Das Rätsel der Qualia
Der erste Kontakt mit einer fremden Spezies zeigt, ob ein Forscher wirklich unvoreingenommen ist. Erwartungen und Erfahrungen verstellen den Blick für das völlig Andersartige. Wie würde wohl ein intelligentes Computersystem, das einen Menschen kennenlernt, diesen beschreiben?
Stille umgab Declan, den Expeditionsleiter. Die Lichter auf den Bildschirmen der Landefähre flackerten, aber er hatte die Augen halb geschlossen und wartete.
„Wir sind durch“, rief Morgan. Sie wandte sich zu ihm um und ein Lachen zeigte sich auf ihrem Gesicht. Ihre schwarzen Haare hatte sie mit einem Haarband zusammengebunden und in der geringen Schwerkraft wippten sie langsam auf und ab. „Tiefe: 4870 Meter.“
„Die Wissenschaftler hatten recht“, erwiderte Declan. Am Südpol des Enceladus war die Eisschicht dünner als an jeder anderen Stelle dieses Mondes. Über ihnen hing die beherrschende Scheibe des Saturn. Die Ringe glitzerten im Schein der fernen Sonne.
„Setz die Drohne aus“, befahl Declan. Er erhob sich von seinem Stuhl und bewegte sich auf Morgan zu. Nach der langen Reise in der Schwerelosigkeit behinderte ihn die geringe Schwerkraft mehr, als dass sie ihm half. Enceladus besaß gerade einmal ein Prozent der Erdgravitation.
Am liebsten wäre er im Orbit geblieben und hätte auf die Ergebnisse der Drohnen gewartet. Doch die Expeditionsleitung auf der weit entfernten Erde hatte darauf bestanden, dass Menschen vor Ort waren.
„Drohne E-1 unterwegs“, meldete Morgan. Sie schaute auf den Bildschirm, der nur vollkommene Schwärze zeigte. An den Rändern wurden Texte in grüner Schrift eingeblendet. Der Tiefenmesser der Drohne meldete immer neue Werte.
Declan trat hinter sie und betrachtete, wie sich die Drohne von der Bohröffnung entfernte. Nur ein schmales Kabel verband den Apparat noch mit der Landefähre. Die Drohne war das erste von Menschen geschaffene Objekt, das in den Ozean von Enceladus vorstieß. Niemals zuvor war ein Mensch hier gewesen.
Plötzlich flackerte ein Licht auf dem Bildschirm. Declan stürzte nach vorn und stützte sich auf dem Instrumentenbrett ab. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf den Monitor. Hinter ihm erklangen schnelle Schritte. Auch ohne hinzuschauen, wusste Declan, dass Eric die Zentrale betrat. Der Exobiologe ihrer Expedition fieberte seinem Einsatz entgegen.
„Vielleicht gibt es was für dich zu tun“, flüsterte Morgan und tippte auf einem Tablet herum. Das Bild wechselte und die Aufzeichnung des Phänomens wurde wiederholt. Es war wirklich ein Lichtblitz gewesen, aber leider viel zu weit entfernt, um Einzelheiten zu erkennen.
„Das Radar sagt“, meldete Morgan, „dass sich in drei Kilometer Entfernung etwas befindet.“
„Steuere die Drohne hin“, ordnete Declan an.
Morgan nickte kurz und gab etwas auf dem Tablet ein. Das Bild blieb weiterhin schwarz, aber die eingeblendeten Daten änderten sich.
Wieder flammte das Licht auf, dieses Mal deutlich heller. Es war ein irisierendes Grün, wie Declan es von manchen chemischen Reaktionen kannte.
„Was leuchtet da?“, fragte er.
„Zu wenig Daten“, meldete Morgan. „Die Drohne bewegt sich, so schnell sie kann.“
Die Augenblicke dehnten sich zu Ewigkeiten. Sie hatten auf der Reise von der Erde zum Saturn fast ein Jahr in ihrem Raumschiff verbracht, doch jetzt schien ihm jede Sekunde zu viel zu sein.
Das Licht flammte erneut auf, aber dieses Mal verschwand es nicht wieder. Wie ein Leuchtturm wies es der Drohne den Weg. Ein seltsames Gefühl ergriff Declan. Sollte der Schein eine Einladung sein?
