c't 13/2021
S. 92
Test & Beratung
Android-Smartphone

Riesenauge

Android-Smartphone Xiaomi Mi 11 Ultra

Die Bildsensoren in Smartphones werden immer größer. Im Xiaomi Mi 11 Ultra steckt der derzeit größte mit 1/1,12 Zoll. ­Außerdem punktet das Smartphone mit einem überraschend brauchbaren Gimmick – einem Mini-Display auf der Rückseite.

Von Robin Brand

Dicke Kamerabuckel auf der Smartphone-Rückseite sind keine Seltenheit: Xiaomi geht mit dem Mi 11 Ultra einen Schritt weiter. Das riesige Kameramodul sitzt nicht nahe des Rands wie bei vielen anderen Smartphones, sondern bedeckt mittig fast das gesamte obere Drittel der Rückseite. Die Größe kommt nicht von ungefähr: Xiaomi hat darin einen der größten Smartphone-Sensoren (1/1,12 Zoll) und ein zusätzliches Mini-Display untergebracht.

Ansonsten ist das Mi 11 Ultra ähnlich ausgestattet wie das Mi 11 [1], weshalb wir auf die restliche Technik nur am Rande eingehen. Interessant ist das Ultra vor allem wegen seines für Smartphone-Verhältnisse riesigen Samsung-Sensors für die weitwinklige Hauptkamera (24 Millimeter Kleinbildäquivalent). Kein anderes hierzulande erhältliches Smartphone setzt auf einen so großen Sensor. Kurz vor Redaktionsschluss hat Sharp mit dem Aquos R6 gar ein Smartphone mit 1-Zoll-Sensor angekündigt – allerdings exklusiv für Japan.

Bemerkenswert ist, dass der Isocell GN2 getaufte Sensor im Xiaomi nicht mit 100 Megapixeln bepackt ist wie die etwas kleineren Sensoren (1/1,33 Zoll), die Samsung in seine eigenen High-End-Smartphones verpflanzt. Der Vorteil, dass sich nur 50 MPixel auf dem Sensor tummeln: Je größer die Pixel, desto mehr Photonen können sie während der kurzen Verschlussöffnung sammeln. Die Sensor-Pixel auf dem GN2 messen 1,4 Mikrometer Kantenlänge. Zum Vergleich: Jene auf dem Samsung-Sensor sind mit 0,8 Mikrometern bedeutend kleiner. Um die Lichtausbeute weiter zu erhöhen, schaltet die Software des Xiaomi standardmäßig vier Pixel zusammen. Das Objektiv ist mit ƒ/2 etwas lichtschwächer als das von Samsungs Hauptkamera (ƒ/1,8).

Die weiteren Kameras sind ein 48-MP-Ultra-Weitwinkel (12 mm KB, ƒ/2,2) und eine Telefoto-Kamera (120 mm KB, ƒ/4,1) mit ebenfalls 48 Megapixeln. Eine Frontkamera ist zwar ebenfalls an Bord, aber genau diese soll man gar nicht zwingend benutzen müssen: Auf der Rückseite neben der Triple-Cam sitzt ein 1,1 Zoll kleines AMOLED-Display, das unter anderem als Anzeige für Selfie-Aufnahmen mit der Hauptkamera benutzt werden kann. Außer der Live-Preview für Selfie-Aufnahmen kann es die Uhrzeit oder Benachrichtigungen darstellen.

Praxis

Abseits der schnöden Zahlen schießt die Hauptkamera in der Standardeinstellung, in der vier Pixel zusammengelegt werden, insgesamt ansprechende Fotos mit vielen Details und plastischen Strukturen. Frei von Schwächen ist die Kamera aber nicht. Die Farben erscheinen im Vergleich mit Apple iPhone 12 Pro, Google Pixel 4a und Samsung Galaxy S21 Ultra etwas matt. Kontraste betont das Xiaomi zu stark. So gehen Details und Strukturen in dunklen Bildpartien verloren. Dunkelbraune oder -grüne Töne kippen mitunter ins Schwarze, zum Beispiel war die Holzmaserung eines vor hellem Hintergrund fotografierten Baumes auf einem unserer Testfotos nicht mehr zu erkennen. Allerdings: Andere Smartphones kämpfen in dieser anspruchsvollen Szenerie mit ähnlichen Problemen.

Deutlich mehr zu sehen gibt es, wenn man Fotos in voller Auflösung schießt. Das bietet sich vor allem dann an, wenn keine Bewegung im Bild ist, zum Beispiel bei Landschaftsfotografien. Lichteten wir ein Waldpanorama ab, ließen sich einzelne Äste auf den 50-Megapixel-Fotos deutlich besser erkennen, als wenn wir mit der Standardeinstellung fotografierten. Hier spielt das Xiaomi seine Stärke aus.

Gute, aber keine Bestnoten gibt es für die Fotografie im Dunkeln. Auch bei schummrigen Verhältnissen – 5 Lux im Labor – bannt das Xiaomi noch einige Details auf das Foto. Zumindest ein Stillleben lässt sich so noch fotografieren. Bei düsteren 0,5 Lux war das nicht mehr möglich. Wer auf künstlich aufgehellte Motive in nächtlichem Ambiente steht, greift also besser zum aktuellen iPhone, zu den Google Pixels oder zu Samsungs S21-Serie.

