Im Kreuzfeuer

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Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Manfred Bertuch
  • Laurenz Weiner

Die von Nvidia bereits seit Jahresanfang angebotene Technik, die Spieleleistung mit einer zweiten Grafikkarte zu erhöhen (SLI), nimmt ATI jetzt ins Kreuzfeuer. Zu Beginn der Computex kündigten die Kanadier unter der Bezeichnung CrossFire wie seinerzeit die kalifornische Konkurrenz auch sowohl speziell vorbereitete Grafikkarten als auch einen Mainboard-Chipsatz für zwei PCIe-Slots an. Der Chipsatz mit der Bezeichnung Radeon Xpress 200 CrossFire teilt die sechzehn für Grafik verfügbaren PCIe-Lanes in Dual-Konfigurationen in zweimal acht Lanes auf und stellt damit jeder Grafikkarte eine Transferrate von 2 GByte/s zur Verfügung. Er ist in Versionen für Intels Pentium 4 (RD400) und für AMD-CPUs (RD480) vorgesehen und unterstützt FSB1066 beziehungsweise HT1000. In der Intel-Variante ist zudem ein X300-Grafikkern mit zwei DirectX-9-tauglichen Pixel-Pipelines integriert. Für die Aktivierung des Dual-Betriebs sind anders als bei Nvidias nForce 4 keine speziellen Selector-Karten oder Jumper erforderlich. Man kann sogar im Betrieb ohne Neustart zwischen Single- und Dual-GPU-Betrieb hin- und herschalten.

In Dual-Konfigurationen muss allerdings eine der beiden Grafikkarten eine spezielle CrossFire-Ausführung sein. Auf dieser kombiniert eine Compositing Engine die beiden in digitaler Form zugeführten Pixelströme zu einem gemeinsamen Bildsignal. Um auch analoge Monitore ansteuern zu können, hängt ATI der Engine noch einen 400-MHz-RAMDAC an. Die Kopplung der beiden Grafikkarten erfolgt über eine externe Kabelpeitsche, was an die seligen Voodoo-2-Zeiten erinnert. Dazu ist eine der beiden DVI-Buchsen mit zusätzlichen Pins ausgestattet (DMS-59), über die das digitale Bildsignal der zweiten Grafikkarte in die CrossFire-Karte eingespeist wird.

Als Vorteil dieser im Vergleich zu Nvidias SLI-Konzept etwas aufwendigeren Technik führt ATI an, dass absolut jedes Spiel zu CrossFire kompatibel sei, während SLI mit nur rund 100 Spielen funktioniere. Man muss auch nicht zwei völlig identi-sche ATI-Grafikkarten verwenden. Eine X850-CrossFire-Karte lässt sich mit jeder Karte aus der X850-Familie (XT-PE, XT pder Pro) kombinieren und eine X800-CrossFire-Karte mit jeder X800-Karte (XT-PE, XT, XL, Pro, Standard). Die beiden Karten können also unterschiedliche Taktfrequenzen und Pipeline-Anzahlen aufweisen. Sogar die BIOS-Versionen, die Grafikkartenspeicher-Größe und der Hersteller dürfen sich unterscheiden.

Die Lastverteilung regelt ATI nicht dynamisch, sondern beschränkt sich auf drei statische Muster: Entweder rendert jede Karte abwechselnd ein Bild (AFR - Alternate Frame Rendering) oder das Bild wird horizontal (Scissor Mode) beziehungsweise schachbrettartig (Super Tiling) aufgeteilt. Der letzt genannte Modus steht allerdings nur unter DirectX zur Verfügung. Der maximale Leistungsgewinn kommt laut ATI bei AFR im Einzelfall bis an 100 Prozent heran, was über den von Nvidias SLI Technologie erzielten Maximalwerten läge. Exakte Vergleiche stehen aber noch aus. Dank der Compositing Engine kommt der Anwender zudem in den Genuss vier zusätzlicher Antialiasing-Modi: 8xAA, 10xAA (8x + 2x SuperSampling), 12xAA und 14xAA (12x + 2x SuperSampling). Damit sollte die Qualität der Kantenglättung keine Wünsche mehr offen lassen. Eine Beschleunigung ist in diesem Modus aber nicht möglich, da beide Grafikkarten dann ein komplettes Bild mit der Hälfte der insgesamt benötigten Sub-Pixel berechnen müssen.

Man hat die Wahl zwischen einer Radeon X850 CrossFire Edition (256 MByte) und einer Radeon X800 CrossFire Edition (256 und 128 MByte), die mit einem Radeon X850 XT beziehungsweise einem Radeon X800 XL arbeiten. Die Preise werden voraussichtlich bei 500, 300 und 250 Euro liegen. Ungünstig ist die Kombination mit einer Radeon X850 Pro, X800 Pro oder X800. Koppelt man diese Zwölf-Pipeline-Chips mit einer CrossFire-Karte, schaltet auch diese auf zwölf Pipelines herunter und verschenkt damit ein Viertel ihrer Leistung. Wirklich sinnvoll lassen sich nur Grafikkarten mit Radeon X850 XT, X800 XT oder X800 XL unter CrossFire einsetzen, wenn man einmal von den teuren und raren PE-Versionen absieht. Da ein 128-MByte-Speicher die nutzbare Kapazität der anderen Karte ebenfalls auf 128 MByte begrenzt, sollte man ausschließlich 256-MByte-Versionen verwenden, da sonst hohe Antialiasing-Modi häufig nicht mehr spielbar sind.

Seitens des Mainboards setzt ATI offiziell zwei symmetrische PEG-Ports voraus (x8), wie sie der CrossFire-Chipsatz, aber auch Nvidias nForce 4 unterstützt. Garantieren will ATI die uneingeschränkte Funktion auf dem Nvidia-Chipsatz jedoch nicht. Auf der Computex behaupteten aber einige Board-Hersteller, sie hätten zwei ATI-Karten sogar mit x16/x1-Linkverteilung auf Boards mit den Intel-Chipsätzen i945 und i955 zum Laufen gebracht.

Auch unabhängig davon ist das CrossFire-Konzept weniger restriktiv als SLI und hat der Nvidia-Technik die Super-Antialiasing-Modi voraus. Die grundsätzliche Schwäche von Dual-GPU-Rendering kann aber auch ATI nicht beseitigen: Wegen der begrenzten CPU-Leistung liegt der Leistungszuwachs im Mittel deutlich unter 100 Prozent. Mit dem Xpress-200-Chipsatz scheinen die Kanadier zudem ihre Bedeutung im Mainboard-Geschäft ausbauen zu können. Zahlreiche Hersteller wie Asus, Elitegroup, Gigabyte, MSI, DFI, Sapphire und TUL hat ATI bereits als Board-Partner gewonnen. Mainboards und CrossFire-Karten sollen im Juli beziehungsweise August in den Handel kommen. (law)