„Noch hundert Meter“, flüsterte Morgan. Sie wandte sich dem Tablet zu, um ein paar Eingaben zu machen.
„Da“, rief Eric. Die blauen Augen des Exobiologen funkelten voller Leidenschaft. „Ich kann es sehen.“
Voller Staunen fixierte Declan das Bild, das sich ihm bot. Das Wesen auf dem Bildschirm schien in mancher Hinsicht einem irdischen Meeresbewohner zu ähneln, aber gleichzeitig war es auch ganz anders. Es besaß einen halbkugelförmigen Körper, aus dessen abgeflachter Seite unzählige Fäden heraustraten. Sie bewegten sich langsam, bogen sich und deuteten in Richtung der Drohnenkamera.
„Eine Qualle“, stieß Eric hervor.
* * *
Das Objekt auf dem Bildschirm schwebte auf und ab. Wie in einem Tanz bewegten sich die Tentakel; mal kamen sie der Kamera näher, mal entfernten sie sich wieder.
Auf der Oberfläche der Qualle entstanden farbige Muster, die aus sich heraus leuchteten. Langsam wechselten die Farben von einem düsteren Rot zu einem hellen Gelb, dann weiter zu einem aquamarinartigen Blau. Ein endloser Reigen von Farben irrlichterte über das Wesen, das vor der Drohne schwamm.
„Sind die Farben eine Form der Kommunikation?“, fragte Declan.
Morgan lachte auf. „Vielleicht ein Hallo.“
Ein strafender Blick von Eric traf sie. Der Exobiologe war anscheinend nicht in der Stimmung für Witze.
„Hat sie recht?“, wiederholte Declan die Frage und schaute Eric dabei an.
„Das ist Blödsinn“, stieß Morgan jetzt hervor. „Licht in einer vollkommen dunklen Umgebung. Wie soll die Evolution das entwickelt haben?“
„Wie hat die Evolution elektrische Signale zur Weiterleitung in Nerven auf der Erde gefunden?“, erwiderte Declan und brachte Morgan damit zum Schweigen.
Eric schob sich nach vorn und zog einen Stuhl heran. Langsam ließ er sich darauf nieder, um sich über den Bildschirm zu beugen. Nach einigen Augenblicken fassungslosen Staunens tippte er auf dem Tablet herum, das er sich genommen hatte.
Als Reaktion erschienen auf dem Bildschirm Lichtblitze, die sich in rhythmischen Folgen wiederholten. Die Qualle entfernte sich zunächst und stellte jedes Farbenspiel ein. Grau schwebte sie in einiger Entfernung, aber schon kurz darauf erwiderte sie die Signale. Zuerst war es ein Aufleuchten, dann waren es zwei, drei, fünf, sieben, bis das Blinken sich so schnell wiederholte, dass Declan mit dem Zählen nicht mehr nachkam.
„Was tust du da?“, fragte Declan, obwohl er eine Ahnung hatte.
„Primzahlen“, erwiderte Eric. „Eine sehr einfache Übung.“
„Und welchen Sinn soll das haben?“
Eric wandte sich um. In seinem Gesicht stand Unglaube. „Ich will beweisen, dass die Qualle Verständnis für Mathematik hat.“
„Vielleicht ist sie nur das Äquivalent zu einem Hund?“, meinte Morgan. „Dann kannst du die Zahlen so oft zeigen, wie du willst.“
Ein breites Grinsen erschien auf Erics Lippen. „Die Qualle hat bereits geantwortet.“
Über Declans Rücken lief ein kalter Schauer. Sie waren Millionen Kilometer von der Erde entfernt, ganz auf sich allein gestellt, und der Mond draußen war zugefroren. Zerklüftete Eishänge glitzerten im Licht des Saturn. Lebensfeindlicher konnte eine Umgebung kaum sein, doch ihr Kontakt im Ozean unter der Eisschicht lebte zweifellos.
Wieder und wieder änderte Eric die Einstellungen. Als Reaktion flimmerten andere Lichter über den Bildschirm. Der Exobiologe schien in seiner Arbeit aufzugehen. Nichts und niemand konnte ihn stören.
