Goldgräber stoßen auf Granit
Die Internet World in Berlin gab sich 2001 geordneter und grauer als in den Jahren zuvor - kein Wunder, fehlten doch viele der einstmals schillernden Startups. Selbst altgediente Internet-Hasen erklärten die goldenen Internet-Zeiten für beendet.
Es ist Ernüchterung eingekehrt in der Branche. Eine ‘Trauerveranstaltung’ sei die Internet World heuer, gab ein Venture-Kapitalist der Beteiligungsgesellschaft TFG zu Protokoll. Interessante neue Geschäftsideen habe er kaum vorgeschlagen bekommen. ‘Was will ich mit dem zigsten Portal?’ Ein anderer VC-Manager zog den Vergleich zur CeBIT 2001: ‘Da kamen tolle Ideen zu Hard- und Software. Hier in Berlin bleiben die Innovatoren scheinbar draußen.’
Auch auf den Messeständen gab es nicht viel Neues. Hier eine neue Kooperation (GMX mit eVITA), dort ein Festnetz-Sondertarif (Arcor). Obwohl sich die Zahl der Aussteller nach Angaben der Messeleitung ComMunic gegenüber dem Vorjahr auf etwa 1000 verdoppelt hat, scheinen die Internet-Firmen der Messe nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Allerorten wurden den Besuchern angebliche Innovationen präsentiert, die bereits auf der CeBIT Ende März ausgestellt waren.
Aller Ernüchterung zum Trotz schwärmten Politiker wie der CDU-Internet-Sprecher Thomas Heilmann in ihren Eröffnungsreden unverdrossen vom Internet als ‘Motor für die gesamte Wirtschaft’. Das Netz schaffe eine ‘Rationalisierungswelle, die die Welt noch nicht gesehen hat’, meint Heilmann. Auch Siegmar Mosdorf (SPD), Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, beschwor vor der versammelten Internet-Wirtschaftselite den langfristigen Erfolg der Branche: Heute liege sie mit ihren rund 800 000 Beschäftigten und einem Umsatz von 250 Milliarden Mark noch hinter dem Straßen- und Maschinenbau sowie der Elektrotechnik auf Platz vier der wichtigsten Industrien in Deutschland. Laut Mosdorf wird sie schon ‘in wenigen Jahren Platz eins belegen’.
Parallel zur Internet World fand erstmals die ‘Streaming Media Berlin’ statt. Knapp 90 Aussteller führten in Halle 25 des Berliner Messegeländes Produkte und Techniken rund um Audio-/Videostreaming, Content Management und interaktives Internet-TV vor. Groß im Trend liegt ‘Rich Media’, das sämtliche denkbaren Multimedia- und Streaming-Anwendungen unter einen Hut bringen soll - kaum ein Hersteller, der sich nicht mit diesem Begriff schmückte. Da es sich meist um professionelle Lösungen handelt, hielt sich der Ansturm des Laufpublikums allerdings in Grenzen. Die US-Pendants ‘Streaming Media East/West’ in New York und Long Beach zogen bereits im vergangenen Jahr deutlich mehr Besucher an. (wst) (hob)