c't 12/2018
S. 116
Test
Schließsysteme der Zukunft: Smarte Gegensprechanlage
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Persönlicher Türsteher

Gegensprechanlage smart gemacht

Was nützt das Smart Lock an der eigenen Wohnungstür, wenn man in einem Mehrfamilienhaus weiterhin einen Schlüssel benötigt, um überhaupt ins Haus zu kommen? Das Start-up Nello verspricht Abhilfe.

Bewohner eines Einfamilienhauses brauchen nur eines der im vorangehenden Artikel getesteten vernetzten Schlösser zu installieren, um ohne Schlüssel in ihren Wohnbereich zu kommen. Doch in einem Mehrfamilienhaus muss man erst einmal in den Hausflur gelangen. Nellos Modul „Nello One“ verbindet zu diesem Zweck die Gegensprechanlage in der Wohnung per WLAN mit dem Internet. Über eine App auf dem Smartphone lässt sich die Hauseingangstür dann ohne Schlüssel öffnen.

Nicht nur den Bewohnern verschafft Nello One Zutritt zum Haus: Über ein integriertes Nutzer-Management kann man virtuelle Schlüssel beispielsweise an Freunde, Pizza-Lieferanten und Paketboten weitergeben. In Kombination mit smarten Türschlössern lässt sich schließlich der komplett schlüssellose Zugang bis in die Wohnung realisieren. Gerne hätten wir uns zum Vergleich das ähnlich arbeitende „Türsprechenanlagen IP Upgrade“ DoorBird D301A angeschaut. Diese Lösung ist aber erst ab Ende Mai erhältlich, ein Testexemplar war vorab nicht zu bekommen. Wir reichen den Test daher nach.

Prinzip Smart

Installiert wird Nello One an der Gegensprechstelle in der Wohnung. Bei unserem Test kam es dabei an einem analogen Siedle HTA 811-0 und einem Bussystem von Legrand zum Einsatz.

Nello bietet in seiner Heimatstadt München einen Installationsservice an; ansonsten geht das Unternehmen davon aus, dass der Kunde das One selbst installiert. Kurz gesagt, öffnet man dafür das Gegensprechtelefon, verbindet ein 5 cm × 6 cm großes Modul über maximal sieben Kabel mit der vorhandenen Elektronik und schließt das Telefon wieder.

Zum Kasten: Haus(tür)recht

Laut Nello ist weder für Installation noch Betrieb eine Genehmigung des Vermieters nötig. Diese Behauptung stößt bei der Konkurrenz allerdings auf massiven Widerspruch, demnach soll man durch die Nutzung sogar eine Straftat begehen. Wir haben den rechtlichen Aspekten daher den Kasten „Haus(tür)recht“ auf Seite 118 gewidmet.

Schnell installiert

Auf der Nello-Website kann man vorab prüfen, ob das One mit der eigenen Anlage kompatibel ist. Erfasst sind Gegensprechanlagen von über 80 Herstellern. Bei der Ersteinrichtung hilft die für Android und iOS kostenlos erhältliche App, die den User Schritt für Schritt durch die Installation führt. Ein Benutzerkonto bei Nello ist stets notwendig.

In unserer Gegensprechanlage herrschte bereits ein ordentliches Kabelwirrwarr, was die Installation des Nello One erschwerte.

Zufällig verwendeten wir mit dem HTA811 das gleiche Gegensprechtelefon wie Nello in seinem Beispielvideo – und erlebten so, wie sehr Präsentation und Wirklichkeit voneinander abweichen können: Waren im Video alle Kabel fein säuberlich verlegt, herrschte in unserem Telefon solch ein Kabelchaos, dass sich die vorgeschlagene Kabelführung nicht umsetzen ließ.

Eine Installation des One im Gehäuse des Gegensprechtelefons war mangels Platz keine Option. Allerdings scheint auch Nello davon auszugehen, dass das Modul in der Regel außen über dem Gegensprechkästchen platziert wird. Dann fragt man sich aber, wieso dessen Gehäuse schwarz ist und nicht weiß, was bei vielen Wohnungen besser zur Wand und zum Telefon passen dürfte.