Wortlos erhob sich Declan und ging zu Morgan. „Kleine Pause?“
Nach einem letzten Blick auf Eric stand Morgan auf. Sie nickte Declan zu. „Lass uns gehen.“
Declan ging durch den Korridor und dann in den winzigen Raum, der sich daran anschloss. Hier waren ihre Essensvorräte gelagert, aber Morgan schien keinen Hunger zu haben, sondern setzte sich nur auf eine Kiste. „Was machen wir, wenn das Ding intelligent ist?“
Auf der Erde hatten sie alle möglichen Szenarien durchgespielt. Wie sollten sie sich verhalten, wenn fremde Wesen sie ignorierten? Wie sollten sie Angriffe abwehren? Eine Unzahl von Übungen fiel Declan ein, an die er sich nur bruchstückhaft erinnern konnte.
„Lass uns erst mal abwarten“, flüsterte Declan und setzte sich ebenfalls. Er griff nach einer Wasserflasche. Nach einem Schluck lehnte er sich zurück, um die Augen zu schließen.
„Unglaublich“, rief Eric plötzlich und riss Declan aus seinem Halbschlaf. Declan schreckte auf, die Wasserflasche fiel langsam zu Boden, viel langsamer als auf der Erde.
„Was ist denn?“, fragte Morgan genervt. Eric hatte seinen Kopf in den Vorratsraum gereckt und strahlte sie glücklich an.
„Ich weiß nicht, wie die Qualle es macht“, erklärte Eric, „aber sie kann eine Zahl schneller in ihre Primfaktoren zerlegen als unser Bordrechner.“
„Was?“ Verwirrung lag in Declans Stimme.
„Die Primzahlen“, stieß Eric hervor. „Die Qualle kann eine Zahl schneller in ihre Primfaktoren zerlegen als unser bester Rechner.“
Fassungslos starrte Declan den Exobiologen an. Die Primfaktorzerlegung war die Grundlage für alle Verschlüsselungsverfahren auf der Erde, und die Qualität eines Algorithmus basierte darauf, wie viel Zeit er in Anspruch nahm. „Wie schnell?“
Eric zuckte mit den Schultern. „Ich kann nicht feststellen, welche Zeit die Qualle benötigt. Das Ergebnis kommt sofort, nachdem ich die Aufgabe gestellt habe.“
* * *
„Wir müssen uns unterhalten“, rief Eric und warf das Tablet auf die Ablage.
Declan musterte den Exobiologen. Während der letzten Stunden war der immer leiser geworden, aber Declan hatte sich gesagt, dass er ihn besser in Ruhe arbeiten ließ. Auf dem Bildschirm tanzte noch immer eine Qualle im Vordergrund, etliche weitere bewegten sich im Hintergrund. Mitten im dunklen Ozean unter dem Eispanzer des Enceladus hatten sich, wie es schien, mehrere Vertreter der Art getroffen, der sie begegnet waren.
„Was hast du denn?“, fragte Declan.
„Komm mal her“, flüsterte Eric.
Declan kam der Aufforderung nach und setzte sich neben Eric, der mit dem Finger auf den Bildschirm wies. Neben dem Bild der Kamera gab es ein Fenster, das Text darstellte. Was dort stand, war aber zu klein, als dass Declan es stehend hätte lesen können.
„Ich habe der Qualle die Grundlagen unserer Sprache beigebracht“, erklärte Eric.
„So schnell?“, stieß Declan überrascht hervor. Seit ihrer Entdeckung war erst ein Tag vergangen.
„Diese Dinger saugen das Wissen wie ein Schwamm auf“, meinte Eric mit ernster Stimme. „Wenn ich einmal eine Definition eingeführt habe, dann kann ich sie ab diesem Zeitpunkt immer verwenden. Die Qualle vergisst offenbar nichts.“
Fasziniert starrte Declan das Lebewesen an. Alles deutete darauf hin, dass es eher ein riesiger Rechner war, eine künstliche Recheneinheit. Ein ungutes Gefühl stieg in Declan auf. „Und was willst du mir jetzt zeigen?“
„Pass auf.“ Mit dem Finger deutete Eric auf das Fenster, bevor er sich dem Tablet widmete und Zeichen eintippte.
Hallo, erschien auf dem Schirm.
