Sonys Vlogging-Update und Nikons Testballon – die Fotonews der Woche 28/2024

Für Webvideo-Fans macht Sony ein faires Angebot samt Motorzoom und Nikon startet einen neuen Cloud-Dienst für Backups und Updates. Noch kostenlos.

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Die Sony EV-E10 II mit dem neuen Motorzoom. Das lässt sich am optionalen Handgriff, wie hier unten rechts zu sehen, auch über eine Wippe bedienen.

(Bild: Sony / Screenshot und Bearbeitung: heise online)

Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Nico Ernst
Inhaltsverzeichnis

Vor fast genau drei Jahren hat Sony mit der ZV-E10 eine kompakte Systemkamera vorgestellt, die voll auf das Produzieren von Webvideos ausgelegt ist, und nun erscheint der Nachfolger - die ZV-E10 II. Schon die Namensgebung zeigt, dass das Unternehmen sich des Erfolgs des Vorgängers bewusst ist, denn die erste E10 hat zu der Zeit im Alleingang eine neue Kategorie von Kamera etabliert, die durch die ganze Branche fleißig kopiert wird.

Es geht hier nicht um die kleine Universalkamera zum immer-dabei-haben, sondern um genau auf den Einsatzzweck zugeschnittene Spezialisten. Und immer weniger ums Fotografieren, sondern ums Filmen. Folglich fehlt auch der E10 II ein mechanischer Verschluss, was Blitzen erschwert, die Rolling-Shutter-Effekte des elektronischen Verschlusses unvermeidbar macht und beim Filmen weniger auffällt. Das ist auch eine Sparmaßnahme, ebenso wie der Verzicht auf einen Sucher – selbst wenn der Body mit nun 1100 Euro statt 750 Euro für das erste Modell teurer ausfällt.

Das ist aber für die angepeilte Zielgruppe – ja, wir kommen auch in dieser Ausgabe der Kolumne nicht um den Begriff herum – ziemlich unerheblich. Die ist mit Fotografieren und Filmen mit dem Smartphone aufgewachsen und Bildgestaltung per Display gewohnt. Und Top-Handys kosten heute auch leicht 1000 Euro, das sind dann auch die Geräte mit den besten Kamerasystemen. Besonders attraktiv wird die E10 II mit dem Kit-Objektiv für insgesamt 1200 Euro, denn das ist motorisiert.

Dieses F3.5-5.6 / PZ 16-50 /OSS II deckt den nötigsten Brennweitenbereich für den APS-C-Sensor ab und kann auch fokusstabil arbeiten. "PZ" steht für "Powerzoom", ein Linearmotor kann die Brennweite verstellen. Dafür besitzt die Kamera, ähnlich früheren Kompakten oder Outdoor-Kameras, einen Hebel um den Auslöser herum. Auch Nachführung des Autofokus beim langsamen motorisierten Zoomen ist möglich – in dieser Preisklasse ist der "Fernseh-Look" dieser Kombination ein Novum. Das Kit-Objektiv ist zudem gegenüber anderen E-Mount-Optiken für die E10 II zu bevorzugen, weil es eine Bildstabilisierung besitzt, die Kamera selbst hat keinen IBIS. An anderen Sony-Bodies kann der OSS des Objektivs mit dem IBIS zusammenarbeiten. Es kostet ohne die Kamera 329 Euro – wie meistens lohnt sich der Kauf des Kits also.

Bei den Funktionen der Kamera selbst hat Sony – natürlich – vorrangig bei den Features zum Filmen kräftig nachgelegt. Die Highlights: 4K bei 60 fps, 4:2:2-Abtastung mit 10 Bit Farbtiefe, und bei Full-HD bis zu 120 fps. In Kombination mit dem 26-Megapixel-Sensor lassen sich auch Log-Farbprofile verwenden, sodass sinnvolles Color Grading erst möglich wird. Raw-Video wird dennoch nicht geboten. Aber auch sonstige sinnvolle Ausstattung, nämlich analoger Mikro-Eingang ebenso wie Kopfhörer-Ausgang. Und, auch nicht überall geboten: Beim Hochkant-Filmen etwa für TikTok wechselt auch die Anzeige auf dem voll schwenkbaren Display ins entsprechende Format.

USB-C samt Streaming oder Aufladen darüber, WLAN und alles andere an Modernität muss eine solche Kamera selbstverständlich bieten, hier sind die vollständigen technischen Daten. Überdies hat Sony den Akku durch das größere Modell NP-FZ100 getauscht, was nun auch zwei Stunden langes Filmen erlaubt. Eine Beschränkung der Länge eines einzelnen Clips gibt es nicht, testen muss man da mit Seriengeräten noch, wie sich das auf das Rauschverhalten auswirkt. Und die Menüs, bei Sony oft gehasst oder geliebt, sind jetzt auch auf dem Stand der größeren Alphas, was die E10 II auch zu einem Aufstiegsgerät macht. Das alles wirkt wie die ideale Kamera für Webvideos, hat jedoch beispielsweise auf Konzerten oder im Sportstadion einen Haken: Kameras mit Wechselobjektiven, gleich welcher Art und wie klein, sind dort für Besucher in der Regel verboten. Daher haben auch die Geräte mit fest verbautem Objektiv wie die ZV-1 II noch ihre Berechtigung.

