Bunte Beats
Bitwig Studio 2.4 lädt zu Experimenten mit elektronischer Musik
Die Musiksoftware aus Berlin lockt mit einem aufgebohrten Sampler und cleveren Modulatoren, die Audio-Clips quasi durch den Fleischwolf drehen. Wer dadurch Lust aufs Musikmachen bekommt, dem zeigen wir einen besonders attraktiven Einstieg.
Der Berliner Entwickler Bitwig hat seine Produktionssoftware Studio mittlerweile zu einem mächtigen Werkzeug zur Klanggestaltung und zum einfachen Arrangieren vornehmlich elektronischer Musik ausgebaut. Die Software bringt vom Sequenzer und Mixer bis zu Software-Synthesizern und Effekten alles mit, was man zur Produktion eines kompletten Dance-Tracks benötigt. Dabei ist Bitwig Studio die derzeit mächtigste DAW (Digital Audio Workstation), die neben Windows und macOS auch (Ubuntu-)Linux unterstützt.
Dass die Gründer von Bitwig früher bei Ableton gearbeitet haben, merkt man an vielen Stellen. Bitwig Studio setzt auf das gleiche Konzept mit loopenden Clips, die pausenlos im Takt weiterspielen und so ein spaßiges Live-Arrangieren ganzer Tracks erlauben. Auf der modernen Bedienoberfläche stören keine Pop-up-Fenster. Das hilft besonders auf kleinen Laptop-Bildschirmen, den Überblick zu behalten.
Da in der elektronischen Musik sogenannte Modulatoren eine große Bedeutung haben, kann man sie in Bitwig besonders einfach einsetzen. Dazu gehören tieffrequente Oszillatoren (LFOs), Hüllkurven und so weiter. Jeder Effekt und jedes Instrument kann mehrere Modulatoren einklinken, welche beliebige Bildschirmparameter steuern. Dadurch wirken die Sounds weniger statisch und es gelingen tolle rhythmische Verfremdungen.
Dank der Container lassen sich in jeder Spur mehrere Instrumente und Effekte übereinander schichten. Aus einfachen Modulen entstehen per Drag & Drop komplexe Klanggebilde, ohne dass man dafür erst einen Programmierkurs absolvieren muss. Dabei hält Bitwig Kontakt zu anderen Hardware-Instrumenten. Über spezielle Plug-ins lassen sich diese bequem einbinden, inklusive automatischem Latenzausgleich. Eurorack-Module lassen sich nicht nur per Steuerspannung (CV) ansprechen, sondern sogar automatisch tunen.
In der Praxis hat sich Bitwig als überaus stabil erwiesen. Problematische Plug-ins kann man zur Not in einem Speicher-Container isoliert betreiben, sodass sie bei einem Absturz nicht gleich die ganze DAW mitreißen. Dank der Unterstützung von VST 3 arbeitet Bitwig sehr ressourcenschonend. Die Auslastung lässt sich an einem Performance-Graphen mitverfolgen, sodass man die Größe des Audio-Puffers für jede Situation anpassen kann.
Verbesserter Sampler
Nach der Einführung des Phase-4-Synthesizers zu Jahresbeginn stand im neuesten Update 2.4 der Sampler im Mittelpunkt. Im Vergleich zum Konkurrenten Ableton Live hatte Bitwig bei der Timestretch-Manipulation bereits gleichgezogen und den in Ableton Live ebenfalls verwendeten Elastique-Algorithmus von Zplane eingebaut. Elastique kann Audio-Clips bei gleicher Tonhöhe stark verlangsamen oder beschleunigen, ohne dass es zu hörbaren Artefakten kommt.
Mithilfe des nun verbesserten Samplers lassen sich Audio-Aufnahmen wie in einem Synthesizer spielen. Dazu kann der Sampler einzelne Schnipsel eines Samples granular zerlegen oder auch Wavetables generieren. Über die LFO-Modulatoren und Hüllkurven lassen sich beim Abspielen einer Note verschiedene Bereiche des Samples abtasten. So kann man – während eine Note erklingt – die Länge und den Versatz des zu loopenden Bereichs verschieben, wodurch lebendige Texturen entstehen. Der Loop-Bereich lässt sich dazu bis auf eine einzelne Schwingung verkürzen. Mit der Hüllkurve des Samplers stellt man sowohl den Verlauf der Lautstärke als auch den des eingebauten Filters vom Anschlag bis zum Ausklang ein. Wer will, kann mehrere Samples übereinander schichten und in verschiedenen Zonen auf dem Keyboard verteilen. Dann lassen die unteren Oktaven andere Samples erklingen als die oberen.