Hallo, kam die Antwort.
Eric: Was ist eine Primzahl?
Qualle: Eine nur durch sich selbst und 1 teilbare Zahl.
Eric: Was ist Pi?
Qualle: Pi ist eine mathematische Konstante, die als Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser definiert ist.
„Mathematisches Grundlagenwissen“, meinte Declan. „Was willst du mir damit zeigen?“
„Dass dieses Wesen ein sehr gutes Verständnis von der Welt im mathematischen Sinne hat.“ Eric tippte wieder auf dem Tablet.
Eric: Ich bin Eric. Wer bist du?
Neugierig wartete Declan auf die Antwort, aber eine endlose Zeit verging. Dann endlich erschienen Buchstaben auf dem Schirm.
Qualle: Berechnungen im Chaos.
„Das ist Blödsinn“, sagte Declan und schaute vom Bildschirm auf. Eric war genau wie er über den Bildschirm gebeugt.
„Probier es noch einmal“, schlug Declan vor.
Eric schüttelte nur den Kopf. „Ich habe alles probiert. Sobald ich Begriffe wie ich und du verwende, wird die ganze Unterhaltung abstrus.“
„Abstrus?“
„Ich weiß kein besseres Wort dafür“, erwiderte Eric. „Ich fürchte fast, dass die Qualle nichts von dem begreift, was ich mit ‚ich‘ oder ‚du‘ meine.“
Declan überlegte. Sein Blick wanderte zum Textfenster. Dort waren noch immer die Zeilen zu sehen, die mathematische Fähigkeiten bewiesen. Sichtbar blieb aber auch der letzte Satz, der vollkommen sinnlos war.
Langsam setzte er sich an das Tablet, über das Eingaben gemacht werden konnten.
Declan: Beschreibe mir die Welt.
Qualle: Wasser, fünf autonome Einheiten und ein Fremdkörper, teilweise zum Austausch von Informationen fähig.
Declan: Beschreibe mir die Einheit, die kommuniziert.
Qualle: Zehn Berechnungszentren, mittlere Berechnungskapazität, vollständige Gliedmaßen, voll funktional.
„Das hört sich an wie der Statusbericht eines Computers“, warf Morgan ein.
Declan: Was bedeutet die Kommunikation mit dem Fremdkörper für die kommunizierende Einheit?
Qualle: Eine Aufgabe, die erledigt werden muss.
„Kein subjektiver Erlebnisgehalt“, murmelte Declan. Unter den Lektionen, die sie vor ihrer Expedition erhalten hatten, drehten einige sich darum, was sie zu tun hatten, wenn sie auf intelligentes Leben stießen. Um Leben handelte es sich hier zweifellos, aber die Frage war, ob die Qualle intelligent war. Ganz gewiss war sie in der Lage, Berechnungen anzustellen. Das bedeutete, dass sie wie ein Computer alle Eingabesignale verarbeiten konnte.
„Wie wird das Wort ‚ich‘ übersetzt?“, fragte Declan.
Überrascht starrte Eric ihn an. „Was meinst du?“
„Du hast einen gemeinsamen Wortschatz mit dem Wesen definiert“, fügte Declan hinzu. „Wie hast du ‚ich‘ dabei verwendet?“
„Es ist kompliziert“, meinte Eric. „Ich bin auf Bilder ausgewichen. Bilder von der Qualle. Es schien mir das Beste, keine Abstraktionen einzuführen.“
„Also genau dasselbe, als wenn du einem Affen einen Spiegel vorhältst und er sich darin erkennen muss?“
Eric nickte. Beide kannten die Experimente. Einem Affen wurde ein Spiegel vorgehalten und nach kurzer Zeit erkannte er sich selbst darin wieder. Weniger intelligente Tiere griffen ihr eigenes Spiegelbild an oder zeigten unterwürfige Gesten. Nur ab der Intelligenzstufe eines Affen erkannten Tiere sich selbst im Spiegel wieder.
„Dann haben wir ein Tier vor uns, das in der Lage ist, Primfaktorzerlegungen vorzunehmen“, stellte Declan sarkastisch fest.
