Handy-Tuning fürs Video
Dem Smartphone zum Filmen auf die Sprünge helfen: Leuchten, Halterungen, Optik
Soll ein Smartphone als Video- oder Filmkamera fungieren, benötigt man nicht nur irgendeine Schutzhülle oder den notorischen Selfie-Stick. Den kreativen Spielraum erweitern Sie enorm – mit Objektiven, Stabi-Halterungen (Gimbals genannt), Leuchten und Stativen.
Die einfachste Lösung, sein Telefon ruhig zu halten, ist eine der Halterungen mit Federklemme, die es von zahlosen Anbietern für gut 10 Euro gibt. Zur Not kann man so das Smartphone auch in seiner Schutzhülle fixieren. Die Klemmhalterungen, die ein Stativgewinde mitbringen, lassen sich auf einem Ministativ befestigen. Bei Telefonen mit einer Breite von mehr als 60 mm kann es sein, dass die Halterung nicht passt – also besser mit Rückgaberecht kaufen.
Als besonders praktisch hat sich das Manfrotto Pixi erwiesen. Klappt man seine Beine aus, lässt sich das in eine aufgeschraubte Halterung geklemmte Smartphone sicher aufstellen und dank des kleinen Kugelkopfs schnell ausrichten. Mit zusammengeklappten Beinen gibt das Set ein Handstativ ab, mit dem man das Smartphone ruhig und sicher hält – besser als mit bloßer Hand. Tatsächlich passiert es zu leicht, mit den Fingern die Optik versehentlich abzudecken oder zu verschmieren.
Der Haken an solchen Halterungen: Weiteres Zubehör wie eine LED-Leuchte lässt sich daran nur schwer montieren. Deshalb bietet Manfrotto den leicht transportierbaren TwistGrip, der aus drei flachen, verdrehbaren Metallplatten besteht. Allerdings liegt das Ganze nicht sonderlich bequem in der Hand, die Klemme muss man selbst kräftig zusammendrücken, damit das Smartphone sicher fixiert wird.
Ein ähnliches Ziel – aber mit etwas anderem Anspruch – verfolgt MyMiggo mit dem Pictar; diese Halterung hat das Telefon fest im Griff, sie lässt sich dank Fotogewinde auf einem Stativ befestigen und sorgt tatsächlich für eine deutlich entspanntere Handhaltung. Weil die Halterung via Bluetooth mit vielen Smartphones von Apple, Samsung und Huawei kommuniziert, benötigt sie eine Batterie. Das Pictar bietet gut erreichbare Tasten, die genau dort platziert sind, wo man sie bei einer Kamera erwartet: obendrauf Auslöser und Wahlrad für die Belichtungseinstellung – darüber ändert man in der Picar-App die ISO-Empfindlichkeit –, dazu Moduswahlrad und sogar ein Rad für den Zoom. Allerdings wirkt das Kunststoffgehäuse eher billig; das Einsetzen der großen Plus-Modelle ist etwas Fummelei. Der Zubehörschuh lässt sich nur nutzen, wenn die aufgesteckte Halterung mit einer Schraube fixierbar ist. Schade, dass die App keinen Einfluss auf den Bildstabilisator erlaubt und man Auflösung und Bildwiederholrate nicht einstellen darf.
Wer mehr erwartet, sollte zu einem Rig greifen, einem das Telefon haltenden Gestell, das sich stärker an professionellen Bedürfnissen orientiert. Solche Rigs bringen – zusammen mit zusätzlicher Leuchte und externem Mikro – etwas mehr Masse auf die Waage, was eine ruhige Kameraführung erleichtert. Ein gutes Rig bietet mehrere 1/4-Zoll-Gewinde und mindestens einen Zubehörschuh. Außerdem lässt sich das Smartphone in so einem Rig mit zwei Händen sicherer halten.
Viele preiswerte Rigs bis etwa 30 Euro kombinieren die Halterung fürs Smartphone mit einem Griff sowie einer Möglichkeit, Zubehör sicher zu befestigen, etwa Mikrofon oder Leuchte. Teurere Kombipakete im Preisbereich bis etwa 100 Euro enthalten neben der Halterung eine LED-Leuchte oder ein externes Mikrofon. Manche solcher Rigs stellen auf Bluetooth basierende Funktionen bereit, die versprechen, die Video-Funktionen des Smartphones mit handlichen Knöpfen am Griff fernzusteuern. Ab etwa 125 Euro bekommt man ein robustes Gestell, in das man sein Handy sicher einspannt, und obendrein eine einstellbare Halterung für Zusatzlinsen, die exakt mittig vor der Smartphone-Linse positioniert wird. Wer noch tiefer in die Tasche greift, findet Rundum-Kombi-Pakete aus Rig, Zusatzlinsen (Makro, Weitwinkel, Tele) und LED-Leuchten samt Video-Mikrofon – allerdings zu Preisen oberhalb der 150-Euro-Grenze.
