Angezogene Handbremse
Apple iPad Pro 12,9" mit M1-Chip und Mini-LED-Display
Das neue iPad Pro nutzt erstmals Apples M1-Prozessor, der sonst die aktuellen Macs und MacBooks antreibt. Das weckt hohe Erwartungen an das Tablet.
Beim 2020er-Modell des iPad Pro empfahl sich noch ein Blick aufs Datenblatt, um die Veränderungen zum Vorgänger auszumachen. Beim neuen iPad Pro, zumindest bei der von uns getesteten 12,9-Zoll-Ausführung, ist der Sprung von der vorherigen Generation hingegen im Sinne des Wortes deutlich sichtbar – dank neuem „Liquid Retina XDR Display“.
Hierbei handelt es sich immer noch um ein IPS-Panel und nicht etwa um ein OLED, jedoch erschafft eine Hintergrundbeleuchtung aus Mini-LEDs 2596 lokale Dimming-Zonen. Apple verspricht bei der HDR-Wiedergabe so einen Kontrast von 1.000.000 zu 1 und eine Spitzenhelligkeit von 1600 cd/m2. Tatsächlich konnten wir im Labor 1400 cd/m2 messen – ein Wert, an den aktuell kein anderes Mobilgerät herankommt. Der hohe Kontrastwert ergibt sich, weil die Backlight-LEDs an schwarzen Inhalten ausgeschaltet werden.
Der Unterschied zum iPad mit gewöhnlichem IPS-Panel ist bei HDR-Bildern mit bloßem Auge zu erkennen: Beispielsweise sticht auf dem neuen Display die Sonne in einem durch einen dunklen Gang gefilmten Himmel richtig hervor, während die Konturen der Wolken deutlich sichtbar sind. Dass das iPad Pro 12,9" nun 100 Euro mehr kostet als der Vorgänger – der Einstiegspreis liegt laut Liste bei 1200 Euro –, ist da zu verkraften. Wie gehabt erneuert das Panel Bildinhalte mit bis zu 120 Hertz, die Software passt die Bildwiederholrate automatisch an, um Strom zu sparen.
Einen Nachteil durch die Dimming-Zonen konnten wir nicht feststellen. Die üblicherweise bei TVs mit dieser Technik einhergehenden Aufhellungen um Buchstaben halten sich in Grenzen und sind bei gewöhnlicher Beleuchtung nicht zu sehen. Das Onlinemagazin The Verge berichtet von grauen Dunstwolken, die beispielsweise in der Kindle-App an weißen Textblöcken vor schwarzem Hintergrund zu sehen seien. Bei uns trat dieses Phänomen nicht auf.
Die große Bühne
Als weitere neue Funktion sticht „Center Stage“ positiv hinaus, die Nutzer bei Videocalls durch Zoomen und Zuschneiden des Bildes automatisch in der Mitte hält – und es so ermöglicht, sich recht frei vor dem iPad zu bewegen, also etwa von einem Stuhl aufzustehen und etwas an einer Tafel zu zeigen. Bei FaceTime funktioniert das richtig gut.
Erfreulicherweise macht Apple Center Stage auch für Apps von Drittanbietern verfügbar, sodass auch Konferenzsysteme wie Zoom und WebEx es nutzen können. Ebenso werden Videoprogramme wie Filmic die Funktion integrieren, was nicht zuletzt Videoblogger schätzen dürften.
Eine weitere Attraktion des neuen iPad Pro (in der 12,9- wie in der 11-Zoll-Version) ist die aus neuen Macs und MacBooks bekannte 8Core-CPU M1. Ihr zur Seite stehen eine 8-Core-GPU und eine „Neural Engine“ mit 16 Kernen. Mehr bieten auch das MacBook Air und das MacBook Pro mit M1 nicht. Bei allen liegt der maximale Arbeitstakt bei 3,2 GHz.
