Super Nintendo in Perfektion
Retro-Spielkonsole Super Nt im Praxistest
Die Super-Nt-Konsole ist ein inoffizieller Nachfolger des SNES von Nintendo. Der Daddelkasten emuliert die Retro-Konsole aber nicht, sondern setzt auf einen programmierbaren Schaltkreis. Das verspricht ein besonders akkurates und unverfälschtes Spielerlebnis. Der Test zeigt, ob das klappt und wie sich der Nachbau im Vergleich zum Original schlägt.
In den Neunzigern war das Super Nintendo Entertainment System (SNES) ein Riesenerfolg. Da ist es kein Wunder, dass Neuauflagen der Klassiker-Konsole auf den Markt kommen. Ein Verkaufsschlager ist beispielsweise das SNES Classic Mini von Nintendo. Doch dieser Klon schafft es nicht, eingeschworene Retro-Enthusiasten wunschlos glücklich zu machen: Die Reproduktion des Spielerlebnisses ist nicht perfekt. Zudem muss man Kompromisse bei der Bildqualität eingehen: Schließlich liefen SNES & Co. an Röhrenfernsehern und diese Bild-Ästhetik lässt sich nicht ohne Weiteres auf einen modernen Flachbildschirm holen. Hier kommt das Super Nt von Analogue ins Spiel. Der Hersteller hat sich bereits mit dem Nt mini zum Abspielen von NES-Spielen Respekt in der Retro-Szene verschafft.
Akkurat nachgebaut
Ist das Super Nt der heilige Gral der Retro-Spielkonsolen? Um das herauszufinden, haben wir das Super Nt mit dem SNES Classic Mini und dem Original-SNES verglichen. Zudem geben wir Tipps für die optimalen Bildeinstellungen. Das Besondere an der Nachbau-Konsole ist das Herzstück in Form eines Field Programmable Gate Array (FPGA) vom Typ Cyclone V von Altera. Ein FPGA ist ein universell programmierbarer Schaltkreis, mit dem man unter anderem das Verhalten eines Hardware-Vorbilds exakt nachbilden kann [1].
Das bringt gegenüber einer rechenintensiven Software-Emulation einige Vorteile mit sich: Vor allem auf vergleichsweise leistungsschwacher Hardware läuft nicht jedes System sauber. So hapert es oft am Sound oder Spiele laufen gar nicht. Anders als eine Software-Emulation führt ein FPGA viele Schaltvorgänge bei exaktem Timing parallel durch, genau wie in der Original-Hardware. Voraussetzung hierfür ist eine gute Programmierung, denn ohne die kann ein FPGA gar nichts.
Der Entwickler von Analogue, Kevin Horton, in der Szene bekannt als „kevtris“, hat es durch gekonntes Reverse Engineering innerhalb von sechs Monaten geschafft, das SNES so präzise im FPGA nachzubilden, dass sich im Spielverhalten kaum noch ein Unterschied zwischen den beiden Geräten feststellen lässt – verspricht er.
Ausgepackt
Analogue bietet das Super Nt ausschließlich auf der eigenen Webseite zum Preis von 190 US-Dollar an. Mit Versandkosten zahlt man für eine Lieferung nach Deutschland rund 200 Euro. Wer keinen mit dem Super Nt kompatiblen Original-SNES-Controller besitzt, muss sich noch ein Gamepad mitbestellen – standardmäßig ist keins dabei. Im Lieferumfang befindet sich neben der Konsole, dem Netzteil und weiterer Anschlusskabel noch ein besonderes Gimmick: Ein Umschlag mit der ausfaltbaren Pappschachtel des auf der Konsole vorinstallierten Spiels „Super Turrican – Director’s Cut“. Hierbei handelt es sich um eine erweiterte Version des Original-Spiels, die zuvor nie für das SNES erschienen ist. Zusätzlich ist noch der Nachfolger „Super Turrican 2“ mit dabei.
Insgesamt macht das Gerät einen wertigen Eindruck. Ein großflächiger Gummifuß an der Unterseite verhindert ein Verrutschen der Konsole. Das Super Nt gibt es in vier Farbvariationen. Leider erscheint die transparente Variante in der Realität eher milchig und wirkt im Zusammenspiel mit der stark strukturierten Oberfläche billig. Das mitgelieferte Netzteil taugt nur für Japan und die USA. Zum Glück versteht sich das Super Nt mit einem herkömmlichen USB-Netzteil.
Damit man Retro-Spiele authentisch und trotzdem drahtlos steuern kann, ist Analogue eine Kooperation mit dem Gamepad-Hersteller 8Bitdo eingegangen. Dieser hat einen klassischen SNES-Controller hochwertig nach- und Bluetooth eingebaut. Bestellt man das Pad über die Webseite von Analogue, ist der Bluetooth-Dongle zum Anschluss an die Konsole gleich mit dabei – insgesamt kostet das rund 45 Euro. Darüber lassen sich zudem PS3-, PS4-, Wii-U-Pro-Controller sowie Wii Motes koppeln.