Welchen Nutzen so ein Rig in der Praxis beweist, haben wir mit dem Elecguru Pro ausprobiert, das es in nahezu identischer Form unter der Bezeichnung Beastgrip Pro Universal bei mehreren Anbietern zu kaufen gibt. Je nach Zusammenstellung des Kits liegen mehrere Zusatzlinsen mit im Karton, die den Blickbereich des Smartphones um ein Macro (12,5x), ein Weitwinkel (0,45x) und ein Tele (12x) erweitern.
Das Rig besteht aus zähem Kunststoff und mit Innensechskant-Schrauben fixierten Stahlstäben und wirkt ziemlich robust. Die federnde, in Längsrichtung des Telefons verschiebbare Befestigung fürs Smartphone fasst ab Werk Handys zwischen 60 und 100 mm Breite; die Halterungen lassen sich umbauen, sodass minimal 52,5 mm, maximal 117,5 mm breite Smartphones in die Halterung passen. Der größtmögliche Abstand zwischen Linsenmitte und Telefon-Unterkante liegt bei 140 mm. Dank der griffgünstigen Seitenteile lässt sich das eingespannte Smartphone deutlich besser halten als ohne das Rig. Für Zubehör stehen vier Stativgewindebuchsen bereit, eine fünfte – mittig unter der Smartphone-Klemme – dient zur Befestigung des Rigs auf einem Stativ. Oberhalb der federnden Klemme kann man im Zubehörschuh etwa Leuchte oder Mikrofon einschieben.
Von den beigepackten Linsen dieses Sets sollte man – wie bei den einzeln angebotenen Linsen (siehe unten) nicht zu viel erwarten. So sieht man in den Aufnahmen mit dem Weitwinkel ausgeprägte Kissenverzeichnungen, gerade Kanten werden zu Bögen. Zu den Ecken hin werden die Bilder dunkel (Vignettierung), auch die Schärfe lässt zu den Kanten hin nach. Das 12x-Tele überzeugt kaum. Eine knapp akzeptable Schärfe zeigt es nur in Bildmitte, außerhalb des mittleren Drittels lässt sie stark nach. Dazu gibt es kräftige rote Farbsäume und eine starke Tonnen-/Kissenverzerrung. Auch hier werden die Bildecken abgedunkelt. Ausgeprägte Unschärfen erzeugt auch das Makro, dessen Einsatzbereich etwa 3 cm vor der Linse liegt. Die Schärfe ist in Bildmitte okay, lässt nach außen aber schnell nach. Deutliche Tonnenverzerrungen verfremden die Bilder.
Gimbals
Viel Bewegung im Video – so geht trendige Bildgestaltung. Dabei soll sich auch die Kamera selbst bewegen, um als „subjektive Kamera“ dem Objekt zu folgen oder dessen Perspektive einzunehmen. Beliebt sind auch seitliche Bewegungen, da sich so Vorder- und Hintergrund gegeneinander verschieben. Dabei muss die Kamera regelrecht schweben, denn nur dann entspricht dies der menschlichen Sehgewohnheit.
Freihändig zu filmen und trotzdem den Eindruck einer schwebenden Kamera zu erzeugen – das ermöglichen erst Gimbals. Ursprünglich wurden sie entwickelt, um die an Multikoptern hängenden Kameras auszurichten und beruhigen zu können, etwa vom Marktführer im Multikopter-Segment, DJI. Inzwischen bieten unzählige Hersteller solche Drei-Achs-Gimbals an. Aus den vielen Modellen sticht neben dem DJI Osmo Mobile 2, der gerade in einer aktualisierten Version auf den Markt kam, der Freevision Vilta-M hervor. In einem Gimbal arbeitet jeweils ein Motor für jede Achse, der in Sekundenbruchteilen einer Erschütterung entgegenwirkt, um die Kamera ruhig zu halten.
Bei beiden Gimbals ist es nicht ganz einfach, nach dem Einsetzen des Smartphones und vor dem Filmen die Balance in der Vertikalen zu justieren. Die Griffe der beiden Gimbals sind ergonomisch geformt. Gut erreichbar ist bei beiden der Joystick, mit dem man die Motoren so steuert, dass das Smartphone den gewünschten Blickwinkel einnimmt. Dabei reagiert der DJI nicht ganz so exakt wie der FreeVision. Die weiteren Tasten funktionieren via Bluetooth mit der jeweiligen App, etwa um mit der Record-Taste schnell die Aufnahme zu beginnen. Der DJI-Gimbal bringt zudem einen Zoomhebel mit, um – sofern vorhanden und per App fernsteuerbar – den digitalen Zoom des Smartphones zu bedienen. Den sollte man allerdings nur mit einigen Auflösungsreserven nutzen.
