Ohrschmeichler
Headsets mit guter Musikqualität
Klar, man kann seinen Kopfhörer einfach abnehmen, wenn Anruf oder Zoom anstehen – praktischer aber wäre ein Headset mit gutem Mikrofon und guter Musikwiedergabe. Die Auswahl ist allerdings so gering, dass wir auch Alternativen berücksichtigen.
Gute Kopfhörer gibt es für jeden Musik-, Qualitäts- und Budgetgeschmack, doch in Videokonferenzen erweisen sich die Mikrofone als Schwachstelle: Wenn sie überhaupt welche haben, sitzen sie in den Ohrmuscheln und nehmen auch Hall und viele Umgebungsgeräusche mit auf – die Mikros von älteren Modellen haben zudem ein schmales, aufs reine Telefonieren abgestimmtes Frequenzspektrum. In ruhiger Umgebung klingt man zwar halbwegs verständlich, aber schön ist anders. Besser machts erst ein gutes Mikrofon an einem Arm.
Wichtig ist auch, sich selbst zu hören, sonst ermüdet man schnell und spricht unnatürlich laut. Auch vermeidet man so, dass man das eigene Geklapper mit Stiften, Tassen, Stuhl, Maus und Tastatur selbst nicht wahrnimmt, es aber die Gesprächsteilnehmer nervt. Ein Headset sollte also automatisch bei Anrufen in einen Transparenzmodus wechseln oder in offener Bauweise gefertigt sein. Sich eine Muschel hinters Ohr zu klemmen, funktioniert bei leichten Headsets, die wiederum keine so gute Musikqualität bieten.
Zudem wäre Bluetooth angenehm, um den tollen Hörer nicht für jedes Getränk und Beinevertreten ablegen zu müssen. Nützlich sind dann Lautstärkeregler und Tasten für Start/Stopp/Skip an der Muschel, auch eine Mute-Taste macht einige Situationen angenehmer. Hat man viele Geräte, gewinnt das Headset an Flexibilität, wenn man es auch per Analog- oder USB-Kabel verbinden kann.
Führt man viele Telefonate übers Handy – auch per SIP-Client oder festnetztelefonierend per FritzApp-Fon –, ist eine Bluetooth-Kopplung gleichzeitig an PC und Handy hilfreich. Einige Headsets bieten dann praktischen Komfort: Musik stoppt bei Anrufen auf beiden Geräten und spielt nach dem Auflegen weiter; eingehende Anrufe werden bei laufenden Videokonferenzen automatisch abgewiesen.
Mit Mikrofonarm
Tatsächlich gibt es kaum Headsets mit tollem Klang, die diese Wunschliste erfüllen – da wäre vor allem der Jabra Evolve2 85 (siehe Kasten) ab 300 Euro Straßenpreis. Deutlich besser in jeder Hinsicht klingt der luftiger sitzende Hifiman Ananda BT für 1200 Euro (siehe ausführlicher Test in c’t 6/2021, S. 70). Doch seine Bluetooth-Implementierung ist funktionsarm, der Mikrofonarm klingt schlechter als manches Muschelmikro.
Von den günstigeren Modellen erreicht das Logitech Zone Wireless (siehe Kasten) musikalisch einigermaßen das Niveau von ANC-Kopfhörern um 300 Euro, die wir als klangliches Maß ansetzen. Andere wie Jabra Evolve2 65 mit hervorragenden Bluetooth-Fähigkeiten, Poly Focus oder Sennheiser/Epos MB Pro 2 machen bei Musik weniger Spaß.
Eine Überlegung wert sind Gaming-Headsets, wenn man sich mit deren oft bunten Designs in Videokonferenzen zeigen möchte. Einige gibt es mit Bluetooth und einer zusätzlichen proprietären Funkverbindung zur PS4 oder zur Xbox – und die Xbox-Varianten koppeln sich auch mit einem Windows-PC, wenn man diesen mit dem Xbox-USB-Adapter für etwa 35 Euro bestückt. Besonders ausgefeilte Bluetooth-Funktionen haben sie allerdings nicht, zudem kennen wir kein offenes.