Im Vergleich zu Ableton Live 10 punktet Bitwigs Sampler mit der übersichtlicheren Bedienung und den gut klingenden Wavetable- und Granular-Modi. Ableton hat die Wavetable-Synthese in ein separates Instrument ausgelagert, das zwar eigene Wavetables mitbringt, aber keinen Import von Samples erlaubt. Vermisst haben wir beim Bitwig-Sampler einen Release-Modus, bei dem der Sampler beim Loslassen einer Keyboard-Taste die Loop verlässt und das Sample bis zum Ende spielt. Stattdessen bleibt der Bitwig-Sampler bis zum Ausklingen in der Loop gefangen.
Neue Modulatoren
Zu dem reichen Angebot an Oszillatoren und Hüllkurven kommt in Version 2.4 der Sequenzer ParSeq-8 hinzu. Er gibt in bis zu acht Schritten einstellbare Parameter aus, die synchron zum Tempo wechseln. Jeder Schritt kann dabei mit anderen Parametern verbunden werden, sodass sich interessante Polyrhythmen ergeben, wenn man den ParSeq nur drei oder fünf Töne spielen lässt. Im Free-Running-Modus ist er auch als LFO mit einstellbarer Wellenform nutzbar. Die Abstufungen der Schritte lässt sich dabei durch eine sanft verlaufende Kurve nivellieren.
Der neue Container „Note FX Layer“ erlaubt es, gespielte Noten mit übereinander geschichteten MIDI-Effekten zu verändern, die beispielsweise Echo-Noten und Akkorde generieren. Das ist eher etwas für Spezialisten, ebenso wie die MIDI-Ergänzungen, die bei der Weiterverarbeitung nun auch die Kanäle berücksichtigen.
Bei neuen Funktionen achten die Entwickler stets darauf, dass die Übersicht gewahrt bleiben. Was fehlt, sind mitunter Details wie eine permanent sichtbare numerische Anzeige der Fader-Einstellungen im Mixer. Wer des Englischen nicht mächtig ist, wünscht sich zudem ein aktualisiertes deutsches Online-Handbuch, das noch immer auf Version 2.1 basiert.
Fazit
Zum Kasten: Sonderheft c’t musik kreativ
Bitwig Studio hat sich zu einer vorzüglichen DAW gemausert, die mit einfacher Bedienung, Stabilität und vielen kreativen Klangmanipulationen punktet. So treten inzwischen auch die Vorteile des Update-Konzepts zutage: Kunden können jederzeit in Bitwig einsteigen und bekommen innerhalb eines Jahres selbst große „ganzzahlige“ Updates kostenlos. Nach Ablauf dürfen sie ihr Programm uneingeschränkt weiter nutzen und können irgendwann, wenn sie eine Neuerung benötigen, einen neuen Update-Plan für 159 Euro pro Jahr abschließen.
In diesem Jahr bekam man mit den Versionen 2.3 und 2.4 recht umfangreiche Neuheiten, die das Sampling und die Audio-Bearbeitung deutlich verbesserten und außerdem einen neuen Synthesizer mitbrachten. Vom Funktionsumfang her ist Bitwig Studio damit an der Standard-Version von Ableton Live inzwischen vorbeigezogen. Im Vergleich zur großen Ableton Live Suite deckt es allerdings noch nicht alle Spezialitäten ab. Vor allem fehlt Bitwig eine Entwicklungsumgebung wie Max, die einen schier endlosen Pool an Plug-ins und Spezialeffekten mitbringt – was der Suite fehlt, programmiert man einfach selbst dazu und teilt es mit anderen Nutzern.
Dafür überzeugt Bitwig mit einer konsistenteren Bedienung, speziell beim Umgang mit Containern und Modulatoren. Wie viel Spaß das macht, können Sie an der kostenlosen Demo auf der Bitwig-Webseite oder an der 8-Track-Version ausprobieren, die unserem neuen Sonderheft c’t musik kreativ beiliegt. (hag@ct.de)