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NiederlÀndische Provider verzichten auf Websperren

Stefan Krempl

Die Arbeitsgruppe der großen hollĂ€ndischen Zugangsanbieter zur Blockade von Kinderpornographie im Netz hat den Justizminister des Landes, Ivo Opstelten, informiert, dass sie es als nicht notwendig ansieht, die Schwarze Liste anzuwenden.

NiederlĂ€ndische Internetprovider wenden derzeit eine Selbstverpflichtungsvereinbarung zum Sperren von Webseiten mit Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs nicht an. Die Schwarze Liste mĂŒsse nicht implementiert werden, da es so gut wie keine einschlĂ€gigen kommerziellen Webangebote mehr gebe, teilte die zustĂ€ndige Arbeitsgruppe der großen hollĂ€ndischen Zugangsanbieter dem Justizminister des Landes, Ivo Opstelten, mit. Die Beschwerdestelle fĂŒr Missbrauchsbilder im Internet, der Meldpunt Kinderporno [1], habe die Provider zuvor darĂŒber informiert, dass die Zahl der inkriminierten Webseiten 2010 seit Beginn der MeldetĂ€tigkeiten "drastisch" zurĂŒckgegangen sei.

Die "Werkgroep Blokkeren Kinderporno" der Plattform fĂŒr ein sicheres Internet der Zugangsanbieter hat Opstelten bereits im November in einem Brief darĂŒber informiert, dass die Websperren nicht aktiviert werden, und darum gebeten, das Schreiben [2] (PDF-Datei) zu veröffentlichen. Dem kam die niederlĂ€ndische Regierung Anfang MĂ€rz nach. Die hollĂ€ndische BĂŒrgerrechtsorganisation Bits of Freedom hat die Publikation des Briefs begrĂŒĂŸt [3] und dessen Inhalte ins Englische ĂŒbersetzt. Diese betont, sie habe ebenfalls schon immer darauf bestanden, dass eine Blockade von Webseiten mit Missbrauchsbildern kontraproduktiv sei.

Die Arbeitsgruppe selbst verweist in der Eingabe an das Justizministerium darauf, dass die SĂ€uberung des Webs von Kinderpornographie seit Bestehen von Beschwerdestellen kein niederlĂ€ndisches PhĂ€nomen sei; in Großbritannien etwa sei die Entwicklung Ă€hnlich verlaufen. Dort habe die nationale Hotline, die Internet Watch Foundation [4] (IWF), ihre Schwarze Liste in den vergangenen beiden Jahren von anfangs ĂŒber 2000 Webseiten pro Tag auf weniger als 400 verringern können. Dabei seien dort die Kriterien fĂŒr einen Eintrag in die Liste viel weiter gefasst als in den Niederlanden.

Angesichts dieses Trends betont das Providergremium, Blockaden könnten nicht mehr als "zuverlĂ€ssiges und effektives Mittel" im Kampf gegen Kinderpornographie angesehen werden. Schon vorab habe die Arbeitsgruppe gewusst, dass Sperren keine zu 100 Prozent wirksame Methode seien. Man habe dieses Mittel aber trotzdem als zusĂ€tzliche Barriere gegen einen mehr oder weniger unbeabsichtigten Zugang zu Missbrauchsbildern zunĂ€chst ins Auge gefasst. Die Hotline-Ergebnisse fĂŒhrten aber zu dem Schluss, dass zentrale Netzfilter derzeit nicht dazu beitrĂŒgen, die mit der Regierung in der Selbstvereinbarung umrissenen Ziele zu erreichen.

Ein IWF-Vertreter hatte zuvor in einer Anhörung [5] im EU-Parlament zum Vorstoß [6] der EU-Kommission zu Websperren erklĂ€rt, dass sich die Zusammenarbeit der Provider untereinander und das anschließende Löschen bereits stark auf die VerfĂŒgbarkeit von Kinderpornografie ausgewirkt habe. Statt "Tausenden" habe die britische Meldestelle inzwischen nur noch ein paar Hundert Webadressen auf ihrer Filterliste, die 60 Provider freiwillig einsetzen. Der Experte erlĂ€uterte weiter, dass prinzipiell auch legitime Inhalte blockiert werden und Sperren missbraucht werden könnten. Daher mĂŒsse darauf geachtet werden, dass Sperren verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig und transparent angewendet werden. Parallel hatte die "European Financial Coalition" eine Studie [7] zur starken Reduzierung kommerzieller Kinderporno-Webseiten und zum Abwandern von TĂ€tern und Interessenten etwa in Peer-to-Peer-Netzwerke oder in private Zirkel in Social Networks herausgegeben. (anw [8])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1204032

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.meldpunt-kinderporno.nl/
[2] https://www.bof.nl/live/wp-content/uploads/brief-meldpunt.pdf
[3] https://www.bof.nl/2011/03/07/dutch-providers-abandon-ineffective-web-blocking/
[4] http://www.iwf.org.uk/
[5] https://www.heise.de/news/Showdown-zwischen-Befuerwortern-und-Gegnern-von-Websperren-in-Bruessel-1098799.html
[6] https://www.heise.de/news/EU-will-Websperren-einfuehren-965666.html
[7] https://www.heise.de/news/Studie-Kinderpornographie-im-Netz-kein-grosses-Geschaeft-1097294.html
[8] mailto:anw@heise.de