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Twitter sperrt versehentlich News-Accounts, dementiert russischen Einfluss

Andreas Wilkens

Über @conflicts werden beispielsweise Karten verbreitet, in denen russische Angriffe auf die Ukraine dokumentiert worden sein sollen.

(Bild: Nathan Ruser auf Twitter)

Am Vorabend des Kriegs Russlands gegen die Ukraine sperrte Twitter einige OSINT-Accounts, die Nachrichten dazu verbreitet hatten.

Twitter hat am Mittwoch offenbar mehrere Accounts gesperrt, die aktuelle Nachrichten ĂŒber russische MilitĂ€rbewegungen verbreitet hatten. Twitter-Nutzer aus der OSINT-Community – die auch als "Netzforensiker" bezeichnet werden – hatten sich darĂŒber beschwert, dass einige ihrer Konten von den Sperrungen betroffen seien.

Yoel Roth, der bei Twitter fĂŒr die IntegritĂ€t der Plattform verantwortlich ist, fĂŒhrte in einem Tweet die Sperrungen auf "menschliche Fehler" zurĂŒck. Die Accounts seien aber nicht blockiert worden, weil sie zuvor massenhaft gemeldet worden seien. An dem Problem arbeite Twitter.

Roth hatte mit seinem Tweet auf eine Beschwerde des US-amerikanischen Twitter-Nutzers Eli Durado geantwortet. Dieser hatte den Verdacht geĂ€ußert, von russisch kontrollierten Twitter-Accounts seien massenhaft Beschwerden an die Plattform ergangen, woraufhin die News-Accounts automatisch fĂŒr zwölf Stunden gesperrt worden seien. Twitter mĂŒsse die OSINT-Accounts besser schĂŒtzen. Weiter wurde aus der OSINT-Community der Verdacht geĂ€ußert, es könne kein Zufall sein, dass diese Accounts kurz vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine gesperrt wurden.

Von den Sperrungen betroffen war unter anderem Kyle Glen, der den Twitter-Account @Conflicts betreibt und @TheOsintBunker mitbetreibt. Über @Conflicts [1] werden Nachrichten aus Konfliktgebieten weltweit verbreitet, aktuell aus der Ukraine.

Bei OSINT – Open Source Intelligence – geht es darum, Nachrichten aus frei zugĂ€nglichen Quellen wie Massenmedien und dem Internet, aber auch Foto-Datenbanken und Telefonverzeichnissen zu sammeln, möglichst PrimĂ€rquellen wie Augenzeugenberichte, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Eine Sammlung von Werkzeugen, mit deren Hilfe zum Beispiel Desinformationen identifiziert werden sollen, bietet beispielsweise OSINT-Essentials an [2].

OSINT wird beispielsweise auch von Nachrichtenagenturen wie AFP genutzt, um Faktenchecks zu betreiben. OSINT soll dabei geholfen haben, russische Geheimdienstoffiziere zu identifizieren, die den Anschlag auf russischen Informanten Sergei Wiktorowitsch Skripal in Großbritannien verĂŒbt haben sollen.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) nutzt OSINT, um beispielsweise Informationen aus Fachzeitschriften und Datenbanken zu gewinnen, darĂŒber hinaus suchen Spezialisten des BND mit Recherchetools in der Flut von offenen Informationen die fĂŒr den Nachrichtendienst relevanten Inhalte. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen suchte Ende 2020 OSINT-Experten [3], die auf Facebook, Twitter oder Instagram Informationen recherchieren sollten, um die Kollegen im Einsatz zu unterstĂŒtzen. OSINT wird auch fĂŒr die Sicherheitanalyse von IoT-GerĂ€ten eingesetzt [4].

Der russische PrĂ€sident Wladimir Putin hatte am frĂŒhen Donnerstagmorgen einen Auslandseinsatz des russischen MilitĂ€rs in den Regionen Luhansk und Donezk offiziell angeordnet. SpĂ€ter hieß es aus Moskau, die russische Armee fĂŒhre Angriffe mit "HochprĂ€zisionswaffen" aus. Dabei wĂŒrden in der gesamten Ukraine auch vom Meer und von Belarus aus militĂ€rische Infrastruktur, Einrichtungen zur Luftverteidigung, MilitĂ€rflugplĂ€tze und die Luftwaffe der ukrainischen StreitkrĂ€fte außer Gefecht gesetzt. Ziel des russischen MilitĂ€reinsatzes sei nicht, die Ukraine zu besetzen, sondern der Schutz von Menschen vor einem Völkermord, heißt es aus Moskau.

Nach Augenzeugenaussagen sollen auch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Explosionen vernommen worden sein. Von ukrainischer Seite wird auch von Bewegungen russischer KrĂ€fte auf ukrainischem Boden berichtet, beispielsweise von der Krim aus. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj hat mit Zustimmung des Parlaments das Kriegsrecht verhĂ€ngt, er geht davon aus, dass Russland die Ukraine "zerstören" wolle. "Wir sind stark. Wir sind zu allem bereit. Wir werden siegen", hieß es weiter von Selenskyj. Vor dem Angriff Russlands wurde befĂŒrchtet, etwa 5 Millionen Menschen könnten in oder aus der Ukraine flĂŒchten.

Bundeskanzler Olaf Scholz sprach in einer ersten Reaktion von einem "dunklen Tag fĂŒr Europa". US-PrĂ€sident Joe Biden hat den russischen MilitĂ€rangriff auf die Ukraine scharf verurteilt und der Regierung in Moskau Konsequenzen angedroht, ebenso EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen, die scharfe wirtschaftliche Sanktionen ankĂŒndigte, und NATO-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg.

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(anw [6])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://twitter.com/Conflicts
[2] https://www.osintessentials.com/
[3] https://www.heise.de/news/Fake-oder-echt-Polizei-sucht-Experten-fuer-Social-Media-Recherche-4973845.html
[4] https://www.heise.de/select/ix/2020/5/2004911250250159566
[5] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[6] mailto:anw@heise.de