren sich gegen eine LÀnderdomain-Organisation bei der internationalen Netzverwaltung mit unklar definierten Aufgaben.
Es sind einmal mehr Europas LĂ€nderdomain-Manager, die der internationalen Netzverwaltung Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN [1]) das Leben schwer machen. Zu gerne möchte ICANNs FĂŒhrung beim Treffen in Montreal einen umfassenden Ăbergang zur reformierten ICANN Version 2.0 [2] schaffen. "Wir haben das neue Gremium fĂŒr die internationalen Top Level Domains, wir haben die vom Nominierungskomitee gewĂ€hlten neuen Direktoren", sagt Alejandro Pisanty, Vorsitzender des ungeliebten Reform-Komitees (ERC). Da will man auch mit der Verabschiedung der Satzung fĂŒr das neue ccTLD [3]-Gremium nicht mehr warten. Eine Reihe europĂ€ischer Registries fĂŒr die LĂ€nder-Domains (ccTLDs), allen voran die .-de-Registry DeNIC, machten dagegen deutlich, dass sie der Organisation auf der Basis der vorgeschlagenen Satzung nicht beitreten werden.
"Es ist schwer, einer Organisation beizutreten, deren Aufgaben nicht klar definiert sind", begrĂŒndete die Vertreterin der norwegischen Registry ihre Kritik. Die erst vor wenigen Tagen in allen Details vorgelegte Satzung lasse völlig im Unklaren, wie weit ICANNs Aufgabe reiche. Ein Beitritt angesichts der derzeit völlig vagen Bedingungen könne sie gegenĂŒber ihren Mitgliedern kaum verantworten, sagte DeNIC-Chefin Sabine Dolderer: "Wo sollte der Vorteil fĂŒr uns liegen beizutreten?"
Die europĂ€ischen LĂ€nderregistries fĂŒrchten an erster Stelle eine Einmischung in ihre lokalen Angelegenheiten -- trotz aller Beteuerungen von Pisanty und seinem Kollegen Hans Kraaijenbrink, dass nationales Recht in jedem Fall vorgehe. Eine klare Begrenzung der Aufgaben wollte man aber nicht vornehmen. Das könnten die LĂ€ndermanagern immer noch nach Etablierung des Gremiums tun. "Doch dabei laufen wir Gefahr, dass sich so ein Prozess verselbststĂ€ndigt," warnt Dolderer, die auch Mindestquoren fĂŒr die grundsĂ€tzliche VerĂ€nderungen von Regelungen forderte.
UnterstĂŒtzung fĂŒr die LĂ€nderregistries kam in Montreal von offizieller Regierungsseite. Der britische Vertreter in ICANNs Regierungsbeirat nannte die vorgeschlagene Regelung nichts weniger als "autokratisch" in vielen Formulierung und "besonders fĂŒr die europĂ€ischen ccTLDs problematisch". Sie entspreche auch so gar nicht den von Vint Cerf vorgeschlagenen Prinzipien der Kooperation und Koordination. Der ICANN-PrĂ€sident hatte in einer Art "Deus ex Machina"-Auftritt versucht, die hochschlagenden Wogen etwas zu glĂ€tten, um eine Blockade fĂŒr die GrĂŒndung des ccTLD-Gremiums abzuwenden. Der scheidende Direktor Kraaijenbrink bĂŒgelte den Einwand des britschen Regierungsvertreters ĂŒberraschend brĂŒsk ab und warf diesem gar vor, selbst gegen erklĂ€rte Politik des Regierungsbeirates (GAC) zu verstoĂen. Der GAC arbeitet derzeit an seiner Version 2 der Dreiecks-VertrĂ€ge zwischen Regierungen, ccTLDs und ICANN. Diese sollen die ccTLDs wiederum klar den Regierungen als den eigentlichen HĂŒtern der nationalen Registries unterstellen.
Die ICANN-Spitze scheint jede weitere Verzögerung des Reformprozesses um jeden Preis vermeiden zu wollen. Forderungen der ccTLDs nach einer weiteren Diskussionsrunde vor der Verabschiedung der ccNSO [4]-Satzung lehnten die ICANN-Vertreter ab. Aber auch mit einem weiteren wichtigen Partner hat ICANN noch keine Einigkeit erzielt: Die fĂŒr das Management der IP-Nummern verantwortlichen Regional Internet Registries [5] sind noch immer in Verhandlungen und wollen dem Vernehmen nach auf jeden Fall eine eigene Organisation grĂŒnden, die im Falle eines Falles die Vergabe der IP-Blöcke selbst ĂŒbernehmen kann. Der ICANN dagegen sitzen neben der International Telecommunications Union (ITU [6]) vor allem US-Kongressabgeordneten und Senatoren auf der einen und US-kritische Regierungsvertreter beim Weltgipfel der Informationsgesellschaft [7] im Nacken. Wer weiĂ, ob diese Kritiker ICANN ein weiteres Update zugestehen, wenn die Reform zu ICANN II floppt ... (Monika Ermert) / (jk [8])
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[1] http://www.icann.org
[2] https://www.heise.de/news/Auf-dem-Weg-zu-ICANN-II-69727.html
[3] http://www.iana.org/cctld/
[4] http://www.icann.org/general/support-orgs.htm
[5] http://www.ripe.net/ripencc/about/regional/
[6] http://www.itu.int
[7] https://www.heise.de/news/Welt-ans-Netz-bis-2010-75445.html
[8] mailto:jk@heise.de
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