c't 10/2018
S. 48
Test
Android-Tablet
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Auf Sinnsuche

Android-Tablet Huawei MediaPad M5 mit Desktop-Modus

Das MediaPad M5 will dem Thema Android-Tablet neue Facetten abringen, indem es einen übersichtlichen Desktop-Modus mitbringt und sich in Richtung Produktivität orientiert. Gleichzeitig soll es mit gleich vier Lautsprechern wie gewohnt als Unterhaltungsmaschine punkten.

Das MediaPad M5 verströmt einen Premium-Anspruch, der bei Android-Tablets beinahe ausgestorben ist. Es wirkt mit seinen schmalen Rändern, dem abgerundeten Displayglas und der Metallrückseite einfach schick. Dabei ordnet es sich preislich auf halbem Weg zwischen den ganzen Android-Billigheimern und Top-Modellen wie dem Samsung Galaxy Tab S3 ein: Das 10-Zoll-Tablet gibt es ab 380 Euro.

Doch schickes Aussehen und ordentliche Hardware alleine ist in einem schrumpfenden Tablet-Markt nicht genug, und so versucht Huawei wie Apple, Lenovo oder Samsung, das Einsatzgebiet des Tablets Richtung Produktivität und Kreativität zu erweitern. Beim M5 mit 10,8 Zoll gibt es deshalb unter anderem einen eigenen Desktop-Modus, der die herkömmliche Android-Oberfläche ausblendet und an Windows erinnert. Zudem sind vom M5 zahlreiche Varianten geplant. Außer dem hier getesteten Modell gibt es ein kleineres mit 8,4 Zoll großem Bildschirm. Beide sind mit 32 oder 64 GByte (20 Euro Aufpreis) internem Speicher erhältlich, die sich mit einer MicroSD-Karte ergänzen lassen. Für 40 Euro mehr gibt es LTE dazu.

In den nächsten Wochen soll zudem die Pro-Version der großen Variante erscheinen. Die kommt mit einem etwas schnelleren Prozessor; vor allem aber liegt ihr ein präziser Eingabestift bei. Die normalen Varianten unterstützen diesen mangels Stiftdigitizer nicht. Wer Notizen und Skizzen mit dem M5 machen möchte, muss auf die teurere Variante warten und kann den Stift nicht einfach nachkaufen.

Reichhaltige Ausstattung

Huawei verwendet ein 16:10-Display, das minimal größer ist als bei der Konkurrenz, aber aufgrund schmaler Ränder trotzdem kaum mehr Platz einnimmt. Dank hoher Auflösung mit 280 dpi Pixeldichte sehen Inhalte sehr scharf aus, die Schrift ist angenehm knackig. Im Freien muss man sich ein schattiges Plätzchen suchen, denn die rund 340 cd/m2 helle Hintergrundbeleuchtung schafft es nicht, gegen Sonnenlicht anzukommen und ist auch schwächer als bei vielen Konkurrenten. Merkwürdig erscheint die zwangsweise Reduzierung der Displayhelligkeit, wenn man den Browser öffnet.

Der Kontrast des Displays liegt in etwa gleichauf mit dem des aktuellen iPad. An das sehr kontrastreiche AMOLED im Samsung Tab S3 kommt es nicht heran. Auf Wunsch lassen sich die Farben extrem poppig einstellen, im normalen Modus sind sie satt und decken den sRGB-Farbraum ab.

Beim Prozessor hat Huawei im Vergleich zum Vorgänger M3 vor allem im Grafikbereich aufgerüstet. Für die absolute Spitze reicht das zwar nicht ganz, aber für durchweg flüssige Frameraten in den Benchmarks. Im Alltag ist das Tablet trotz hoher Auflösung jederzeit flott unterwegs. Auch der Prozessor mit acht Kernen hat mehr als genug Leistungsreserven. Bei Android-Tablets gibt es derzeit fürs gleiche Geld nirgendwo mehr Leistung, nur das neue, günstige iPad (2018) zieht deutlich davon.

Dank großem Akku kommt das M5 auf sehr gute Laufzeiten: Fast 12 Stunden im Video-Test sind ein Spitzenwert, 10 Stunden beim Surfen über WLAN im oberen Tablet-Drittel. Das Aufladen geht mit dem mitgelieferten Netzteil in 2 Stunden vergleichsweise flott.

Die Rückseite des Huawei MediaPad M5 offenbart neben der vorstehenden Kamera vier ordentliche Lautsprecher und Pogo-Pins für die optionale Tastatur.

Die 13-Megapixel-Kamera auf der Rückseite schießt für Tablet-Verhältnisse ansehnliche und scharfe Fotos, diese rauschen aber ebenso wie Videos deutlich stärker als die Bilder guter Smartphone-Kameras, selbst bei guten Lichtverhältnissen. Zudem wirken die Farben etwas flau.

Eine USB-C-Buchse dient zum Laden und zur Datenübertragung, außerdem können Tastatur und Maus damit verbunden werden. Der Anschluss unterstützt nur USB 2.0, daher ist es nicht möglich, einen externen Monitor anzuschließen. Er ist zudem ungünstig platziert: Lädt man das Tablet und hält es im Querformat, kommt der USB-Stecker unbequem auf der rechten Hand zu liegen. Noch nerviger ist allerdings das Fehlen eines Klinkenanschlusses. Stattdessen liegt ein Adapter für den USB-Anschluss bei. Gleichzeitig Laden und über Kabel Musik hören ist also nicht drin.

