Am Startmenü von Windows 10 mögen sich die Geister scheiden, ein Ausbund an Übersichtlichkeit ist es jedenfalls nicht. Wer es effizienter mag, kann das kachellastige Menü mit etwas Funktionalerem ersetzen.
Von Jan Schüßler
Sie fanden Windows 7 toll und Windows 8 schrecklich? Vielleicht horchten auch Sie bei der Vorstellung von Windows 10 wie viele andere kurz auf: Das neue System sollte wieder ein Startmenü bekommen, und es sollte die Klassik von Windows 7 mit der Moderne von Windows 8 verbinden. In den Augen vieler Windows-7-Fans ist das Zehner-Startmenü trotzdem ein schlechter Scherz: unübersichtlich, kaum konfigurierbar und voller nutzloser Kachel-Apps – eigentlich also nur die Windows-8-Startseite in kleiner.
Ganz so schlimm mag das Windows-10-Menü nüchtern betrachtet zwar nicht sein, doch gibt es Alternativen, die Programme und Apps übersichtlicher anzeigen, flexibler einstellbar sind und auf Wunsch das aus Windows 7 bekannte Startmenü originalgetreu nachzeichnen.
Entgegen dem Klischee sind die Zielgruppe für solche Startmenü-Tools nicht einfach nur sture Anwender, die sich einer Umgewöhnung verweigern. Jeder, der Windows effizienter mit der Maus bedienen möchte und weder Lust auf Kacheln noch auf viel Scrollerei hat, sollte einen Blick auf alternative Startmenüs werfen. Deutlich weniger Relevanz hat die Softwaregattung hingegen für Freunde der Tastaturbedienung: Wer ohnehin nie ins Startmenü klickt, sondern alles per Windows-Taste und Eintippen des Programmnamens aufruft, ist mit der Bordausstattung von Windows 10 schon gut bedient.
Startmenüs und sonstige Formen von alternativen Launchern gibts viele – darunter auch einfache Schnellstart-Eingabezeilen und Tools, die Tastenkombinationen mit individuellen Startfunktionen belegen. Für diesen Test haben wir nur solche Programme ausgewählt, die tatsächlich das Windows-10-Startmenü gegen ein anderes austauschen. Software, die schon seit Jahren keine Aktualisierungen mehr bekommen hat, haben wir nicht berücksichtigt.
Damit blieben fünf Kandidaten übrig: Das Open-Source-Projekt Classic Shell und die kostenpflichtigen Programme Start10, StartIsBack++ und Start Menu 8; hinzu kommt noch Start Menu X, das es sowohl als kostenpflichtige Pro-Version als auch als kaum schlechter ausgestattete Gratisversion gibt – für den Test haben wir letztere gewählt.
Getestet haben wir auf Windows 10 Pro Version 1709, etwa ob sich eigene Ordner und Programme problemlos hinzufügen lassen und ob ein schneller Zugriff sowohl auf die Windows-10-Einstellungen als auch auf die klassische Systemsteuerung möglich ist – an solch einfachen Aufgaben scheitert immerhin kein Kandidat. Bis auf Start Menu X bieten zudem alle die Option, den Ordner mit den UWP-Apps („Kachelapps“) aus der Hauptseite des Startmenüs auszublenden.
Ebenfalls selbstverständlich ist die Fähigkeit, die primäre Funktion der Schaltfläche zum Herunterfahren des Rechners zu ändern – um stattdessen etwa direkt Abmeldung, Neustart oder Ruhezustand auszulösen. Auch die Startknopf-Grafik lässt sich bei allen Kandidaten gegen ein anderes Icon austauschen.
Für Einiges ist das Microsoft-Startmenü nach wie vor praktisch – etwa zum Deinstallieren von modernen Apps per Rechtsklick, das beherrschte im Test nur StartIsBack++. Um an das reguläre Startmenü heranzukommen, haben die meisten Anbieter eine Schaltfläche im Menü und konfigurierbare Tasten- oder Taste/Mausklick-Kombinationen, auf die hin sich das herkömmliche Microsoft-Menü öffnet. Meist handelt es sich um Kombinationen wie Umschalt- und Windows-Taste oder Strg+Linksklick auf den Startknopf.
Einzig Start Menu 8 bietet keine komfortable Möglichkeit dafür: Wer ans reguläre Kachelmenü will, muss das Programm so einstellen, dass das Drücken der Windows-Taste oder der Klick auf den Startknopf das reguläre Menü öffnet. Und auch bei den Kontextmenüs patzt das Programm: Heftet man einen Ordner mit ausführbaren Programmen ans Startmenü an – was etwa für die Sysinternals-Suite hilfreich ist –, lassen sich die einzelnen Programme im Ausklappmenü nicht als Administrator starten.