Ein Nachteil aller Bluetooth-Mikrofone sind die komprimierenden Codecs, Sprache klingt je nach Modell und Situation metallen mit unnatürlich schwankender Stimmhöhe. Viele Bluetooth-Headsets lassen sich zwar per USB oder Klinkenbuchse als Audiogerät anschließen, aber wir haben keines gefunden, dessen Mikrofon dabei besser klingt – wenn es per Kabel überhaupt funktioniert.
Ein Ausweg sind direkt per Kabel angeschlossene Headsets. Mit Spitzenmikro und präzisem Klang wartet etwa das Beyerdynamic MMX300 auf – es ist allerdings geschlossen. Offene Kabel-Headsets gibt es im Gaming-Bereich, wobei das Audio Technica ATH-PDG1a überzeugte (siehe c’t 21/2020, S. 112). Beide muss man aber für Handy-Telefonate abnehmen. Eine Alternative wäre das Audeze Mobius (siehe Test in c’t 3/2019, S. 100): USB-C zum Rechner, Bluetooth zum Handy. Es ist aber wieder geschlossen und mit 400 Euro recht teuer, wenn man die Spezialfunktionen wie 3D-Sound nicht benötigt.
Oder doch ohne Arm
Eine weitere Überlegung ist es, das Headset-Mikrofon nur für kurze Gespräche zu nutzen und für wichtige Konferenzen ein externes Mikrofon oder ein an den Kopfhörer anbaubares Steckmikro (siehe S. 72) wie das V-Moda BoomPro oder das Antlion Modmic zu bemühen. Damit man sich dabei selbst hört, gelingt das am besten mit Headsets in offener Bauweise – bauartbedingt haben sie allerdings kein ANC und beschallen das Umfeld mit der eigenen Musik. Sie eignen sich daher eher fürs Homeoffice als für unterwegs.
Will man gleichzeitig Bluetooth, ist die Auswahl gering. Das Grado GW100 (siehe Kasten) wiegt wenig und klingt bassstark und präzise. Eine Alternative ist der luftig sitzende Hifiman Devo BT für 350 Euro, ein Analogkopfhörer mit abnehmbarem Bluetooth-Modul. Er klingt eine Klasse besser und präziser als das Grado, im Subbass etwas schwächer. Allerdings hat das Bluetooth-Modul ein schlechtes Mikrofon, eine kurze Laufzeit, eine störend blinkende LED, keine Lautstärke- oder Skip-Steuerung und koppelt sich nur an ein Gerät; in Videokonferenzen trägt er zudem arg auf.
Fazit
Ein leichtes und robustes Headset mit Spitzenklang, ANC, gutem Mikrofon und zeitgemäßer Bluetooth-Implementierung gibt es nicht. Am ehesten trifft das Jabra Evolve2 85 die Erwartungen. Mit besserem Mikrofon, aber mit Abstrichen bei Klang, ANC und Flexibilität macht sich das Logitech Zone Wireless gut. Zusammen mit einem externen Mikrofon trägt sich vor allem das Grado GW100 über lange Stunden gut.
Als Alternative bleiben geschlossene Kopfhörer mit auf Knopfdruck aktivierbarem Transparenzmodus, die man dann mit einem externen Mikrofon kombiniert; einige ANC-Modelle bieten das. Oder man schließt seinen Lieblingskopfhörer per Analogkabel an ein USB-Mikrofon mit Monitorausgang an, das sich am PC auch als Sounddevice ausgibt und dann den PC-Sound mit der eigenen Stimme mischt und analog an den Kopfhörer ausgibt (siehe S. 68). Doch hat man sich erst an den Komfort moderner Bluetooth-Verbindungen gewohnt, ist das Gestöpsel umständlich. (jow@ct.de)