Ein Video von einem Treppenlauf stabilisierten die Gimbals so gut, dass die Schritte kaum zu erkennen waren und sich eine flüssige Bewegung ergab. Beim manuellen Steuern setzte beim DJI die Drehbewegung etwas zu ruckartig ein. Bei der automatischen Verfolgung, die beide Gimbals dank der App gut hinbekommen, wählt man über das Display ein Objekt aus. Anschließend reicht es, das Smartphone grob in die richtige Richtung zu halten; die App steuert die Motoren so, dass das Objekt stets im Bild bleibt. Allerdings muss die Software das Objekt auch bei wechselnder Größe im Bild finden; das funktioniert im Gegensatz zu vielen anderen Gimbals bei diesen beiden gut. So werden Personen auch dann gut erkannt, wenn sie sich vom Kamerastandort wegbewegen.
Beide reagieren im Nahbereich schneller als bei weit entfernten Objekten. Bei Gegenlicht verliert der Freevision Vilta-M schnell das Zielobjekt, bei bedecktem Himmel und in geschlossenen Räumen funktioniert die Objektverfolgung besser als beim DJI Osmo Mobile 2, der bei sportlichen Bewegungen schneller ausstieg. Bei schnellen Bewegungen sind die Motoren deutlich hörbar. Sehr gut gefallen hat uns die Funktion MotionLaps; damit lässt sich in beiden Apps ein Bewegungspfad vorgeben, der innerhalb der gewünschten Zeit abgefahren wird.
Mehr Licht
Auch wenn eine LED-Lampe nicht so cool und hip wirkt wie ein Gimbal: Gutes Licht ist für ansprechende Videos wichtiger. Einerseits rauschen die kleinen CMOS-Sensoren in manchen Smartphones bei wenig Licht furchtbar, andererseits ist Licht ein wichtiges Gestaltungsmittel, das dank der LED-Technik sehr preisgünstig geworden ist. Die bordeigenen LEDs der Smartphones erhellen bestenfalls den Nahbereich bis zwei Meter. Schickes Licht sieht anders aus – und kommt nicht frontal aus der Kamera-Blickrichtung, sondern bewirkt mit einer leichten Verschiebung in der Perspektive für etwas mehr Räumlichkeit. Wer sich ein Zusatzlicht anschaffen möchte, muss sich also Gedanken machen, wie das Licht einzusetzen ist.
Steckt das Smartphone in einem Rig, ist ein möglichst langer Magic Arm ideal. Alternativ hat sich in der Praxis eine Actioncam-Halterung bewährt, die man am Oberarm befestigt und daran die Leuchte montiert. Bleibt das Motiv statisch vor der Kamera, eignet sich ein kleiner Kugelkopf mit magnetischem Fuß noch besser.
Je größer die Leuchte, desto besser – dabei bedeutet größer nicht zwangsläufig heller. Die günstigen LED-Lampen arbeiten mit mehreren LEDs, die bei voller Lichtleistung so hell und gerichtet strahlen, dass man durch die ungleichmäßige Helligkeit bei Motiven im Nahbereich unschöne Schattenstufen erkennt. Besser ist eine größere Fläche mit gedimmtem Licht und einem sogenannten Diffusor, der als Vorsatz für weicheres Licht sorgt. Vor allem bei Interviews ergibt sich so ein deutlich freundlicheres Licht für die Person vor der Kamera.
Praktisch ist eine dimmbare Leuchte, die man schon um die 25 bis 30 Euro bekommt – beispielsweise die Cullmann CUlight 220 DL, die mit vier Mignon-Batterien betrieben wird. Der fest integrierte Zubehörschuh ist unbeweglich; wer die Leuchte bewegen möchte, muss einen Kugelkopf unten ans Stativgewinde schrauben. Um das Licht etwas weicher zu machen, reicht zur Not eine matte PP-Folie, wie man sie als Deckblätter verwendet – oder Butterbrotpapier, ein Papiertaschentuch oder eine transparente Handy-Hülle. Das geht problemlos, weil die CUlight auch beim längeren Betrieb nicht warm wird.