Immerhin war die Installation am HTA811 in wenigen Minuten durchgeführt. Generell galt dies auch für die Anlage mit Bussystem, allerdings hätten wir uns in diesem Fall noch zwei Kabel mit etwas größerem Durchmesser im Lieferumfang gewünscht. Die beiliegenden Strippen sind etwas dünn für die im Telefon genutzten Klemmen.

Apropos Kabel: An der bestehenden Verkabelung muss man nichts ändern, sodass der ursprüngliche Funktionsumfang der Gegensprechanlage vollständig erhalten bleibt. Man kann sie also weiterhin nutzen und Besuchern per Knopfdruck die Haustür öffnen.

Ist alles verdrahtet, ist Warten angesagt. Für den Betrieb nutzt One nämlich weder Netzstrom noch eine Batterie, sondern speichert den von der Gegensprechanlage bereitgestellten Strom in einem Superkondensator. Ist der nach rund zwei Minuten ausreichend geladen, übermittelt man die WLAN-Zugangsdaten. Hierfür gibt man diese in die App ein, die sie dann ihrerseits über das Smartphone-Display per Lichtcode an das One morst. Telefongehäuse wieder aufgesetzt, fertig.

Im Praxistest

Beim Nello One lässt sich die Haustür auf unterschiedliche Weise öffnen. Die simpelste ist das manuelle Auslösen des Türsummers über die App. Das funktionierte im Test problemlos, die Haustür öffnete sich durchschnittlich zwei Sekunden nach Betätigung des virtuellen Sliders. Allerdings muss man dafür erst einmal das Handy herauskramen, es entsperren und die App starten.

Laut Hersteller ist diese Funktion aber „besonders praktisch, wenn der Postbote oder Lieferdienst klingelt und Du nicht zu Hause bist“. Das ist schwer nachvollziehbar: Zwar informiert Nello per Push Notification, wenn jemand klingelt. Das System kann aber weder sagen, wer vor der Tür steht, noch lässt sich mit der betreffenden Person über One sprechen.

Über die Nello-App lassen sich beliebige Zeitfenster einrichten, zu denen One dann allen Personen öffnet, die beim Nutzer klingeln.

Weiterhin lässt sich in der App über die sogenannte „Time Window“-Funktion ein beliebiges Zeitfenster einstellen. Ist dieses aktiv, öffnet One jedem, der bei dem Nutzer klingelt. Dabei hat Nello nach eigenen Angaben One so programmiert, dass es immer mit einer unterschiedlichen Verzögerung öffnet, damit Dritte nicht erkennen, dass hier in Wirklichkeit das Modul öffnet. Im Test erwies sich das Zeitfenster als praktisch, als ein Freund während unserer Abwesenheit etwas in unseren Briefkasten im Hausflur werfen wollte.

Die Funktion lässt sich natürlich auch nutzen, um Post- und Paketboten Zutritt zum Haus gewähren. Nello bewirbt sogar offensiv die Möglichkeit, in Abwesenheit Pakete, für die keine Unterschrift benötigt wird, auf der Fußmatte vor der Wohnungstür ablegen zu lassen. Zusammen mit AXA bietet das Unternehmen für 49 Euro im Jahre eine Versicherung an, mit der die Sendungen ab dem Zeitpunkt der Zustellung bis zum Ende des betreffenden Tages gegen Diebstahl, Feuer, mut- und böswillige Beschädigungen versichert sind – bis zu einem Gesamtwarenwert von 500 Euro für alle Pakete, die gleichzeitig vor der Tür liegen.

Da man üblicherweise nicht genau weiß, wann der Paketbote kommt, muss man das Zeitfenster allerdings so einstellen, dass das System über Stunden jeden ins Haus lässt, der klingelt. Das hinterlässt ein merkwürdiges Gefühl. Immerhin versichert Nello, dass dies aus juristischer Sicht kein Problem sei – weshalb wir darauf im Kasten „Haus(tür)recht“ ebenfalls eingehen.

