Kinoreifer Auftritt
Europapremiere des „Onyx Cinema LED Screen“
In Zürich ist Samsungs Kino der Zukunft zu erleben, mit einer LED-Bildwand statt Projektor. Doch kommt da noch die richtige Atmosphäre auf?
Eigentlich hatte ich ein größeres Brimborium erwartet um die Europa-Premiere einer Technik, die das Potenzial haben soll, der Kinoprojektion nach 120 Jahren den Garaus zu machen. Stattdessen stehe ich an einem Dienstagmittag Ende März mit einer überschaubaren Gruppe von Leuten in der Lobby des Kinokomplexes „Arena“ in Zürich.
Nur einige elektronische Anzeigen weisen darauf hin, was uns im Saal 5 erwartet: Samsungs „Onyx Cinema LED Screen“ – eine Bildwand also, die den Kinoprojektor komplett ersetzen soll. Als ich Freunden und Kollegen im Vorfeld davon erzählte, fiel dazu immer wieder ein Satz: „Dann kann ich mich ja gleich vor einen Fernseher setzen.“ Der ist in diesem Fall immerhin 10,3 Meter breit und 5,4 Meter hoch, was eine Diagonale von 11,63 Meter ergibt, satte 458 Zoll.
Erstkontakt
Als ich den Saal 5 betrete, bemerke ich kaum einen Unterschied zu einem normalen Kino. Bei genauerer Betrachtung fällt lediglich auf, dass zusätzliche Stühle dort stehen, wo sonst der Vorführraum wäre. Die Bildwand selbst wirkt zunächst wie eine dunkelgraue Fläche und kommt damit einer Leinwand optisch recht nahe.
Im beleuchteten Saal erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass der Cinema Screen aus 96 einzelnen Kästen (von Samsung nach dem englischen Begriff „Cabinets“ genannt) besteht, in denen ihrerseits jeweils 24 Module stecken (siehe Illustration auf der nächsten Seite). Auf jedem dieser Module sind 3840 RGB-LEDs in SMD-Bauweise aufgebracht.
Insgesamt ergibt das mehr als 26,5 Millionen Dioden für über 8,8 Millionen Bildpunkte – also eine 4K-Auflösung mit 4096 × 2160 Pixeln, wie sie auch moderne digitale Projektoren bieten. Die unterschiedlichen Bildverhältnisse der verschiedenen Kinoformate werden einfach durch schwarze Balken realisiert – wie beim Fernseher, nur dass sie hier auf jeden Fall tatsächlich schwarz sind, weil die LEDs abgeschaltet werden.
Der Screen ist für Kinoverhältnisse vergleichsweise klein, im „Arena“ ist auch eine 24 Meter breite Leinwand installiert. Samsung hat aber weitere Größen in Planung. Als Nächstes soll ein 5 Meter breiter Screen mit 2K-Auflösung kommen, bis zum Jahresende eine 13,6 Meter breite Version, die ebenfalls 4K bieten wird. Auch höhere Auflösungen wären denkbar, allerdings sind derzeit Kinoproduktionen mit nativem 4K sowieso die Ausnahme.
Interessanter ist, dass die Bildwand in Zürich zugleich die weltweit erste ihrer Art ist, auf der 3D-Filme laufen. Die geladenen Gäste bekommen deshalb außer 2D-Trailern den Spielfilm „Pacific Rim: Uprising“ in 3D zu sehen. Genutzt werden dabei Shutterbrillen; laut Samsung ließ sich mit einer passiven Technik nicht das gewünschte Ergebnis erreichen.
Fürs Kino gemacht
Beim Cinema LED Screen denkt mancher an die Bildwand „The Wall“, die Samsung auf der diesjährigen CES zeigte. Tatsächlich wird diese auch aus einzelnen Modulen zusammengesetzt, zielt aber auf den Heim- und Büromarkt und arbeitet mit kleineren LEDs.
Auf Konzerten und Messen sind LED-Bildwände schon lange im Einsatz. Doch Samsung behauptet gar nicht, die Grundtechnik erfunden zu haben. Auch Sony präsentierte im vergangenen Jahr den Prototypen einer Kino-Bildwand. Wichtig ist, dass Samsungs Screen die offizielle Zertifizierung nach der „Digital Cinema Initiatives“-Spezifikation (DCI) erhalten hat. Ohne diese wäre sie für Kinobetreiber rausgeschmissenes Geld, da für die Vorführung der mit digitalem Rechtemanagement geschützten Kinofilme die Wiedergabekette komplett geschlossen sein muss.