Der Fingerabdruckscanner reagiert beim Entsperren sehr flott und zuverlässig. Da er mittig neben dem Display an der kurzen Seite sitzt, trifft man ihn im Querformat häufiger aus Versehen – was die laufende App beendet.

Eingeschränkter Desktop-Modus

Die Software auf dem M5 ist eine zwiespältige Angelegenheit. Zusätzlich zur hauseigenen Android-Oberfläche EMUI hat Huawei auch einen Desktop-Modus eingebaut, der Aussehen und Bedienung komplett umkrempelt. Er muss gesondert gestartet werden, dabei werden laufende Apps beendet und es vergehen einige Sekunden, bis die stark an Windows 10 angelehnte Oberfläche erscheint. Sie punktet mit einer praktischen Taskleiste, was den Wechsel zwischen den geöffneten Apps erleichtert. Die Ansicht wirkt aufgeräumter als die Standard-Oberfläche, die mit riesigen Icons viel Platz verschwendet und die hohe Auflösung des Displays nicht gut ausnutzt.

Sieht aus wie Windows, ist nur nicht so praktisch: Der Desktop-Modus des MediaPad ist übersichtlich, aber ausbaufähig.

Auf dem Desktop gibt es ein Benachrichtigungsmenü samt Schnelleinstellungen auf der rechten Seite und eine Art Startmenü auf der linken Seite. Es steht dabei nur ein Bruchteil der Funktionen der Tablet-Oberfläche zur Verfügung, zudem tauchen nicht alle vorinstallierten Apps im Startmenü auf. Selber hinzufügen oder entfernen lassen sich dort keine Programme, nachinstallierte werden jedoch automatisch hinzugefügt.

Einige der Huawei-Apps wie Kalender und Videoplayer starten im Fenster und können parallel genutzt werden, doch weder nachträglich installierte noch alle vorinstallierten Anwendungen unterstützen das. Sie starten wie gewohnt im Vollbild, die Taskleiste bleibt aber sichtbar. Insgesamt erinnert Huaweis Multitasking-Ansatz an die Experimente von Samsung und anderen Herstellern, Android eine Fensteroberfläche überzustülpen. Auf eine breite Unterstützung anderer Entwickler darf man jedenfalls nicht hoffen, was dem Desktop-Modus viel von seinem Reiz nimmt. Außerdem ist es nicht möglich, zwei herkömmliche Apps nebeneinander anzuzeigen, wie es Android eigentlich kann. Das geht nur im Tablet-Modus.

Fürs Arbeiten ist der Desktop-Modus dennoch ein Gewinn, räumt er doch mit der überfrachteten Huawei-Oberfläche auf. Lenovo integriert sein ähnliches Desktop-Konzept allerdings besser in sein YogaBook, ohne Umschaltzwang.

Das Android ist mit Stand 8.0 einigermaßen aktuell, das Patchlevel mit März 2018 nach dem ersten Update relativ frisch.

Nicht gelöst ist ein Problem im Rechtemanagement. So unterstützt das MediaPad trotz Patch derzeit nur das rudimentäre Level 3 von Googles Widevine DRM. Um Sky Go, Amazon und Netflix in HD-Auflösung zu streamen, wäre aber Level 1 erforderlich. Huawei ist das Problem bekannt. Eine Lösung wurde noch für April versprochen, bis zum Redaktionsschluss am 24. April aber nicht geliefert.

Fazit

Tabelle
Tabelle: Huawei MediaPad M5

Mit dem MediaPad M5 sitzt Huawei zwischen zwei Stühlen. Einerseits ist das Tablet wie die Vorgänger ein schickes Lifestylegerät, andererseits will es auch als Arbeitsgerät punkten und ein bisschen Laptop-Ersatz sein.

Dank langer Laufzeit, guter Performance und einem ordentlichen Display stimmen die Hardware-Grundlagen. Auch die vier Lautsprecher klingen durchaus ansprechend. Als herkömmliches Tablet macht das M5 also eine gute Figur, und auch der Preis stimmt für das Gebotene. Doch Patzer wie die verkorkste DRM-Unterstützung, die fehlende Klinkenbuchse und das Einsparen des Stift-Digitizers beim Standard-Modell taugen nicht, um die Konkurrenz zu übertrumpfen. Die passende Tastatur ist bislang auch nicht erhältlich. So steht der Desktop-Modus mit seinen interessanten Ansätzen beim M5 verloren da.

Am Ende bleibt das Warten auf das M5 Pro, das sich mit beigelegtem Stift und minimal besserer Ausstattung konsequenter für eine Richtung entscheidet, sich allerdings bei der Software nicht groß unterscheiden wird. Das 2018er iPad liefert zu einem ähnlichen Preis den besseren Kompromiss aus Unterhaltung und Produktivität, auch wenn der Stift hier extra kostet. (asp@ct.de)