c't 25/2018
S. 126
Marktübersicht
Live-Voting-Systeme
Aufmacherbild
Bild: Albert Hulm

Aufgeweckt und abgestimmt

Neun Angebote zum sofortigen Abstimmen per Smartphone

Holen Sie Ihr Publikum aus dem Präsentationsdämmerschlaf. Wir haben neun Anwendungen unter die Lupe genommen, mit denen Zuhörer live ihre Meinung kundtun und über Fragen abstimmen können – ganz einfach mit dem eigenen Mobilgerät.

Vorträgen aller Art fehlt vor allem eins: Interaktivität. Vorn auf der Bühne trägt ein Sprecher sein Anliegen vor und versucht, sein Publikum mehr oder weniger bei der Stange zu halten. Währenddessen daddeln die Zuhörer am Smartphone oder planen in Gedanken schon den Wocheneinkauf.

Wecken Sie Ihre Zuhörer auf, indem Sie ihnen Fragen stellen. Ein gängiges Beispiel: Während der regelmäßigen Sportvereinssitzungen referiert jemand darüber, welche Veranstaltungen in nächster Zeit stattfinden sollen. Später läuft er den Mitgliedern hinterher, um Feedback einzuholen. Dynamischer klappts, wenn man bereits während der Versammlung abstimmt. Ein Live-Voting-System sammelt Antworten ein, bereitet sie grafisch auf und sendet das Ergebnis sofort per Beamer auf die Leinwand. Für satzungsgemäße Abstimmmungen – also beispielsweise Vorstandswahlen – taugen die Systeme nicht unbedingt, da man theoretisch mehrfach abstimmen könnte. Die Hersteller geben sich insgesamt aber Mühe, um eine solche Schummelei von vornherein zu unterbinden, indem sie die Abstimmung nach erfolgter Stimmenabgabe auf dem Teilnehmergerät sperren.

Inzwischen gibt es eine schier unüberschaubare Anzahl solcher Anwendungen. Für diesen Test haben wir uns auf universell einsetzbare Systeme beschränkt. Tools, die sich ausschließlich oder vorrangig an Bildungseinrichtungen wenden, blieben außen vor. Hier muss jede Schule oder Universität selbst prüfen, ob und in welchem Umfang sie welche Anwendungen nutzen dürfen. Sofern ein Lernmanagementsystem wie Ilias vorhanden ist, lohnt sich ein Blick auf dieses – in vielen Fällen bieten diese Systeme Abstimmungsfunktionen, die sich nahtlos einbinden lassen.

Ebenfalls nicht mit von der Partie sind Systeme, die keine kostenlose Version anbieten und solche, in denen in der kostenlosen Variante weniger als 35 Teilnehmer abstimmen können. Eine Ausnahme hat sich dann doch reingeschummelt: Pollunit lässt in der Gratisversion zwar nur 20 Teilnehmer zu, liegt mit Kosten von 24 Euro pro Jahr für die Premium-Version aber weit unterhalb aller anderen kostenpflichtigen Lösungen.

Unsere Auswahl

Alle Anwendungen, die wir Ihnen vorstellen, lassen sich mit der kostenlosen Variante prima für kleinere Veranstaltungen nutzen. Falls Sie nur zwischendurch Ihr Publikum aus dem Halbschlaf holen und mit einem kleinen Quiz amüsieren wollen, benötigen Sie keine Export-Funktion. Wenn Sie jedoch nach der Veranstaltung einen zusammenfassenden Report verfassen wollen, sollte die Lösung Ihrer Wahl eine Möglichkeit zum Datenexport mitbringen.

Unsere Kandidaten laufen als Web-Anwendung im Browser, sodass Sie keine separate Software installieren müssen – eine Registrierung für die Anwendung genügt. Sie benötigen ebenfalls keine speziellen Abstimmungsgeräte. Ihr Publikum stimmt mit dem eigenen Smartphone, Tablet oder Laptop ab, ohne sich registrieren zu müssen.

Alle Aussagen im Artikel beziehen sich auf die kostenfreien Basisversionen. DirectPoll, iVoting und Pingo sind immer kostenlos. Die kostenpflichtigen Varianten – soweit vorhanden – bringen mehr Funktionen mit und es können mehr Teilnehmer abstimmen.