Der Porträtmodus arbeitet sauber und stellt Gesichter akkurat frei. Auch bei wilden Haarmähnen leistet sich das Xiaomi keine gröberen Patzer. Überraschend praktisch ist das kleine Display, in dem sich Fotografierte selbst sehen können. High-End-­Ansprüchen nicht gerecht wird dagegen die Ultra-Weitwinkelkamera. Auf dem Smartphone-Screen betrachtet wissen die Motive zwar zu gefallen. Vergrößert man jedoch in das Geschehen hinein, erkennt man, dass dieses meist unschön vermatscht wiedergegeben wird. Konkurrenten wie das OnePlus 9 Pro machen das besser.

Fotografiert man mit dem Mi 11 Ultra in voller Auflösung, zeigt es viele Details und ist scharf bis in den Randbereich hinein (1). Durch die erhöhten Kon­traste gehen allerdings Strukturen in dunklen (Nähgarn, 2) und hellen (weißer Farbklecks, 3) Bildpartien verloren.

Auf ein spektakuläres Zehnfach-Tele, wie es Huawei oder Samsung für ihre Top-­Smartphones verwenden, muss die Xia­omi-Kundschaft verzichten. Das Tele fotografiert in der kleinbildäquivalenten Brennweite von 120 Millimetern – und das bei guten Lichtbedingungen durchaus zufriedenstellend. Ab etwa 20 Lux werden die Ergebnisse sichtbar glattgerechnet.

Abgesehen von der Kamera unterscheidet sich das Ultra nur leicht vom Schwestermodell Mi 11. Der Akku ist etwas größer, es läuft ein wenig länger und lädt noch schneller – und drahtlos sogar mit bis zu 67 Watt mit einem separat erhältlichen Lader. Außerdem ist es nach IP68-Standard gegen Wasser und Staub geschützt.

Fazit

Xiaomi gelingt es mit dem Mi 11 Ultra trotz großem 1/1,12-Zoll-Sensor nicht, die Smartphone-Fotografie auf ein neues Level zu hieven. Die Kamera macht schöne Fotos und wird Oberklasse-Ansprüchen gerecht, ohne Maßstäbe zu setzen. Die kleinen Optiken bleiben ein limitierender Faktor, die Software haben Konkurrenten wie Google mindestens genauso gut im Griff. Als Smartphone mit Vollausstattung, guter Kamera und einem überraschend brauchbaren Gimmick – dem Display auf der Rückseite – ist das Mi Ultra dennoch eine Empfehlung wert, liegt aber mit 1200 Euro auch preislich auf Niveau etwa eines Galaxy S21 Ultra. Wer auf Minidisplay und Telekamera verzichtet, spart mit dem regulären Mi 11 400 Euro. (rbr@ct.de)

Xiaomi Mi 11 Ultra
Android-Smartphone
Betriebssystem / Sicherheitspatch Android 11 / März 2021
Ausstattung
Prozessor / Kerne × Takt / GPU Qualcomm Snapdragon 888 / 1 × 2,8 GHz, 3 × 2,4 GHz, 4 × 1,8 GHz / Adreno 660
RAM / Flash-Speicher (frei) / Kartenslot 12 GByte / 256 GByte (230 GByte) / –
5G: DSS / Band 1 / 28 / 77 / 78 / 260 / 261 ✓ / ✓ / ✓ / ✓ / ✓ / – / –
LTE (Band 1 / 3 / 7 / 8 / 20 / 28 / 32) / SIM / Dual-SIM LTE-A Pro (✓ / ✓ / ✓ / ✓ / ✓ / ✓ / ✓) / nanoSIM / ✓
WLAN (Antennen) / Bluetooth / NFC / Kompass / Standortbestimmung Wi-Fi 6 (2) / 5.2 / ✓ / ✓ / GPS, Glonass, Beidou, Galileo
USB-Anschluss / Kopfhöreranschluss / Benachrichtigungs-LED USB-C 3.1, OTG, kein DP / – / –
Akku / Drahtlosladen 5000 mAh / ✓ (bis 67 Watt)
Abmessungen / Gewicht / Schutzklasse 16,4 cm × 7,5 cm × 1,29 cm / 234 g / ✓ (IP68)
Display
Diagonale / Technik / Bildwiederholrate 6,8 Zoll / OLED / 120 Hz
Helligkeitsregelbereich / Ausleuchtung 1,95 ... 1140 cd/m2 / 97,9 %
Auflösung / Punktdichte 3200 × 1440 Pixel / 514 dpi
Kamera
Hauptkamera Auflösung / Blende / OIS / Brennweite KB / Sensorgröße 50 MP / ƒ/2 / ✓ / 24 mm / 1/1,12"
Telekamera Auflösung / Blende / OIS / Brennweite KB / Sensorgröße 48 MP / ƒ/4,1 / ✓ / 120 mm / 1/2,0"
Ultra-Weitwinkel Auflösung / Blende / OIS / Brennweite KB / Sensorgröße 48 MP / ƒ/2,2 / – / 12 mm / 1/2,0"
Frontkamera Auflösung / Blende / OIS / Brennweite KB / Sensorgröße 20,1 MP / ƒ/2,3 / – / 27 mm / 1/3,4"
Messungen, Laufzeiten, Benchmarks
Laufzeiten bei 200 cd/m2 Helligkeit 13,9 h lokales Video / 10,7 h 3D-Spiel / 10,2 h 4K/120fps Video / 13,1 h Videostream
Ladezeit 50 % / 100 % 14 min / 35 min
Coremark Single, Multi / Geekbench 5 Single, Multi 22697, 100756 / 903, 3134
3DMark Wild Life / Wild Life Extreme 5664 / 1501
Preis 1199 €
✓ vorhanden – nicht vorhanden

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