Mit dem Dritten sieht man besser
Android-Smartphone Huawei Mate 20 Pro mit Tele- und Weitwinkel-Kamera
Der fehlende optische Zoom ist einer der größten Nachteile von Smartphones gegenüber Kompaktkameras. Dem hält das Mate 20 Pro nicht nur ein Dreifach-Tele entgegen, sondern auch ein Weitwinkel. Ein Smartphone für fast 1000 Euro darf natürlich nicht nur bei der Kamera überzeugen.
Huaweis neues Spitzenmodell heißt Mate 20 Pro, es ist eine Art Nachfolger des P20 Pro. Wichtig ist dabei der Zusatz „Pro“: Mit dem 250 Euro billigeren Mate 20 hat es wenig gemein, sie sind lange nicht so eng verwandt wie etwa das Samsung Galaxy S9 mit dem S9+ oder das iPhone XS Max mit dem XS.
Gleich drei Kameras hat das Pro: eine Normalkamera, ein Dreifach-Tele und ein Weitwinkel. Schon das Dreifach-Tele ist ungewöhnlich, und die Kombination mit einem Weitwinkel bisher nur vom Samsung A9 bekannt – das noch nicht lieferbar ist und nur ein Zweifach-Tele hat. Damit umfasst das Mate 20 Pro in gewisser Hinsicht einen Fünffach-Zoombereich – Rekord bei Smartphones.
In der Foto-App schaltet man die Sensoren per Zoom-Knopf zwischen 1fach, 3fach, 5fach und 0,6fach, wobei 5fach ein leider nicht abschaltbarer Digitalzoom ist. Alternativ zoomt man stufenlos. Die Hauptkamera hat 40 Megapixel. Per Voreinstellung reduziert sie Fotos auf 10 Megapixel, was für die meisten Gelegenheiten ein guter Kompromiss ist, um Speicher- und Übertragungsvolumen zu sparen. Mit 10 MP schießt der Sensor exzellente Fotos nahezu auf dem Niveau des Spitzenreiters Galaxy Note 9, lediglich etwas Schärfe und Schattenauflösung fehlen. Die 40 MP sind kein Werbegag, sondern man bekommt sichtbar mehr Details – dann auch mehr als beim Note 9. Das Dreifach-Tele mit 10 MP bringt gegenüber den Zweifach-Teles der Konkurrenz einen echten Mehrwert bei vergleichbarer Qualität. Lediglich der 20-MP-Weitwinkel enttäuscht mit deutlichen Verzerrungen und einem Rotstich – für Landschaftsfotos bei ausreichend Licht geht die Qualität in Ordnung.
Wählt man im Pro-Modus der Kamera-App als Dateiformat Raw, landet das DNG des ausgewählten Sensors auf der Speicherkarten – das sollte selbstverständlich sein, doch die bisherigen Zweikamera-Handys nutzen für Raws ausschließlich den Hauptsensor.
Display und Scanner
Beim Display erhöht Huawei gegenüber dem P20 Pro die Diagonale von 6,1 auf 6,4 Zoll und die Auflösung von nicht High-End-gemäßen 1080 Pixeln in der Breite auf 1440. Man bekommt ein farbkräftiges und scharfes OLED-Panel ohne sichtbaren OLED-Kammeffekt. Die maximale Helligkeit von fast 700 cd/m2 macht das Display auch im Sonnenlicht gut lesbar.
Die Einkerbung am oberen Rand für Frontkamera und Sensoren frisst viel Platz, nur fünf Benachrichtigungs-Icons passen links daneben.
Nachdem das P20 Pro noch klassisch einen Home-Knopf mit eingebautem Scanner hatte, sitzt beim Mate 20 Pro nun wie beim OnePlus 6T (siehe Seite 92) der Fingerabdruckscanner hinter dem Display. Seine Position ist per Always-on-Display markiert. Man muss den Finger fest auflegen, beziehungsweise muss er eine große Grundfläche bedecken, damit der Scan beginnt. Er dauert etwas länger als von Homeknopf-Scannern gewohnt, nicht so lange wie beim OnePlus 6T.
Innereien
Huawei gönnt sich wie Samsung eine eigene Prozessor-Sparte. Blieb dessen Kirin 970 im P20 Pro hinter der Konkurrenz aus Qualcomm Snapdragon und Samsung Exynos zurück, liefert der aktuelle Kirin 980 exzellente Werte. Im Einzelnen: In der Single-Core-Performance liegt er gleichauf mit dem Exynos 9 Octa im Note 9, deutlich vor dem Snapdragon 845. Allerdings hat er nur zwei schnelle Cores, während Snapdragon und Exynos vier integrieren. Zwei weitere Cores des Kirin laufen mit maximal 1,9 GHz, dazu kommen (wie bei Snapdragon und Exynos) vier langsame Cores.
