c't 25/2018
S. 122
Hintergrund
Moderne Mobilität: Privates Carsharing
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Autofreigabe

Privates Carsharing ist im Kommen

Abseits der großen Carsharing-Anbieter wie car2go oder DriveNow etabliert sich ein Markt des privaten Teilens, der die Mobilität nachhaltig verändern könnte. Denn die eigentliche Blechlawine rollt nicht unseren Straßen – sie steht ungenutzt herum.

Kann ich mal das Auto haben? Wenn ein Teenager mit am Frühstückstisch sitzt, dürfte diese Frage des Öfteren zu hören sein. Und tatsächlich liefert das Modell der Familie die Vorlage für eine Tauschökonomie, die frei nach dem Motto „Sharing is Caring“ eine möglichst effiziente Auslastung von Ressourcen zum Ziel hat.

Hinter den zwei größten Carsharing-Anbietern in Deutschland stehen ausgerechnet zwei Automobilhersteller. BMW (DriveNow) und Mercedes (car2go) versuchen, ein mögliches Geschäftsfeld der Zukunft zu belegen und sich einen eventuell anstehenden Wandel vom Fahrzeughersteller zum Mobilitätsdienstleister zumindest offenzuhalten.

Doch die Dienstleistung, die DriveNow und car2go dem Kunden anbieten, ist mit heutiger Technik auch ohne große Fahrzeugflotte zu erbringen. Herumstehende Autos im Privatbesitz gibt es schließlich genug. Um die nutzlos abgestellten Fahrzeuge in Bewegung zu bringen, nimmt privates Carsharing – oder P2P-Carsharing – die Familie als Vorbild und zieht den Kreis der vertrauenswürdigen Personen einfach größer. Am Ende bleibt nur das technische Problem der Schlüsselübergabe und die bange Frage, was passiert, wenn es mal zu einem Unfall kommt. Für beide Probleme gibt es Lösungen.

Smartes Teilen

In die ready-to-App lässt Smart Erfahrungen von car2go einfließen.

Die Mercedes-Tochter Smart nutzt die Erfahrungen aus dem car2go-Bereich, um privates Carsharing auch bei ihren Fahrzeugen zu etablieren. In fast allen Modellen – bis auf das Cabrio – kann man für 300 Euro das ready-to-Paket hinzubuchen, mit dem sich verschiedene vernetzte Services nutzen lassen. Neben unterschiedlichen Connected-Car-Diensten (Parken, günstig Tanken, Diebstahlschutz) beinhaltet das Paket auch die ready-to-share-Funktion. Über eine für iOS und Android erhältliche App kann man beliebige Personen einladen, das Fahrzeug mitzunutzen.

Hat jemand eine solche Einladung erhalten, muss er sich einmalig am ready-to-Portal anmelden. Dabei wird auch die Führerscheinnummer hinterlegt. Verantwortlich für die Prüfung der gültigen Fahrerlaubnis ist allerdings der Fahrzeughalter – und zwar bei jeder einzelnen Fahrt. Ist man der Einladung gefolgt und hat sich registriert, kann man ähnlich wie bei gängigen Carsharing-Apps eine Buchungsanfrage stellen, die der Besitzer annimmt oder ablehnt. Ist das Fahrzeug verfügbar und der Besitzer einverstanden, zeigt die App 15 Minuten vor Beginn des Leihfensters die Position des Autos in der App an.

Als Sharing-Nehmer muss man das Fahrzeug per App öffnen; die Wegfahrsperre wird erst durch die Freigabe online über das Daimler Vehicle Backend gelöst. Da auch aktuelle Smarts noch mit mechanischen Schlüsseln ausgeliefert werden, muss ein Zweitschlüssel im Fahrzeug hinterlegt sein. Das per App entriegelte Auto lässt sich mit dem Zweitschlüssel starten und für die Dauer des Ausleihvorgangs frei bewegen. Für die Fahrzeugrückgabe kann der Besitzer auf Wunsch eine Homezone festlegen – der Ausleihvorgang lässt sich dann nur im Umkreis von bis zu 500 Metern um eine fest definierte Geoposition beenden – und zwar ausschließlich über das Smartphone des Entleihers bei bestehender Internetverbindung. Um das Risiko für den Fahrzeugbesitzer möglichst gering zu halten, umfasst das Paket eine Zusatzversicherung vom HDI. Kommt es während des Verleihvorgangs zu einem Schadensfall, soll die Versicherung des Fahrzeughalters nicht belastet werden.

Volvo bietet das Carsharing per On Call derzeit nur für das SUV Volvo XC40 an.

Volvo bietet über seine „On Call“-App ein ähnliches System an, allerdings ist die Sharing-Möglichkeit derzeit nur beim Einstiegs-SUV XC40 verfügbar. Zudem fehlt es an einer Zusatzversicherung, sodass mögliche Schäden über die Versicherung des Halters abgewickelt werden. Volvos privates Carsharing richtet sich daher nur an Familie und Freunde – gute Freunde.