Die Antwort von Eric war ein langsames Kopfschütteln. „Die Qualle ist keine Inselbegabung, was mathematische Fähigkeiten angeht. Ich kann sie auch nach Chemie fragen. Die Qualle hat mir chemische Verbindungen genannt, die ich zur Erde funken musste, um zu überprüfen, ob sich die Elemente wirklich so zusammensetzen können.“
„Also ein hochfunktionales Tier?“
„Ich hatte eine andere Idee“, sagte Eric mit brüchiger Stimme.
Schweigen setzte ein. Auf dem Bildschirm sah man, wie die Qualle schwamm und sich von Zeit zu Zeit der Drohnenkamera näherte. Manchmal setzte sie sich nach hinten ab, sodass nur noch ein schwacher Lichtfleck auf ihre Anwesenheit hinwies. Ruhige Lichtmuster wanderten über die Oberfläche.
„Was für eine Idee?“
Eric drehte sich vollständig zu Declan um und musterte ihn durchdringend. „Kennst du den Turing-Test?“
„Wie jeder andere auch“, antwortete Eric. „Die Qualle würde ihn nicht bestehen. Aufgrund des Dialogs mit ihr würde ich niemals annehmen, dass sie ein Mensch ist.“
„Das meine ich nicht.“ Eric dachte nach. „Ich meine, dass der Turing-Test ein Gegenüber testet, ohne dass man es kennt.“
„Was hilft uns das?“
„Es gibt ähnliche Tests“, meinte Eric. „Einer davon ist der Metzinger-Test.“
Jetzt starrte Declan den Exobiologen an.
„Der Test soll beurteilen“, erklärte Eric, „ob jemand ein Bewusstsein hat.“
„Und das Ergebnis?“, fragte Declan leise, obwohl er sich denken konnte, worauf es hinauslief.
„Zu einem Bewusstsein gehört ein Verständnis der Welt, ein Weltmodell“, erklärte Eric.
„Das hat unser Besucher wohl“, antwortete Declan.
Eric nickte zustimmend. „Aber es gehört auch ein Selbstmodell dazu. Wenn die Qualle sich nicht selbst wiedererkennt, kann sie kaum ein Bild von sich selbst in das Modell der Welt eingefügt haben.“ Eine kurze Pause folgte. „Es gibt in der Philosophie des Geistes das sogenannte Qualiaproblem. Es betrifft den subjektiven Erkenntnisgehalt eines mentalen Zustands. Bei der Qualle geht dieser Gehalt wohl gegen Null.“
„Dann ist die Qualle intelligent, aber sich ihrer selbst nicht bewusst?“
„So sieht es aus“, erwiderte Eric. „Die Qualle hat keine subjektive Bindung zu unserer Kommunikation.“
„Nur Intellekt, aber kein Bewusstsein?“
Eric schwieg, aber sein Gesicht brachte zum Ausdruck, dass es keine andere Antwort geben konnte. Das Wesen vor ihnen war hochfunktional, konnte in der Welt alle Aufgaben erledigen, aber es besaß kein Verständnis von sich selbst.
Declans Stimme ging in ein Flüstern über. „Wesen, die sich ihrer selbst nicht bewusst sind.“
* * *
„Komm her“, rief Morgan, die vor dem Bildschirm saß und gerade in ihrer undefinierbaren Mahlzeit auf einem Teller herumstocherte. Die Nahrung an Bord eines Raumschiffes hatte noch nie besonders appetitlich ausgesehen.
Declan schreckte hoch und ging auf das Bild ihres außerirdischen Freundes zu. Auf dem Schirm war noch immer die Qualle zu sehen, aber dieses Mal waren auch andere Gestalten deutlich im Blickfeld zu sehen. Ihre langen Tentakel hielten die Qualle, die sie schon kannten, in der Mitte fest.
„Was tun sie da?“, fragte Declan.
„Wenn ich das wüsste“, erwiderte Morgan, „hätte ich dich nicht gerufen.“
Die Qualle in der Mitte konnte sich nicht bewegen. All ihre Extremitäten waren fixiert und der Hauptkörper wurde von zwei Artgenossen festgehalten.
Plötzlich blitzte etwas auf. Es war ein Stück Metall, das das Licht der Scheinwerfer reflektiert hatte. Jetzt war deutlich zu sehen, dass das Ding lang und sehr gut von einem Tentakel zu handhaben war.