Nobler und kompakter ist die knapp 130 Euro teure Manfrotto Lumimuse 8, die sich via Bluetooth steuern lässt. Der Hersteller liefert dazu eine eigene Kamera-App, die aber keine ordentliche Regelung der Kameraeinstellungen zulässt. Zur Steuerung der LED-Helligkeit reicht sie aus, alternativ klappt das in vier Stufen mittels mehrfachem Drücken der Ein-/Ausschalttaste. Der Akku ist fest integriert, die fürs Laden genutzte Micro-USB-Buchse deckt ein winziger Gumminippel ab, der wohl nur bei sehr aufmerksamen Menschen länger erhalten bleiben dürfte. Ein Kugelgelenk für den Zubehörschuh fehlt. Neben einem Diffusor gehören praktische Konversionsfilter für Kunstlicht zum Lieferumfang, um das in Tageslicht-Farbtemperatur (5600 Kelvin) leuchtende LED-Array in das wärmere Kunstlicht (3600 Kelvin) einzufärben. Das vermeidet lästiges Mischlicht: Entweder wird das Tageslicht bläulich oder das Kunstlicht rötlich angezeigt – je nachdem, ob die Kamera sich für einen Abgleich für Kunst- oder Tageslicht entschieden hat.
Optiken
Um die optische Flexibilität zu steigern, bieten die besseren Smartphones inzwischen zwei Optiken mit einem Weitwinkel und einer Normalbrennweite – mit jeweils separatem Sensor. Andere Telefone kann man mit Vorsatzlinsen in nahezu jeder Preisklasse erweitern, die vom Fisheye bis zum echten Tele nahezu jeden Brennweitenbereich abdecken.
Prinzipiell mindert eine Vorsatzlinse – egal vor welcher Kamera – die optische Qualität der Aufnahme. Denn weitere Linsen reduzieren die Lichtstärke, obendrein nimmt die Verzeichnung zu. Bei einem teuren Objektiv wird ein erheblicher Aufwand mit unterschiedlich geschliffenen Linsen getrieben, um Verzeichnungen optisch zu vermeiden. Die meist aus Kunststoff gepressten und mechanisch nur mittelmäßig vorgespannten Linsen in den Smartphones können da nicht mithalten.
Im mittleren Preisbereich um die 200 Euro sind von ExoLens drei Smartphone-Halterungen zu haben, für die Zeiss drei Vorsatzlinsen anbietet. Die beiden aus Alu gefertigten Befestigungslösungen Bracket und Edge haben einen Zubehörschuh, die größere Halterung (Bracket) bringt ein Standard-Stativgewinde mit. Derzeit sind die Halterungen in erster Linie für die iPhone-Modelle der zweitneuesten Generation verfügbar, die Modelle fürs Samsung Galaxy laufen derzeit aus. Bei Preisen jenseits von 100 Euro für die Halterung und noch einmal um deutlich über 100 Euro für gute Vorsatzlinsen wird die Zielgruppe schnell sehr klein.
Die ideale Foto-/Film-Schutzhülle für das Smartphone bringt gleich ein Stativgewinde und ein Bajonett für vorsetzbare Objektive mit. Aber selbst für die viel verkauften Top-Modelle von Apple und Samsung gibt es solche Lösungen nicht, auch bei Kickstartern sind wir nicht fündig geworden. Der Versender Arktis hat zwar eine Hülle für das iPhone 8 mit drei schon montierten, revolverartig wechselbaren Objektiven im Angebot. Was für den Urlaub in Ordnung sein mag, trägt aber im Alltag unnötig auf. Zudem darf man bei einem Preis von knapp 20 Euro inklusive der drei Linsen keine herausragenden optischen Eigenschaften erwarten.
Manfrottos knapp 25 Euro teure Smartphone-Hülle Klyp erfüllt fast unseren Wunsch, ist aber nur für die iPhones 5 und 6 zu haben. Sie bietet ein Stativgewinde und ein Bajonett für Optiken, die man im Dreier-Set für knappe 50 Euro bekommt. Darin enthalten ist ein 1,5x-Telephoto-Objektiv für Porträts, ein Weitwinkel sowie ein Fisheye in einer kleinen Tasche. Die Vorsatzlinsen sind aus gehärtetem Glas, die Fassungen aus Aluminium.
Hier wie bei den zahllosen, für wenige Euros bei diversen Anbietern verfügbaren Zusatzlinsen eine lichtstarke, optisch hochwertige Lösung zu erwarten – das ist naiv. Verzeichnungsarme, hochwertig vergütete Weitwinkel- oder durchgängig scharfe Makro-Ergänzungen sind in dieser Preisklasse schlicht nicht realisierbar. Und sein Smartphone mit einer 12x-Optik in eine Kamera mit einem 600-mm-Tele (KB-äquivalent) zu verwandeln, ist höchstens dann sinnvoll, wenn das so ausgestattete Gerät von einem stabilen Stativ gehalten wird.
Zur Hülle zurück: Schon als Fall-Schutz für Gehäuse und Display empfiehlt es sich, sein teures Telefon in eine stabile Hülle zu verpacken. Achten Sie bei der Auswahl aber darauf, auch mit Hülle gut filmen zu können. (uh@ct.de)