Die Fahrzeugübernahme bei einem per On Call freigegebenen XC40 ist deutlich komfortabler als beim Smart. Zwar muss auch hier noch parallel zur Öffnung per App mit Volvo-Kundenkonto ein Schlüssel im Fahrzeug liegen. Der „Red Key“ kann wegen der elektronischen Startvorrichtung allerdings im Handschuhfach verbleiben. Man öffnet das Fahrzeug per App, steigt ein und kann nach dem Druck auf den Startknopf sofort losfahren. Volvo verzichtet auf Führerscheinprüfung und einen detaillierten Schadensbericht nach jedem Ausleihvorgang – der Fahrzeughalter steht ohnehin allein in der Pflicht.

Bestandsfahrzeuge

Man muss nicht unbedingt ein Neufahrzeug anschaffen, private Carsharing-Plattformen erlauben auch das Teilen von Gebrauchtfahrzeugen. Die Portale kassieren eine Vermittlungsgebühr und bieten den Nutzern einen zusätzlichen Versicherungsschutz für den Verleihzeitraum an.

Der größte Anbieter ist hierzulande das aus den Niederlanden stammende Unternehmen SnappCar, das nach eigenen Angaben rund 45.000 Fahrzeuge im Verkehr hat. Autos lassen sich stunden- oder tageweise anfordern – meist braucht es dann erst noch eine Buchungsbestätigung durch den Besitzer. Bietet man sein Privatfahrzeug an, lässt sich auch die Option „Sofortbuchung“ aktivieren. Wird das Fahrzeug angefragt, geht die Buchungsbestätigung dann automatisch raus. In einem Kalender lassen sich zuvor individuelle Sperrzeiten setzen, in denen man das Auto selbst nutzen möchte.

Die P2P-Carsharing-Portale lassen nicht jedes Fahrzeug auf ihre jeweilige Plattform. Beim zweitgrößten Anbieter Drivy etwa kann man nur Fahrzeuge anmelden, die höchstens acht Jahre alt sind und nicht mehr als 100.000 km auf dem Buckel haben.

Bundesweit stehen über Drivy.com derzeit rund 6000 mietbare Fahrzeuge bereit, etwa zwei Drittel stammen von Privatpersonen. Drivy hat den Dienst vor einem Jahr auch für gewerbliche Anbieter geöffnet. So können etwa Autohäuser oder Autovermieter ungenutzte Fahrzeuge über das Portal vermieten.

Eine Besonderheit bei Drivy ist die „Open-Box“, ein Kommunikationsmodul, das derzeit nur in Berlin, Hamburg, Köln und München erhältlich ist. Ein mit der Box nachgerüstets Fahrzeug lässt sich per App öffnen und starten, gleichzeitig übermittelt das Modul Informationen zu gefahrenen Kilometern und Spritverbrauch ans Drivy-System und vereinfacht die Abrechnung. Die lästige Schlüsselübergabe entfällt bei Fahrzeugen mit Drivy open. Die Kosten für den Einbau übernimmt der Portalbetreiber, der Kunde zahlt eine monatliche Nutzungsgebühr von 30 Euro.

Wer sein Auto teilt, kann damit natürlich auch Geld verdienen. Die Portale überlassen die Preisgestaltung ihren Nutzern. In Ballungsgebieten muss der Preis natürlich unter dem einer Autovermietung oder eines kommerziellen Carsharing-Anbieters liegen. Auch bei Smarts ready-to-Dienst soll über das Web-Portal künftig eine Abrechnungsmöglichkeit für private Leihfahrten geschaffen werden. Fahrtkosten lassen sich dabei pauschal oder nach gefahrenen Kilometern berechnen.

Fazit

Privates Carsharing ist ein Mobilitätsbaustein der Zukunft, allerdings steckt die Tücke momentan noch im Detail. Größter Hemmschuh ist die umständliche Schlüsselübergabe. Hinzu kommt das finanzielle Risiko im Schadensfall – besonders für den Fahrzeughalter. Letztere Nuss ist nur durch die Versicherungswirtschaft zu knacken. Ähnlich wie beim hochautomatisierten Fahren darf der Übergang von einem in den anderen Versicherungsmodus für die Kunden keinen Nachteil mit sich bringen.

Das „Schlüsselproblem“ dürfte sich mittelfristig von alleine lösen. Mit der verbindlichen Einführung des E-Calls sind künftig ohnehin alle Neufahrzeuge im Netz und die Öffnung per Smartphone ist technisch kein Problem. Wenn die freigegebenen Autos so einfach zu besteigen sind wie der Bus der Linie 100, wird das Thema privates Carsharing deutlich an Fahrt gewinnen. (sha@ct.de)