Zudem bekommt der Klingelnde nicht mit, dass niemand zu Hause ist, was womöglich dann doch wieder eine erfolgreiche Zustellung verhindert.

Auf Knopfdruck drin

Wirklich smart ist die Zugangsvariante „Homezone Unlock“. Die Nello-App nutzt dabei Geofencing, ermittelt also über den Standortdienst des Smartphones fortlaufend dessen Position. Kommt der Nutzer beziehungsweise dessen Mobilgerät in den frei wählbaren Radius um das Haus, schaltet die App den One über den herstellereigenen Cloud-Dienst scharf. Den Türöffner löst man dann wiederum aus, indem man auf die eigenen Klingel an der Haustür drückt. Ein Time-out verhindert, dass One weiter die Haustür auf Klingeln öffnet, wenn man schon daheim ist.

Tabelle
Tabelle: Nello One

Darüber, dass man zum Öffnen der Haustür einfach nur auf die Klingel drücken muss, freut man sich spätestens, wenn man die Hände voll hat. Mitbewohner, die bereits zu Hause sind, können allerdings nicht wissen, wer da schellt und stehen vielleicht umsonst an der Wohnungstür.

Die Funktion kann nicht nur der User selbst nutzen, sondern bis zu zehn Personen, die zudem unterschiedliche Rechte haben können. So lassen sich beispielsweise individuelle Zeitfenster für die Reinigungskraft einrichten. Alle Nutzer müssen hierzu die App installieren und ein Konto bei Nello anlegen.

Seit Kurzem bietet Nello schließlich einen Skill für Amazons Sprachassistenzsystem Alexa an, eine Anbindung an Google Home soll folgen. Hat man den Skill installiert, kann man One den Haustürsummer mit einem Kommando à la „Alexa, sage Nello, es soll die Tür öffnen“ bedienen lassen. Vor der Ausführung verlangt der Skill allerdings partout eine zuvor festzulegende vierstellige PIN. Für eine direkte Anbindung an Smart-Home-Systemen bietet Nello schließlich ein öffentliches API.

Fazit

Am Anfang betrachtet man Nello leicht als Gimmick – vor allem, wenn man die manuelle Türöffnung über die App ausprobiert. Häufig hat man schneller den Schlüssel aus der Tasche geholt und selbst aufgeschlossen.

Doch „Homezone Unlock“ erwies sich im Test schnell als nützliches Feature: Die Haustür stellt keine wirkliche Hürde mehr dar. Wer in einer höheren Etage wohnt, kann auf dem Weg nach oben in Ruhe den Schlüssel rauskramen – wenn er nicht sowieso ein Smart Lock an der Wohnungstür hat.

Auch die „Time Windows“-Funktion kam schneller zum Einsatz als zunächst angenommen. Bei der nächsten Party muss man dann beispielsweise auch nicht immer zur Gegensprechanlage laufen. Ob es wiederum sinnvoll wäre, mit der Person vor der Tür sprechen zu können, werden wir mit dem Doorbird-System ausprobieren.

Mit dem Nello One und einem Smart Lock kommt man endlich auch im Mehrfamilienhaus ohne Schlüssel bis in die Wohnung. Allerdings bleibt das komplett schlüssellose Zugangssystem auch mit dieser Kombination ein Wunsch: Sobald man in den Keller oder auf den Hinterhof will, ist der smarte Traum ausgeträumt.

Die Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Einsatzes des One hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Auch die Auswirkung auf die gesamte Anlage ist schwer einzuschätzen – vor allem für den Fall, dass mehrere Mieter im Haus Nello Ones installieren. Wer hier Bedenken hat, fragt also besser vorab seinen Vermieter und stellt sich auf eine mögliche Absage ein. (nij@ct.de)