Wo die Daten schlummern

Vier der neun Kandidaten speichern die Nutzerdaten auf Servern innerhalb der EU: iVoting, Glisser, Votegoat und Wooclap. Die Schweizer Anwendung DirectPoll nutzt Server im europäischen Wirtschaftsraum. Bei MeetingPulse liegen die Daten in den USA beziehungsweise in Frankfurt – zumindest in den kostenpflichtigen Versionen können Kunden jedoch festlegen, dass ihre Daten ausschließlich in Frankfurt landen sollen. Pollunit sichert Daten grundsätzlich in Deutschland, mit Ausnahme der vom Vortragenden hochgeladenen Bilder – diese landen auf Servern in den Niederlanden. Pingo und Tedme speichern Nutzerdaten ausschließlich in Deutschland.

Ob der Speicherort eine Rolle spielt, hängt auch davon ab, zu welchem Zweck diese Live-Voting-Systeme zum Einsatz kommen sollen. Falls sie im beruflichen Umfeld genutzt werden, hilft ein Blick auf die firmeninterne Sicherheitsrichtlinie weiter. Da keine speziellen Apps nötig sind, die sich womöglich umfassende Rechte einräumen, dürften sich die übermittelten Daten in Grenzen halten. Im Test funktionierte zudem die Abstimmung bei allen Anwendungen im Inkognito-Modus des Browsers.

Steuerzentrale

Die von uns vorgestellten Anwendungen funktionieren alle ähnlich: Man erstellt eine Veranstaltung und fügt Fragen sowie Antwortmöglichkeiten hinzu. Während der Versammlung startet man zu gegebener Zeit die jeweilige Abstimmung auf dem Vortragsnotebook, während man ein separates Ergebnisfenster auf die Leinwand projiziert. Dort erscheinen, zumeist in Echtzeit, die Ergebnisse. Pingo lässt allerdings keine Live-Auswertung zu: Man muss die Umfrage zunächst beenden, um die Ergebnisse als Balkendiagramm anzeigen zu können. In MeetingPulse gibt es in der kostenlosen Version kein separates Ergebnisfenster, jedoch zeigt das Dashboard den Stand in Echtzeit an – man muss also auf dieses zurückgreifen und den Vollbildmodus aktivieren, um die Ergebnisse präsentieren zu können.

iVoting setzt auf ein besonders charmantes Verfahren: Sobald man im Dashboard links neben einem Event den Start-Button anklickt, öffnet sich ein separates Präsentationsfenster, das man auf die Leinwand schiebt. In diesem Fenster sieht man Logo, Eventnamen, Linkadresse und Eventcode. Man muss also vorher nichts an seine Teilnehmer verschicken. Sobald man die erste Abstimmung freigibt, zeigt das Präsentationsfenster die Ergebnisse in Echtzeit an. Wenn man die Abstimmung schließt, erscheint wieder das Ausgangsfenster. Kommt ein Teilnehmer zu spät, kann er jederzeit in die folgenden Abstimmungen einsteigen, ohne dass er erst mühsam herausfinden muss, welchen Link er aufzurufen hat.

Fragen über Fragen

Single-Choice- und Multiple-Choice-Fragen gehören zu den am häufigsten verwendeten Fragetypen. Alle im Artikel vertretenen Anwendungen beherrschen daher mindestens die Einfachauswahl bei vorgegebenen Antworten. Bis auf Glisser und MeetingPulse lassen alle anderen ebenfalls ein Fragendesign zu, bei dem die Teilnehmer mehrere Antworten auswählen können.

Falls man zunächst ganz allgemein Meinungen zu einem Thema sammeln will, eignen sich offene Fragen mit Freitextantworten. Einige Anwendungen stellen die Ergebnisse als einfache Auflistung dar, andere wie Wooclap zeigen eine Wortwolke – das spart Zeit, weil man auf einen Blick sieht, welche Begriffe besonders häufig genannt wurden. Damit eine solche Frage nicht aus dem Ruder läuft und Sie sich nicht durch lange Aufsätze lesen müssen, sollten Sie die Teilnehmer bereits in der Frage drum bitten, in Stichpunkten zu antworten.

Die Anwendung iVoting generiert einen Willkommensschirm, der alle Teilnehmer mit den Zugangsinfos versorgt.

