AKW Saporischschja: "Das Risiko besteht fort, solange der Krieg dauert"
Seit fast einem Jahr besetzen Russen das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja. Das Bundesamt fĂĽr Strahlenschutz warnt, das Risiko eines Unfalls dauere an.
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Atomkraftwerk Saporischschja. Die sechs Reaktoren haben jeweils eine Leistung von 1000 MW.
(Bild: Energoatom, Archiv)
Das stark erhöhte Risiko eines nuklearen Unfalls im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja bestehe for, solage der Krieg dauert. Darauf weist Inge Paulini hin, Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). "Ein Jahr nach Beginn des Angriffskrieges scheint diese Gefahr schon wieder in den Hintergrund des öffentlichen Bewusstseins zu rücken", sagte sie der dpa.
Im Zuge ihrer Invasion in die Ukraine, die am 24. Februar 2022 begann, nahmen russische Truppen von Norden kommend das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl ein, von Süden kommend das AKW Saporischschja, mit seinen sechs Reaktoren das größte Europas. Infolge konnte das Personal lange Zeit nicht ausgewechselt werden, es arbeitet unter starker physischer und psychischer Belastung. Das Gelände des AKW wurde bereits beschossen, ebenso die Stromversorgung des AKW, die vorübergehend ausfiel.
"Der Strom ist unbedingt für den sicheren Betrieb erforderlich", sagte Paulini. Es sei möglich, dass es durch Kampfhandlungen erneut zu Problemen bei der Stromversorgung komme. Zuletzt untersagte die ukrainische Atomaufsichtsbehörde SNRIU den Betrieb von vier Reaktoren des AKW. Ein regulärer Betrieb sei erst möglich, wenn die Russen abziehen. Da das AKW allerdings in fremder Hand ist, reichen momentan die Befugnisse der ukrainischen Atomaufsicht nicht aus.
Seit fast einem Jahr von Russen besetzt
IAEA-Generalsekretär Rafael Mariano Grossi fordert seit Längerem eine Sicherheitszone um das AKW. Paulini hält das für richtig. Die Menschen in der Ukraine und weit darüber hinaus müssten geschützt werden, sagte die BfS-Präsidentin. Für die Bundesrepublik wären die Folgen eines Atomunfalls in der Ukraine jedoch gering. "Im schlimmsten Fall könnte in Deutschland eine Kontrolle von Futter- und Nahrungsmitteln erforderlich werden, gegebenenfalls auch eine Vermarktungssperre für kontaminierte Produkte", sagte Paulini.
Das AKW Saporischschja wurde in der Nacht zum 4. März 2022 von russischem Militär eingenommen, andere Darstellungen gehen von einer Besetzung bereits in den Tagen zuvor aus. Während der Kampfhandlungen geriet ein Gebäudekomplex auf dem Gelände in Brand. Später wurde das AKW immer wieder von der externen Stromversorgung abgeschnitten, so beispielsweise am 28. April. Das AKW ging kurzzeitig in den Inselbetrieb und versorgte lediglich den Eigenbedarf, da eine 330kV-Leitung beschädigt wurde. Wenn kein Strom von außen kommt und der selbst im AKW erzeugte nicht ausreicht, um essentielle Sicherheitsfunktionen wie die Kühlung aufrechtzuerhalten, springen Notstromdiesel an. Diese können für ein paar Tage aushelfen.
Da das russische Militär in den vergangenen Wochen verstärkt die ukrainische Energieinfrastruktur angriff, mussten zwischenzeitlich auch Reaktoren an anderen, nicht besetzten AKW-Standorten vorübergehend heruntergefahren werden. Ein weiteres Risiko für das AKW Saporischschja machten Mitarbeiter der IAEA Anfang dieses Monats aus, die vor Ort stationiert sind. Sie beobachteten, dass der Wasserstand des Kachowkaer Stausees am Unterlauf des Dnepr, der das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja mit Kühlwasser versorgt, gesunken war.
(anw)