Bis auf Lightguns, die prinzipbedingt einen Röhrenbildschirm erfordern, und Zubehör, das auf den EXT-Port an der Unterseite des Ur-SNES angewiesen ist, soll jegliches SNES-Zubehör mit dem Super Nt kompatibel sein. Manches funktioniert aber nur mit den korrekten Einstellungen: Um die Soundausgabe des SNES-Zubehörs Super Gameboy zu ermöglichen, muss man im Audio-Menü den Punkt „Cartridge Audio“ aktivieren.
Spielstart
Das Super Nt hat keine Regionssperre und die Konsole akzeptierte anstandslos jedes der 60 gemischten PAL- und NTSC-Spielmodule, die wir zur Verfügung hatten. Selbst Module mit Zusatzchips, darunter etwa „Starfox“ und „Mario Kart“, laufen ohne Schwierigkeiten.
Standardmäßig ist das Super Nt für den NTSC-Betrieb konfiguriert. Wer PAL-Titel fehlerfrei spielen möchte, muss diese Regionseinstellung vorab im System-Menü unter „Hardware“ auswählen und zusätzlich unter „Resolution“ die Bildwiederholrate auf 50 Hertz stellen. Ansonsten kommt es beispielsweise bei den PAL-Versionen von „Super Mario World“ zu Bildfehlern. Viele PAL-Spiele lassen sich aber auch problemlos im NTSC-Modus mit 60 Hertz spielen, dabei profitiert die Spielgeschwindigkeit von der erhöhten Bildwiederholrate.
Röhre oder Flachmann?
Wer in wohligen Pixel-Erinnerungen schwelgt und ein Original-SNES an einen Flachbildfernseher anschließt, wird sich verdutzt die Augen reiben: Sah das früher wirklich so mies aus? Problematisch ist, dass moderne Flachbildfernseher eine deutlich höhere Auflösung als Röhrenfernseher haben und erst mit entsprechend hoch aufgelöstem und digital zugespieltem Bildmaterial zur Höchstform auflaufen. Aufgrund einer teils exzessiven Bildnachbearbeitung durch den Fernseher kommt es zudem zu Eingabeverzögerungen, sodass man in actionreichen Titeln oft den Absprung vor einem Abgrund verpasst. Damit das nicht passiert, sollte man bei Flachbild-TVs den Spielemodus aktivieren.
Für ein originalgetreues Spielerlebnis zocken viele Retro-Fans auf Röhrenfernsehern. Alternativ kann man noch Scaler, wie beispielsweise den beliebten Framemeister (280 Euro) oder den Open-Source-Scaler OSSC (190 Euro), einsetzen, um die Bildqualität einer Retro-Konsole für einen Flachbildfernseher optimal vorzubereiten. Diese Scaler verbessern neben der Bildqualität auch die Latenz, denn die interne Bildverarbeitung von analogen Videoeingängen eines Flachbild-TVs fordert Zeit ein. Kann das Super Nt hier mithalten? Die Antwort ist ein klares „Ja“ – der SNES-Nachbau macht es sogar noch besser. Die FPGA-Konsole überträgt Bilder digital via HDMI und bietet neben vielfältigen Auflösungs-, Farb- und Skalierungsoptionen zusätzlich die Simulation von Scanlines. Letzteres soll die Darstellung auf einem Röhrenbildschirm vorgaukeln – und das klappt richtig gut.
Optimales Bild
Bereits in den Standardeinstellungen sind Pixel angenehm scharf. Soll die Darstellung noch knackiger erscheinen, muss man den Expertenmodus „Advanced Mode“ aktivieren. Unter dem Punkt „Width & Height“ kann man anschließend die Skalierung der vom SNES maximal darstellbaren 230.000 Bildpunkte auf die Full-HD-Auflösung mit zwei Millionen Pixeln stufenlos anpassen. Bei dieser Auflösung empfanden wir das Original-Bildseitenverhältnis von 4:3 bei einer Bildhöhe von 1200 Pixeln (fünffach vergrößert) als optimalen Kompromiss aus Bildgröße und -schärfe. Dabei sind zwar der obere und untere Rand leicht beschnitten, dafür stellt das Super Nt jedes Pixel auf der vertikalen Achse exakt fünfmal dar. Dies kommt der Bildschärfe zugute, da man die vertikale Interpolation vom Super Nt abschalten kann. Die horizontale Interpolation sollte aktiviert bleiben. Ansonsten kann es zu Darstellungsfehlern kommen.