Dennoch bleibt die ZV-E10 II eine der spannendsten Kameras des Konzepts, beispielsweise Nikon muss sich da mit der zwar günstigeren, aber auch – jedoch nicht nur – auf Filmen ausgelegten Z 30, die nun für rund 700 Euro im Vlogging-Kit erhältlich ist, etwas überlegen. Derzeit hat das Unternehmen jedoch einen anderen Schwerpunkt, und der heißt Cloud. Alles kostenlos, 30 Tage wird gespeichert, Firmware-Updates kommen nun auf Wunsch auch automatisch in die Kamera – da ist dennoch etwas Skepsis angebracht.

Der neue Dienst Nikon Imaging Cloud wirkt wie ein Versuchsballon. Und er ist bisher nur mit der brandneuen Z 6III kompatibel, welche Modelle noch unterstützt werden, hat Nikon bisher nicht verraten. Man kann leicht auf alles oberhalb der Z 6-Serie tippen, denn WLAN haben sie ja alle an Bord. Ist die Kamera mit einem solchen drahtlosen Netz verbunden, etwa dem Hotspot eines Smartphones oder dem heimischen WLAN, kann sie automatisch alle Fotos, nicht aber Videos, in die Nikon-Cloud schieben. Ein nettes, kostenloses Backup, oder?

Eigentlich eher mehr, denn was spontan als Workflow für Profis auf Veranstaltungen einfällt: Smartphone mit angeschlossener Powerbank – mobile Hotspots ziehen sehr viel Strom – in den Fotorucksack, und die Kamera macht laufend Backups in die Cloud. Abends die Speicherkarte wechseln, die Bilder sind jetzt zweimal gespeichert, und am nächsten Tag dasselbe Spiel. Das Notebook kann endlich zu Hause bleiben, Gefummel mit Cardreadern am Smartphone oder Tablet entfällt auch. So mancher würde dafür wohl sicher gerne Geld bezahlen.

Das setzt natürlich voraus, dass Nikon den Dienst auch sicher und dauerhaft anbietet. Es ist sehr seltsam, dass vom überall diskutierten KI-Training mit fremden Bildern in den AGB und den FAQ zur Nikon Imaging Cloud nichts zu finden ist. Vielleicht soll das Vertrauen schaffen, dass aber klipp und klar gesagt wird: Nach 30 Tagen werden alle Bilder gelöscht. Das bringt wieder zum oben skizzierten Workflow: Zurück von einer Veranstaltung kann man entweder die Bilder von den Speicherkarten oder aus der Cloud aufs eigene Gerät spielen und muss sich nicht weiter kümmern. Längere Speicherfristen, so man das denn will, wird sich Nikon früher oder später über ein Abomodell bezahlen lassen. Bisher, so steht auf den kanadischen Seiten, handelt es sich um einen "complimentary service", also ein Gratisangebot.

Daneben muss man Nikon auch sehr weit vertrauen, denn das Cloud-Konto lässt sich mit Konten etwa bei Adobe oder Google verknüpfen, um Bilder gleich auch dort in die Clouds zu packen. Das wiederum ist auch für Profis interessant, welche ihre Bilder beispielsweise in einem Google-Drive-Ordner Kunden zur Verfügung stellen wollen. Klar, es gibt ähnliche Angebote schon lange, aber direkt vom Kamerahersteller, der auch die Software dafür pflegt, ist schon verlockend. Sofern Nikon das nicht ähnlich abstrus und lahm gestaltet wie weiland beim "Wireless Mobile Utility" für Smartphones, falls sich daran noch jemand erinnert. Davon ist jedoch nicht auszugehen.

Neben Backup und Firmware bietet die Nikon-Cloud auch "Rezepte". Das sind nicht nur die jetzt überall angebotenen, auch von Nutzern erstellbaren Looks für fertige Fotos, sondern auch Einstellungen für die Aufnahmefunktion der Kamera. Wir haben's nicht ausprobiert, könnten uns aber etwas wie "ISO 6.400 fix, 1/200s Belichtungszeit, Fokus-Tracking auf Motiv in der Bildmitte, Blendenautomatik, höchste Serienbildgeschwindigkeit" für Konzertfotos ohne Blitz vorstellen. Es wäre ganz praktisch, das einem weniger erfahrenen Kollegen im gleichen Team einfach in die Kamera schubsen zu können.

Vielleicht lesen sie diese Ausgabe unserer Kolumne schon im Urlaub. Und das ist für Viele auch die Zeit, mal ein irgendwie wichtiges, aber immer aufgeschobenes Thema mit ruhigem Kopf aufzuarbeiten. Unser Artikel "KI-Bildgeneratoren: Chancen und Risiken im Überblick" ist ein weniger technisches, als vielmehr praktisches und ethisches Kompendium ums Bildermachen mit Generatoren wie Midjourney, Dall-E und Co. und auch für Diskussionen in der Familie geeignet. Denn wie auch immer man als Fotograf dazu steht: Die künstlichen Bilder gehen einfach nicht mehr weg. Daher ist die wirklich gute Story unsere Empfehlung für einen Long Read zum Wochenende.

(nie)