Zum Kasten: „Die gute Bildqualität ist nur ein Abfallprodukt“
Für Kinobetreiber ist schließlich interessant, dass Samsung eine Lebensdauer von mindestens elf Jahren garantiert – bei einem Betrieb rund um die Uhr. Die 500 Euro teuren Xenon-Lampen in den Projektoren muss man hingegen häufig tauschen, wie „Arena“-Chef Edouard Stöckli im Interview erzählt (siehe S. 73). Für unvorhergesehene Ausfälle von LED-Modulen hält Samsung stets Ersatzkästen bereit. Die kann der Kinobetreiber selbst austauschen, muss also keine Firma beauftragen.
Der gute Ton
Der Aufwand geht beim Ton weiter. Bei der Projektion gibt man die Frontkanäle einfach über Lautsprecher wieder, die hinter einer akustisch transparenten Leinwand stehen. Die Bildwand ist dafür nicht durchlässig genug.
Samsung holte sich Hilfe bei der Tochterfirma Harman. Deren Audiospezialisten platzierten am Ende unter der Bildwand einen Satz Subwoofer und über dem Screen Lautsprecher für die Mitten und Höhen. Um beim Zuschauer den Eindruck zu erwecken, der Ton komme auch hier aus dem Bild, griff man zum einen zu psychoakustischen Tricks. Zum anderen werfen auf die vordersten Surround-Boxen montierte Zusatzlautsprecher die Töne der Frontkanäle in Richtung Bildwand, die sie in den Zuschauerraum reflektiert. Statt des Bildes projiziert man nun also den Ton.
Dafür gibt es beim Cinema LED Screen aktuell nicht meinen geliebten 3D-Sound im Dolby-Atmos-Format. Probleme verursachen nicht dessen Deckenlautsprecher, wie mancher vermuten mag. Atmos sieht vielmehr die einzelne Ansteuerung der Surround-Boxen vor, die zudem an den Seiten bis nah an die Leinwand montiert werden – und damit vor den vorderen Surround-Boxen des Harman-Systems.
Würde eine dieser vorderen Surround-Boxen im Atmos-Betrieb lostönen, können die von ihr ausgehenden Schallwellen auf die des Soundprojektors treffen und diese beeinflussen. Samsung bestätigte, dass in einem ungünstigen Fall Dialoge über den Bildschirm wandern; man spreche aber bereits mit Dolby über eine Lösung.
Showtime
Als die Saalbeleuchtung ausgeht, ist die Illusion perfekt: Ich sitze zweifellos in einer Kinovorführung, ein TV-Gefühl kommt nicht auf. Dafür ist das Bild bis in die Ecken scharf und verzerrungsfrei. Die bei Projektionen manchmal zu erkennenden Hotspots gibt es hier nicht mehr.
Bei LED-Wänden aus der Veranstaltungstechnik erkennt man oft mit bloßem Auge die einzelnen Module. Auch bei „The Wall“ sah ich immer mal wieder „Nähte“ im Bild. Bei einer Bildwand für den Kinoeinsatz ist das ein Tabu. Doch so sehr ich mich konzentriere, gelingt es mir beim Cinema LED Screen nicht, einzelne Module oder Kästen zu identifizieren. Informiert über die Soundprojektion achte ich zudem ständig darauf, ob sich nicht doch einmal eine Geräuschquelle an der falschen Position befindet. Doch das System gibt sich keine Blöße; tatsächlich klingt der Ton besser als in vielen anderen Kinosälen.
Im 3D-Modus ist das Bild ebenfalls gut, das befürchtete Ghosting bleibt aus. Vor allem aber ist das stereoskopische Bild trotz Shutterbrille so hell, dass ich das Gucken nicht ermüdet. Das kenne ich so sonst nur von Dolby Cinema. Dort kommen dafür aber auch gleich zwei Laserprojektoren zum Einsatz, die zudem einen komplett freien Lichtweg ohne Filter oder Ähnliches haben.
Die LED-Bildwand läuft bei der Filmwiedergabe hingegen nicht einmal auf vollen Touren. Dann würde sie laut Samsung eine Spitzenhelligkeit von bis zu 500 Candela pro Quadratmeter (cd/m2, auch bekannt als Nits) erreichen, was 146 fL (Foot Lambert) entspricht. Das ist das Zehnfache dessen, was bei 2D-Kinoprojektoren üblich ist (knapp 48 cd/m2, also 14 fL) und immer noch fast das Fünffache des 2D-Wertes von Dolby Cinema (106 cd/m2, also 31 fL).