Um dem Retro-Röhren-Look auf Flachbildfernsehern so nah wie möglich zu kommen, kann man den 720p-Modus mit Scanlines kombinieren: Durch die interne Skalierung eines Flachbild-TVs auf die Panel-Auflösung von Full HD oder UHD entsteht eine leichte Unschärfe, deren Effekt der Darstellung auf einem Röhrenbildschirm sehr nahe kommt. Die Option „Hybrid Scanlines“ verstärkt diesen Eindruck noch weiter, indem sie ein Überstrahlen der Scanlines in hellen Bildbereichen erzeugt. Im 1080p-Modus wirken die Scanlines jedoch zu scharf und unnatürlich. Ein bereits angekündigtes Firmware-Update soll hier Abhilfe schaffen. Ein besonderes Zusatzfeature ist die Option „64 sprite tiles“. Diese hebt das Sprite-Limit auf, das beim SNES zum Flackern führt, wenn mehr als 32 Objekte gleichzeitig auf dem Bildschirm sind. Vorsicht: Diese Einstellung kann vereinzelt zu Bildproblemen führen.
Wer die Bildausgabe noch weiter tunen möchte, kann unter dem „Color“-Menüpunkt die Helligkeit der jeweiligen Farbkomponenten individuell anpassen. Zusätzlich lässt sich der RGB-Farbraum zwischen „Full“ und „Limited“ umschalten. Wenn der Fernseher es unterstützt, sollte man für eine exakte Farbdarstellung Full RGB auswählen. Der Menüpunkt „Cropping“ bietet die Möglichkeit, den Bildausschnitt zu beschneiden. Wem die Pixel-Darstellung zu kantig ist, der kann die aus Emulatoren bekannten Scaler-Effekte im „Scalers“-Menüpunkt einschalten. Das rundet Pixel ab, wirkt jedoch oft übertrieben künstlich.
Auch bei der Bildwiederholrate gibt sich das Super Nt vorbildlich flexibel und löst mit einem Kniff sogar ein Problem, das beim Anschluss eines Original-SNES an ein Flachbild-TV auftritt. In der NTSC-Version arbeitet das SNES mit einer Bildwiederholfrequenz von 60,09 Hertz. Das liegt für einen Röhrenbildschirm noch in der Toleranz, vielen Flachbildschirmen bereitet das aber Probleme und das Bild flackert oder erscheint gar nicht. Das Super Nt nutzt hier einen Trick: Im „Zero Lag“-Modus arbeitet die Konsole ohne Framebuffer und taktet die Bildwiederholrate auf exakte 60 Hertz herunter. Den meisten Spielern fällt der resultierende Geschwindigkeitsunterschied von minus 0,15 Prozent nicht auf. Wer allerdings die exakte Originalgeschwindigkeit bevorzugt, wie zum Beispiel Speedrunner, aktiviert einen von zwei Framebuffer-Modi. Diese haben allerdings den Nachteil einer Eingabeverzögerung von bis zu einem Frame (16,67 Millisekunden) und gelegentlich auftretenden Framedrops (Fully Buffered) oder Screen Tearing (Single Buffer).
Ausbruch
Für mehr Freiheit kann man sich die inoffizielle Jailbreak-Firmware installieren. Diese ermöglicht das Laden von SNES-ROMs. Aktuell ist das Abspielen noch auf ROMs von Modulen begrenzt, die keinen Gebrauch von Erweiterungschips machen. Um sich nicht strafbar zu machen, sollte man nur Sicherheitskopien der eigenen Spiele verwenden. Diese kann man beispielsweise direkt mit der CopySNES-Funktion anfertigen. Dabei landen auch die gespeicherten Spielstände auf der SD-Karte. Das kann lebensrettend für Spielstände sein, schließlich geben die fast 30 Jahre alten Knopfzellen in den Modulen langsam, aber sicher den Geist auf. Leider kann man die Spielstände (noch) nicht auf die Module zurückschreiben.
Fazit
Das Super Nt ist das perfekte SNES für alle, die eine maximale Bildqualität und ein perfektes Retro-Spielerlebnis wollen. Dabei macht das Super Nt sogar noch einiges besser als das Original-SNES. Retro-Neulinge legen mit der FPGA-Konsole gleich los und Technikbegeisterte tauchen in die Tiefen der Menüs ab, um weitreichende Einstellungen vorzunehmen. Der Hersteller leistet bislang vorbildlichen Support und hat in kürzester Zeit Probleme durch Firmware-Updates gelöst.
Will man jedoch nur gelegentlich ein paar Klassiker auf einem modernen Fernseher spielen, schießt man mit dem Super Nt womöglich über das Ziel hinaus. Da ist das SNES Classic Mini in Form eines frustfreien Komplettpakets mit 21 Spielen zum kleineren Preis von rund 80 Euro wahrscheinlich der bessere Deal. (des@ct.de)