Gelegentlich ist es interessant zu sehen, wie das allgemeine Stimmungsbild zu einer Sache aussieht, beispielsweise zu einer Vereinsreise. In diesem Fall sind Bewertungsfragen das Mittel der Wahl. Damit erhalten Sie eine differenziertere Einschätzung, als wenn Sie eine reine Ja/Nein-Frage stellen. Falls Sie auf diesen Fragetypen Wert legen, sind DirectPoll und Votegoat für Sie aus dem Rennen.

Die mit Abstand größte Fragenauswahl bringt Wooclap mit, nämlich elf Fragetypen. Darunter solche Exoten wie Bildanalyse, Lücken ausfüllen und Zuordnung. Bei letzterem müssen die Teilnehmer passende Paare finden. Auf der linken Seite lassen sich Text und/oder Bild einfügen, auf der rechten Seite nur Text: Damit kann man zum Beispiel überprüfen, wie gut sich alle noch an die jeweiligen Ausflugsziele des letzten Jahres erinnern, indem man Bilder und Ortsnamen abfragt. Zusätzlich gibt es mehrere offene Fragetypen, die vor allem in der Ergebnisdarstellung variieren – beispielsweise als Auflistung oder Wortwolke.

Zur Abstimmung bitte hier entlang

Damit die Zuhörer an der Abstimmung teilnehmen können, müssen sie wissen, wie sie dorthin gelangen. Einige Anwendungen wie DirectPoll, Pingo oder Pollunit bieten die Möglichkeit, einen QR-Code zu generieren. Diesen können Sie ausdrucken und den Teilnehmern zur Begrüßung in die Hand drücken oder auf die Plätze legen. Da nicht jeder eine passende App parat hat, um den Code zu scannen, sollten Sie zusätzlich noch den Link bekannt geben – zum Beispiel auf der Startfolie Ihrer Präsentation. Gelegentlich sind die Links, über die man zur Abstimmung gelangt, lang und kryptisch. Nutzen Sie in solch einem Fall zusätzlich einen Kurz-URL-Dienst wie Bitly, um der Vertippgefahr zu begegnen.

In Wooclap lassen sich zu jeder Antwortkarte Bildchen hochladen – das fängt mehr Aufmerksamkeit ein als purer Text.

In den kostenlosen Versionen lässt sich in keiner Anwendung der Zugang durch ein Passwort einschränken. DirectPoll bietet immerhin die Möglichkeit, eine maximale Teilnehmerzahl anzugeben und eine Token-Liste herunterzuladen – zufällige Buchstaben-Zahlen-Kombinationen, die man jeweils per Mail verschickt. Der Nachteil an diesem System: Sie müssen je nach Veranstaltungsgröße ganz schön viele Mails versenden.

Um an Pollunit-Abstimmungen teilzunehmen, muss man einen Link eingeben – und zwar für jede einzelne Abstimmung einen anderen. Zudem muss jeder, der abstimmt, einen Namen angeben – zum Beispiel Gast1 und so weiter. Glisser fordert die Teilnehmer außerdem zur Angabe einer Mailadresse auf. Das kann allerdings auch eine Fake-Adresse sein.

Einen Sonderweg geht Votegoat: Um an der Abstimmung teilnehmen zu können, müssen die Zuhörer sich einloggen. Dabei gilt, dass die während der Registrierung gewählten Account-Daten für alle Nutzer gleichermaßen gelten. Man sollte daher nicht unbedingt eins seiner privat genutzten Passwörter verwenden und als Nutzernamen nicht den Kosenamen des Partners – in der kostenlosen Version lässt sich das Passwort nicht verändern.

Datensichern leicht gemacht

Nicht alle Anwendungen bieten in der kostenlosen Version die Möglichkeit, die Abstimmungsergebnisse zu exportieren. Das wird immer dann interessant, wenn man die Ergebnisse später noch aufbereiten – oder zumindest auf sie zurückgreifen möchte: Zum Beispiel, um einen Artikel für die Vereinszeitschrift zu verfassen.

