c't 9/2018
S. 65
Spielekritik
Piraten-MMO
Aufmacherbild

Sea of Thieves

Microsoft, USK 12, 70 €

In diesem Online-MMO wandelt der Spieler auf den Spuren von Guybrush Threepwood aus Monkey Island und schlüpft in die Rolle eines Comic-Piraten.

Als Nachwuchspirat heuert der Spieler in Sea of Thieves auf einem Schiff an, um das nächste reich beladene Handelsschiff zu entern. Fröhlich sticht er in See, doch der eigene Kahn ist nicht ganz seetüchtig. Der Rumpf schlägt Leck. Das Loch muss schnell gestopft und das eingedrungene Wasser über die Reling gekippt werden. Fertig repariert, geht es ins erste Gefecht. Leider schießt die Kanone ins Wasser und beim Entern nehmen einen die eigenen Piratenkumpel gefangen, weil man kein Slowakisch versteht – aller Anfang ist halt schwer.

Hersteller Rare setzte das Spiel hübsch in Szene: Die Fahrt übers Meer mit spritzender Gischt, flatternden Segeln und lauschigen Stränden im Abendrot bildet eine klischeehafte Piratenkulisse. Schade nur, dass die Comic-Figuren das hohe Niveau nicht halten: Sie sehen kantig aus und wurden schlecht synchronisiert.

Im Spiel vermisst man ein Tutorial ebenso wie eine Solo-Kampagne. Denn Sea of Thieves wurde als kooperatives Online-Abenteuer mit PvP-Gefechten konzipiert und leistet sich so manchen Patzer bei der Spielbalance: So kann es passieren, dass man in einem kleinen Zwei-Kanonen-Boot einer riesigen Galeone begegnet und von ihr zu Klump geschossen wird. Unfaire Aktionen anderer Online-Spieler werden nicht bestraft – stets muss man mit dem Schlimmsten rechnen.

Zunächst ist man noch motiviert, auf Geheiß der drei Piratenfraktionen seltene Tiere zu fangen, Schätze zu bergen, Schiffe zu entern und Waren abzuliefern. Doch bald wiederholen sich die Aufträge und es beschleicht einen das Gefühl, mangels effektiver Schiffsausbauten nicht voranzukommen. Selbst nach 15 Spielstunden gibt es nur kosmetische Updates und keine kräftigeren Kanonen. Das alte „Pirates!“ von Sid Meier konnte hier deutlich mehr motivieren, indem Mannschaft und Schiffsausbauten stetig wuchsen. In Sea of Thieves benötigt man jedoch eine eingespielte Koop-Mannschaft, wenn man auf hoher See bestehen will. Doch auch wenn manche Kaperfahrt mit Online-Freunden in vergnügliche Kämpfe und kooperative Reparaturarbeiten mündet, verliert man schnell die Lust an Shantys, Holzbeinen und der Buddel voll Rum.

Angesichts des mageren Inhalts und der schlechten Balance wirkt der von Microsoft angesetzte Preis von 70 Euro wie ein Seeräuberstreich. (Peter Kusenberg/hag@ct.de)

viel Piratenflair

wenig Abwechslung

schlechte Spielbalance