Unionspolitiker machen bei Vorratsdatenspeicherung und Websperren Druck
Innenpolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion haben das Bundesjustizministerium erneut aufgefordert, einer neuen Verpflichtung zur Protokollierung von Nutzerspuren nicht lÀnger im Wege zu stehen. Sie drÀngen auch wieder auf "Kinderporno-Sperren". "Das Internet wird zunehmend zum strafverfolgungsfreien Raum", meinte Wolfgang Bosbach.
Innenpolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion haben das Bundesjustizministerium erneut [1] aufgefordert, einer neuen Verpflichtung von Telekommunikationsanbietern zur verdachtsunabhĂ€ngigen Vorratsspeicherung von Verbindungs- und Standortdaten nicht lĂ€nger im Wege zu stehen. "Das Internet wird zunehmend zum strafverfolgungsfreien Raum", schlug der Vorsitzende des Innenausschusses im Parlament, Wolfgang Bosbach, in der "Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung" Alarm [2]. Bisher hatten sich vergleichbare Warnungen hĂ€ufig auf einen "rechtsfreien Raum" bezogen. "Kriminelle wĂŒssten, dass sie nirgendwo sicherer handeln könnten als im Netz", begrĂŒndete der CDU-Politiker die Wiederholung seines VorstoĂes. Ihre elektronischen Spuren wĂŒrden nicht mehr gespeichert und fielen deshalb als Beweismittel weg. Die Ermittler haben Bosbach zufolge daher "riesige Probleme, FĂ€lle von Datenklau, Kreditkartenbetrug oder Kinderpornographie aufzuklĂ€ren." Dabei wachse dieser KriminalitĂ€tsbereich rasant.
Bosbach hĂ€lt eine Neuauflage des Gesetzes zur Protokollierung von Nutzerspuren sechs Monate nach dem "korrigierenden" Urteil [3] des Bundesverfassungsgerichts fĂŒr ĂŒberfĂ€llig. Nicht verstehen mag der Unionsvize die Argumentation [4] von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), vor einer nationalen die Ergebnisse der laufenden Evaluierung [5] der EU-Vorgaben [6] zur Vorratsdatenspeicherung durch die EU-Kommission abzuwarten. Die BrĂŒsseler Behörde werde sicher keine strengeren Auflagen machen als Karlsruhe.
Bosbachs DrĂ€ngen kommt wenige Tage nach einer Demonstration [7] in Berlin, auf der mehrere tausend BĂŒrger gegen den "Ăberwachungswahn in Wirtschaft und Staat" allgemein und die anlasslose Aufzeichnung von Nutzerspuren im Besonderen protestierten. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung hĂ€lt die MaĂnahme unter Berufung auf die aktuelle KriminalitĂ€tsstatistik fĂŒr ĂŒberflĂŒssig [8]. Im Jahr 2008, als Verbindungsdaten nur sporadisch gespeichert wurden, seien 167.451 Internet-Straftaten registriert worden, die zu 79,8 Prozent aufgeklĂ€rt werden konnten, legten die BĂŒrgerrechtler vor Kurzem dar. Nach der EinfĂŒhrung der sechsmonatigen Vorratsdatenspeicherung habe die Polizei demgegenĂŒber 206.909 Online-Delikte registriert. Davon seien 75,7 Prozent aufgeklĂ€rt worden. Es könne daher keine Rede sein von SicherheitslĂŒcken durch den Stopp der MaĂnahme.