Auf der Suche
Eine ordentliche Suchfunktion zu bauen ist offenbar komplizierter als erwartet, so findet nur StartIsBack++ überhaupt Funktionen aus den Windows-10-Einstellungen. Hersteller IObit vergeigt die Suchfunktion seines Start Menu 8: Sie findet bordeigene Funktionen nur anhand ihrer englischen Bezeichnungen und wertet indizierte Dateiinhalte nicht aus.
Wer häufig auf die Suchfunktion angewiesen ist, wird möglicherweise die Windows-eigene Suche bevorzugen, da sie doch noch etwas mächtiger ist. Nur Start10 erlaubt es, die eigene Suchfunktion abzuschalten, sodass beim Drauflostippen bei offenem Startmenü automatisch auf die reguläre Windows-Suche umgeschaltet wird. Letztlich ist das aber ein Komfortproblem für Fans der Tastaturbedienung. Ein Klick ins Suchfeld der Taskleiste öffnet stets die Windows-Suche – egal, welches Startmenü installiert ist.
Kein Backup?
Hat man ein neues Startmenü nach seinen Bedürfnissen konfiguriert, sollte es möglich sein, die Einstellungen zu sichern, um sie später bei Bedarf wieder im Handumdrehen restaurieren zu können. Diese Funktion fehlt leider ausgerechnet den drei kostenpflichtigen Kandidaten.
Wer ein alternatives Startmenü zum ersten Mal verwendet, spielt meist erst mal mit diversen Optionen herum – da ist es hilfreich, ein kaputtgespieltes Menü mit einem Handgriff wieder auf den Werkszustand zurücksetzen zu können. Doch auch das können nicht alle.
Das WinX-Menü, ein kompaktes Menü für Schnellzugriffe auf einige Systemfunktionen, lässt sich bei allen Kandidaten wie üblich per Windows+X aufrufen. Beim Rechtsklick auf den Startknopf hingegen erscheint mit manchen Kandidaten nicht das WinX-Menü, sondern ein eigenes Kontextmenü.
Apropos WinX: Schade ist, dass keines der getesteten Programme ein verbessertes WinX-Menü mitbringt. Das wäre ein willkommener Mehrwert, weil Microsoft das Menü immer weiter stutzt und essenzielle Zugriffe auf klassische Systemsteuerung, Energieoptionen & Co. entfernt.
Letztlich haben wir die Tools einem Feature-Update-Test unterzogen: Beim Einspielen neuer Versionen von Windows 10 – was im Schnitt alle sechs Monate passiert – werden hin und wieder Programme als inkompatibel bewertet und entfernt. Mit dem aktuellen Feature-Update auf Version 1803 („April-Update“) gab es mit keinem der Testkandidaten Probleme.
Fazit
Classic Shell hat bei den Funktionen und der sehr detaillierten Konfigurierbarkeit die Nase vorn. Es wendet sich damit durchaus auch an fortgeschrittene Anwender. Mit dem „Windows Aero“-Skin sieht es dem Windows-7-Menü zudem sehr ähnlich. Der Entwickler hat das Programm leider aufgegeben, aber immerhin den Quellcode veröffentlicht – doch ein neuer Maintainer hat sich bislang nicht gefunden. Es bleibt daher zu hoffen, dass das Projekt nicht stirbt.
Noch einen Tick originalgetreuer imitieren Start10 und StartIsBack++ den Windows-7-Look – hier passen auch Größe und Layout des Startmenüs ziemlich gut. Beide sind nicht ganz so kleinteilig, aber einfach und verständlich konfigurierbar. Feature-mäßig unterscheiden sie sich nur in Details – während StartIsBack++ auch die Windows-7-Taskleiste imitiert und in den „Einstellungen“ suchen kann, erlaubt Start10 das Abschalten der eigenen Suchfunktion.
Start Menu X versucht nicht, einen bestimmten Menüstil originalgetreu nachzuahmen, sondern ist darauf ausgelegt, in einer kompakten Liste möglichst viele Einträge zu zeigen. Damit eignet es sich vor allem für Nutzer, die viele Programme oder große Dokument-Sammlungen im Startmenü abrufbar haben möchten.
Start Menu 8 ist der einzige Kandidat im Testfeld, den wir nicht empfehlen können: Mit der unvollständigen Übersetzung, der sperrigen Bedienung, der insgesamt mageren Suche und dem höchsten Preis im Testfeld sehen wir keinen Grund, dafür Geld auszugeben. (jss@ct.de)