Pingo bringt eine Möglichkeit zum CSV-Export mit. Die Datei ist allerdings nicht sehr übersichtlich, sodass man einige Zeit darauf verwenden muss, um sie zu durchdringen. Zusätzlich kann man die Balkendiagramme als PNG-Datei speichern – allerdings nur mit der prozentualen Auswertung und ohne die zugehörige Frage. MeetingPulse sichert Ergebnisse ebenfalls im CSV-Format. Votegoat und Wooclap bieten Excel-Dateien zum Download an. iVoting lässt dem Vortragenden die Wahl, wie er die Ergebnisse sichern will: Wenn man zum Beispiel nur die grafisch aufbereiteten Ergebnisse als Bild- oder PDF-Datei sichern möchte, dann klappt das ebenso gut wie ein Excel-Export.

Keinerlei Möglichkeit zum Datenexport bieten die kostenlosen Versionen von DirectPoll, Glisser und Tedme. Wer die Daten dennoch sichern will, nimmt nach jeder Abstimmung ein Bildschirmfoto auf. Das ist nicht die sauberste Variante, aber immer noch besser, als am Ende ohne Sicherung dazustehen.

Eingebaute Präsentationsfunktionen

Tabelle
Tabelle: Live-Voting-Tools

Der gängige Ablauf während einer Präsentation sieht so aus: Die Präsentation läuft im separaten Programm, während im Hintergrund bereits der Browser mit dem Voting-System geladen ist. Sobald eine Abstimmung stattfinden soll, wechseln Sie von der Präsentationsanwendung zum Browserfenster – das funktioniert, geht jedoch mit einer Unterbrechung einher.

Glisser, Tedme und Wooclap setzen auf ein anderes Konzept: Zunächst bastelt man die Präsentation im Editor seiner Wahl zusammen, speichert sie als PPTX-Datei und lädt sie dann beim jeweiligen Live-Voting-System-Anbieter hoch. Der stellt nicht nur eine Abspielmöglichkeit bereit, sondern zeigt die einzelnen Folien der Präsentation an. Großartige Bearbeitungsfunktionen bieten die Dienste zwar nicht, aber immerhin kann man die Reihenfolge verändern oder Folien löschen. In Glisser zieht man den gewünschten Fragetyp an die gewünschte Stelle in der Präsentation. Tedme akzeptiert nur Bild-Dateien als Upload-Format. Um eine fertige Präsentation hochladen zu können, muss man die Folien daher zuvor als Bild-Datei abspeichern (BMP-, GIF-, JPEG- oder PNG-Format). Die Folienreihenfolge lässt sich jederzeit in Tedme anpassen. Falls man nicht auf die Tedme-eigene Präsentationslösung zurückgreifen will, nutzt man stattdessen nur die Umfragefunktion (Quick Vote). Wooclap bringt ebenfalls eine Präsentationsfunktion mit. Auch hier lassen sich alternativ ausschließlich die Abstimmungs-Tools nutzen.

Eine eingebaute Präsentationsfunktion macht den Vortragenden frei von Programmzwängen, da es unerheblich ist, welche Anwendung auf dem Vortrags-Notebook installiert ist: Alles, was man benötigt, ist ein Browser mit Internetverbindung. Diese Freiheit erkauft man sich damit, dass man fremden Servern seine Daten anvertraut.

Die Vielfalt zur Wahl

Die meisten der hier vorgestellten Lösungen lassen in der kostenlosen Version keine bis wenig Anpassungen zu. Man muss mit dem vom Anbieter eingestellten Farbschema leben oder sich eine andere Anwendung suchen.

Pollunit stellt eine Ausnahme dar: Die Anwendung lässt dem Präsentierenden viel Gestaltungsspielraum. Jede Umfrage kann man mit einem Hintergrundbild samt passendem Farbschema aus einem Katalog versehen. Wer möchte, fügt noch Effekte hinzu: Vor malerischer Strandkulisse seilen sich einige Spinnen von der Bildschirmkante ab – es gibt einen Haufen derartiger Spielereien. In Votegoat lässt sich immerhin das Aussehen des Ergebnisschirms an die eigenen Bedürfnisse anpassen, zum Beispiel kann man ein eigenes Logo und ein Hintergrundbild hochladen.

Unsere Tools eignen sich übrigens nicht nur für Vorträge auf Vereinssitzungen oder ähnlichem. Nutzen Sie doch einmal eine der Anwendungen für ein unterhaltsames Quiz, um die nächste dröge Familienfeier aufzupeppen. (apoi@ct.de)