Nach wie vor als missglĂŒckt bezeichnete Bosbach zugleich die Aussetzung [9] von Zugangssperren im Kampf gegen sexuelle Missbrauchsbilder. "Die Ergebnisse des Bundeskriminalamtes bei der Löschung kinderpornographischer Seiten sind ernĂŒchternd", befand der CDU-Politiker wieder [10]. So hĂ€tten die Ermittler von Januar bis August 2010 im Monatsschnitt 160 auslĂ€ndische Kinderporno-Seiten an die betroffenen Staaten gemeldet. Nur in 2 Prozent der FĂ€lle habe das BKA eine direkte BestĂ€tigung fĂŒr die Löschung der Seiten erhalten. In fast jedem zweiten Fall sei die monierte Seite nach einer Woche weiterhin im Netz abrufbar gewesen. Soweit Inhalte nicht zĂŒgig gelöscht werden könnten, mĂŒssten daher "Kinderporno-Sperren" eingesetzt werden. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), setzte sich parallel dafĂŒr ein, auch "die Urheber solcher Machwerke zur Rechenschaft zu ziehen". Das scheitere aber regelmĂ€Ăig daran, dass die Verbindungsdaten der TĂ€ter nicht mehr verfĂŒgbar seien.
Der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco betrachtet den von der schwarz-gelben Koalition zunĂ€chst beschlossenen Ansatz [11] "Löschen statt Sperren" dagegen als Erfolgsmodell [12]. Die bisherigen BemĂŒhungen der Provider hĂ€tten bereits dazu gefĂŒhrt, dass von den insgesamt im ersten Halbjahr 2010 beim eco gemeldeten 197 FĂ€llen kinderpornographischer Inhalte 194 binnen einer Woche offline gewesen seien, was einer Erfolgsquote von 98 Prozent entspreche. Deutlich lĂ€nger bleibe keine einzige einschlĂ€gige Seite mehr online. Dass das BKA bei den eigenen LöschbemĂŒhungen sich nur langsam bessernde Statistiken vorlegt, liegt laut Verbandsvertretern daran, dass die internationale Zusammenarbeit der Strafverfolger bislang wenig effektiv gewesen sei. Bundesinnenminister Thomas de MaiziĂšre hatte zudem mittlerweile die Erkenntnis verbreitet [13], das Löschen und Sperren von Internetseiten sei keine KriminalitĂ€tsbekĂ€mpfung, vielmehr mĂŒsse man die TĂ€ter aufspĂŒren. (jk [14])
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[1] https://www.heise.de/news/Vorratsdatenspeicherung-CDU-Politiker-draengen-auf-schnelle-Nachfolgeregelung-947982.html
[2] http://www.noz.de/artikel/47734660/streit-um-vorratsdaten-und-netz-sperr%20en
[3] https://www.heise.de/news/Bundesverfassungsgericht-legt-Huerde-fuer-kuenftige-Vorratsdatenspeicherung-hoch-944021.html
[4] https://www.heise.de/news/Keine-schnelle-Einigung-bei-Vorratsdatenspeicherung-1063003.html
[5] https://www.heise.de/news/Vorratsdatenspeicherung-auf-dem-EU-Pruefstand-986050.html
[6] https://www.heise.de/news/EU-Rat-nickt-Richtlinie-zur-Vorratsdatenspeicherung-ab-177825.html
[7] https://www.heise.de/news/Tausende-demonstrieren-fuer-Datenschutz-auf-Grossdemo-in-Berlin-1077549.html
[8] https://www.heise.de/news/Buergerrechtler-Vorratsdatenspeicherung-laut-Kriminalitaetsstatistik-ueberfluessig-1071139.html
[9] https://www.heise.de/news/Bundeskriminalamt-soll-Websperren-nicht-anwenden-936221.html
[10] https://www.heise.de/news/Bundeskriminalamt-fordert-erneut-Sperren-von-Kinderpornographie-1038425.html
[11] https://www.heise.de/news/BKA-verzeichnet-wachsenden-Erfolg-beim-Loeschen-von-Kinderpornos-1060985.html
[12] https://www.heise.de/news/Provider-halten-Kinderporno-Sperren-fuer-unverhaeltnismaessig-1070689.html
[13] https://www.heise.de/news/De-Maiziere-will-Kinderpornographie-haerter-bekaempfen-1072670.html
[14] mailto:jk@heise.de
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