„Ein Messer?“, fragte Eric hinter Declan. Der Exobiologe hatte sich leise genähert.
„Zumindest ein Werkzeug“, meinte Declan.
In einer blitzschnellen Bewegung zuckte die Metallplatte nach unten und grub sich in den Körper der Qualle. Über die Oberfläche irrlichterten wieder die verschiedensten Farbmuster. In der Umklammerung, in der das Opfer steckte, zuckten seine Tentakel wild hin und her.
„Was tun sie?“, rief Morgan halb in Panik. Sie drehte sich zu Declan um.
Auch der Leiter der Expedition konnte sich des ersten Eindrucks nicht erwehren. Die Handlung der anderen Wesen schien eine Hinrichtung zu sein. Dasjenige, das am meisten mit ihnen kommuniziert hatte und das sie zuerst getroffen hatten, wurde getötet.
Eric stürmte zur Tastatur und tippte seine Frage in den Rechner.
Eric: Was geschieht hier?
Ein Quallenwesen schob sich in den Vordergrund und blieb ruhig neben dem aufgetrennten Artgenossen stehen.
Qualle: Lernmaterial. Analyse des inneren Aufbaus.
„Sie haben es für uns getötet“, meinte Eric.
Die Erklärung leuchtete Declan ein. In der Zwischenzeit schoben die Quallen die zerteilten Überreste ihres ehemaligen Übersetzers direkt vor die Kamera. Die Strukturen innerhalb des fremden Körpers glichen nicht ansatzweise irgendeinem Lebewesen auf der Erde. An vielen Stellen gab es glitzernde Stellen, die das Licht in allen Farben des Regenbogens reflektierten. Winzige Bündel wie aus Glas ragten aus dem Fleisch des Wesens.
„Schau nur.“ Eric legte seinen Finger auf den Schirm, direkt neben eine der Strukturen. „Das muss eine der Hauptsteuereinheiten sein.“
„Steuereinheiten?“, warf Morgan ein. „Dann ist es doch ein Computer?“
„Es sieht so aus, als sei der Übergang fließend.“
Während des nächsten halben Tages wurde die Qualle weiter und weiter zerlegt, bis nur noch Stücke von der Größe einer Faust übrigblieben. Wie gebannt starrte Morgan auf das Schauspiel, aber nach den ersten Augenblicken des Abscheus hatte sie angefangen, Notizen und Fotos zu machen.
Dann endlich hörte der Seziervorgang auf und die Teile trieben davon. Es blieb nur eine Gruppe von vier Quallen übrig, die sich im Halbkreis um die Drohne sammelten.
Plötzlich flimmerten Lichter über die Haut des einen.
Qualle: Jetzt eine der neuen, unbekannten Einheiten.
Voll Schreck starrte Declan den Schirm an. Wenn er es richtig verstanden hatte, dann sollten sie einen auswählen, der sich ebenfalls in Stücke zerlegen lassen würde.
Für eine gefühlte Ewigkeit herrschte Schweigen.
„Was jetzt?“, fragte Morgan.
„Hol die Drohne zurück“, befahl Declan.
„Das geht nicht“, schrie Eric. „Sie haben einen der Ihren zerteilt.“
„Der sich seiner selbst nicht bewusst ist“, erwiderte Declan erregt.
„Das spielt keine Rolle“, meinte Eric. „Ein Zeichen bleibt ein Zeichen. Sie wollen uns mehr Informationen von sich geben.“
„Dann opferst du dich freiwillig?“
Stille herrschte in der Zelle der Landefähre. Niemand sprach ein Wort. Die Lektionen über Erstkontakte hatten niemals darüber gesprochen, was sie tun sollten, wenn sie zum Selbstmord aufgefordert wurden.
Eine der Quallen kam noch näher an die Kamera heran. Jetzt füllte ihre Oberfläche fast den ganzen Schirm. Farbmuster in Düsterrot und Himmelblau wechselten sich ab.
Qualle: Treffen in drei Zeiteinheiten durch den Kanal.
Ein eisiger Schauer lief Declan über den Rücken. Die Wesen machten sich auf den Weg, sie zu besuchen.
„Start“, hauchte Declan. (psz@ct.de)