Für 2D-Vorführungen reicht laut Hersteller rund 230 cd/m2, bei 3D geht man auf 300 cd/m2. Die Leistungsaufnahme der Wand soll dann etwa 4000 Watt betragen – was etwa dem entspricht, was ein Kinoprojektor zieht. Auch die Wärmeentwicklung hält sich in Grenzen; man sitzt also am Ende nicht mit rotem Kopf in den vorderen Reihen. Über Elektrosmog ließe sich natürlich diskutieren.
Die Leistungsreserven stehen für Einsatzzwecke bereit, bei denen der Saal nicht voll abgedunkelt wird. Samsung denkt dabei unter anderem an E-Gaming und spielt deshalb über den HDMI-Anschluss des Systems Szenen aus dem Videospiel „NFL Madden 18“ ein. Das von der Konsole gelieferte Bild ist riesig, sieht aber nicht nach nativem 4K aus. So sind in eingeblendeten Texten leichte Treppenstufen zu erkennen. Die gibt es bei „Pacific Rim Uprising“ glücklicherweise nicht; eine im Film eingeblendete Laufschrift läuft ohne Ruckeln oder Bildartefakte durchs Bild.
Die Sache mit dem Kontrast
Auch das erreichbare Kontrastverhältnis der LED-Bildwand liegt weit über dem gewöhnlicher Kinoprojektoren: Mit Xenon-Lampen kommen sie auf circa 2000:1, mit dem Laser landen sie gewöhnlich bei Werten zwischen 4000:1 und 8000:1. Laut Samsung schlägt der Screen hingegen sogar das für Dolby Cinema angegebene Verhältnis von über 1 Million zu eins.
Die Aussagen von Samsung zum erweiterten Kontrastumfang (High Dynamic Range, HDR) bereiten mir trotzdem Kopfzerbrechen. Schließlich wies Dolby bei der Präsentation von Dolby Cinema seinerzeit darauf hin, dass für die Dolby-Cinema-Auswertung eine spezielle „Dolby Vision“-Fassung angefertigt werden müsse. Samsung verwendet nach eigenen Angaben die gewöhnlichen Digitalkino-Fassungen. Die sind dann aber eben auch auf die Werte der gewöhnlichen Kinoprojektoren (ohne Dolby Vision) ausgerichtet.
Das passt zu meinem Eindruck: Samsungs Cinema LED Screen produziert ein Bild, das die gewöhnliche Kinoprojektion zweiffellos aussticht. Schwarze Bereiche sind wirklich schwarz, helle Bereiche richtig hell. Aber der gezeigte „Pacific Rim“ geht hinsichtlich Kontrast einfach nicht an Grenzen. Ob die Bildwand in einem direkten Vergleich gegen Dolby Cinema als End-zu-End-Lösung tatsächlich als Sieger hervorgehen würde, lässt sich daran alleine nicht entscheiden.
Ich stelle die Frage nach möglichem Qualitätsunterschied zwischen der Bildwand und Dolby Cinema dem Betreiber des Züricher Kinokomplexes Edouard Stöckli. Doch im Interview (auf der nächsten Seite) überrascht mich Stöckli mit der pragmatischen Aussage, dass es ihm schlicht und ergreifend darum gehe, die verhasste Projektionstechnik loszuwerden – und er die Qualität und Möglichkeiten, die der Screen liefert, gerne mitnehme.
Aussicht
Wie viele andere Kinobetreiber nachziehen und ihre Projektoren ebenfalls gegen einen Cinema LED Screen austauschen, hängt sicherlich auch vom Preis ab. Doch zu diesem schweigt sich Samsung auch auf mehrfache Nachfrage beharrlich aus. Von Edouard Stöckli ist lediglich zu hören, dass er sich für die Bildwand „anstelle eines Ferrari“ entschieden habe. Einer dieser Sportwagen dürfte tatsächlich aber nicht reichen: Wie ich im Nachgang zum Termin von zwei unterschiedlichen Quellen hinter vorgehaltener Hand höre, soll die Wand rund 700.000 Euro kosten.
Laut Samsung haben sich bereits weitere Kinobetreiber überzeugen lassen. Bis Ende des Jahres soll das erste deutsche Kino mit einem Cinema LED Screen ausgestattet sein. Ob man dort wie in Zürich keinen Aufschlag für die Vorstellungen auf der neuen Bildwand zahlt, wird sich allerdings zeigen müssen. (nij@ct.de)
Der Autor wurde zu dem Event von Samsung eingeladen; das Unternehmen ist für die Reisekosten aufgekommen.