Damit ist der Kirin 980 der erste High-End-Prozessor mit drei Clustern, quasi Big-Medium-Little statt Big-Little. Und die Kombination funktioniert. Im Multicore-Test sowohl des Coremark als auch des Geekbench setzt sich der Kirin knapp vor den Snapdragon und den Exynos. Nur von den Apple-Prozessoren muss er sich geschlagen geben. Doch auch die möglicherweise der Thermik geschuldete dreifache Clusterung ist noch hitzeanfällig, denn der Kirin drosselt nach einigen Minuten unter Volllast noch weiter als der Snapdragon. In der Praxis spürt man davon aber nichts, auch weil er sich nach kurzer Zeit wieder hochtaktet.
Bei den 3D-Grafik-Benchmarks landet Kirin nicht ganz an der Spitze, sondern etwa auf dem Niveau des Exynos. Damit ist er dennoch für die High-End-Games der nächsten Jahre gerüstet, denn die Spielehersteller können nicht die immense 3D-Performance eines Snapdragon 845 als gegeben voraussetzen.
6 GByte Hauptspeicher und 128 GByte Flash sind eingebaut, andere Varianten sind zumindest für den deutschen Markt nicht vorgesehen. Ein Speicherkartenslot ist zwar vorhanden, aber Huawei hat sich ein neues Format ausgedacht. Die speziellen NM-Karten (NanoMemory) haben genau die Größe einer Nano-SIM und kosten etwa doppelt so viel wie brauchbare MicroSDs. Sie lassen sich nicht als interner Speicher formatieren, Apps kann man nicht dorthin schieben. Damit eignen sie sich für Fotos, Videos und manuell oder von Apps dorthin geschobenen Daten.
Der Akku fasst geringfügig mehr als der des P20 Pro, die Laufzeiten liegen auch etwas über dem Vorgänger. Sie fallen sehr hoch aus, nur wenige wie das OnePlus 6T oder Samsung Note 9 halten länger durch. Das Netzteil lädt den Akku in 66 Minuten – Rekord.
Die Lautsprecher klingen ganz ordentlich und erzeugen bei quer gehaltenem Handy einen leichten Stereoeffekt. Da sie nicht besonders laut sind, dürfte man sie eher im oberen Lautstärkebereich betreiben, allerdings verzerren sie dort.
Stöpselt man ein Display per USB-C-Adapter oder über eine USB-C-Dockingstation an, schaltet das Mate 20 Pro in einen Desktop-Modus. Damit lässt sich gut arbeiten, wobei der Desktop-Modus des Samsung S9/Note 9 ausgefeilter und optionsreicher ist.
Huawei baut Android 9 in erträglichem Maße um und installiert Bloatware nur dann, wenn man das in der Huawei-Appstore-App zulässt. Allerdings sind viele hauseigene Apps installiert, die einen teils penetrant zu einer Huawei-ID überreden wollen, mit der man beispielsweise Fotos oder Fitness-Daten in der Huawei-Cloud ablegen kann. Inzwischen ungewöhnlich: Dank IrDA-Lampe mutiert das Handy zur Universal-Fernbedienung.
Fazit
Sehr lange Laufzeiten mit superschnellem Laden, schneller Prozessor, flinker Fingerabdruckscanner vorne – das Mate 20 Pro macht vieles richtig. Nachteilig sind der breite, benachrichtigungsverdeckende Notch, die mäßigen Lautsprecher und das häufige Flehen, Daten per Huawei-ID nach China zu funken. Bis hierhin hätte das Mate 20 Pro für über 900 Euro einen schweren Stand gegenüber günstigeren Spitzenkandidaten wie Galaxy S9+ oder OnePlus 6T.
Aber die Kamera reißt alles raus. Qualitativ bleibt sie eine Nuance hinter dem Spitzenreiter Note 9 zurück und liegt auf Niveau der auch noch großartigen iPhone XS und Pixel 3 – jeder davon mit individuellen Stärken. Doch dank der unerreichten Flexibilität aus Weitwinkel und Dreifach-Tele, der 40-MP-Option sowie der besseren Raw-Unterstützung setzt sich das Mate 20 Pro an die Spitze der Kamera-Smartphones. (jow@ct.de)