Die Rechengeschwindigkeit kann sich mehr als sehen lassen: Kamen das 2020er-Modelle des iPad 12,9" beim Geekbech-5-Multicore auf 4690 Punkte, schnellt das neue Modell auf 7261 Punkte hoch. Das ist mehr als die doppelte Rechenleistung, die Samsungs Spitzen-Tablet Galaxy S7+ im Mehrkernbetrieb erreicht (2981). Auch die Verbesserung im Grafikbereich ist beachtlich: 3D-Mark Ice Storm Unlimited attestiert einen Leistungssprung von mehr als 20 Prozent.
Auch bei RAM und Speicher hat das Tablet mit den Notebooks gleichgezogen: War beim iPad Pro bislang mit 6 GByte Haupt- beziehungsweise 1 TByte Flashspeicher das Maximum erreicht, bekommt man nun wie beim MacBook Air & Pro mit M1 bis zu 16 GByte RAM und 2 TByte Speicher. Für diese Vollausstattung braucht man allerdings tiefe Taschen: Satte 2409 Euro kostet das iPad Pro 12,9" dann schon in der reinen WLAN-Ausführung, 2579 Euro die „Wi-Fi + Cellular“-Fassung (endlich mit 5G-Mobilfunk). Rechnet man das Magic Keyboard für 399 Euro hinzu, ist das Tablet teurer als das MacBook Pro 13".
Immer noch ein Tablet
Wer hofft, dass das neue iPad Pro dank M1-Chip auch macOS-Programme ausführt, wird enttäuscht: Apple hält trotz M1-Chip an iPadOS und dessen Apps fest – und stellt auch keine Dual-Boot-Funktion in Aussicht, die Wahlfreiheit zwischen beiden Betriebssystemen bringen würde.
Schön ist es, dass sich über den USB-C-Port nun Thunderbolt-Geräte nutzen lassen: Wir konnten im Test problemlos Mäuse, Tastaturen und Monitore über Docks mit Thunderbolt 2, 3 und 4 nutzen, nur eine Webcam zickte. Doch hier wird iPadOS aktuell zum Hemmschuh, da es keine Einstellungen bietet, um ein Audio-Ausgabegerät zu wählen: Hängt am iPad eine externe Soundkarte, schaltet es seine internen Lautsprecher unweigerlich stumm.
Am USB-C-Port lässt sich über Thunderbolt auch ein 5K-Display anschließen, aber nur wenige Programme nutzen den externen Bildschirm voll aus. In der Regel wird das Bild des Tablets nur gespiegelt – und mit schwarzen Balken versehen, um es an das Format des Displays anzupassen.
Schließlich erhält man bei der Nutzung einer Maus weiterhin statt eines Mauszeigers einen Punkt, der kein pixelgenaues Arbeiten erlaubt. Ganz zu schweigen davon, dass es nicht für jedes macOS-Programm eine entsprechende iOS-App gibt.
Alternativen sind rar
Abgesehen von Display, SoC und 5G-Funk hat sich im Vergleich zum Vorgänger wenig verändert. Das rückwärtige Kamerasystem besteht weiterhin aus einem 12-Megapixel-Weitwinkel (ƒ/1,8) und einem 10-Megapixel-Ultraweitwinkel (ƒ/2,4) mit einem Bildwinkel von 125°. Auch auf der Vorderseite setzt Apple nun einen Ultra-Weitwinkel (12 Megapixel, ƒ/2,4, 122° Sichtfeld) ein, um Center Stage zu ermöglichen.
Das iPad Pro beherrscht Wi-Fi 6 mit einem maximalen Datendurchsatz von 1,2 GBit/s. Zu den Funkstandards zählt außerdem Bluetooth 5.0 – und nicht etwa das neuere 5.2. Die Laufzeiten fallen im Vergleich zum Vorgänger etwas geringer aus, sind aber immer noch beachtlich für ein Tablet dieser Größe und Leistungsstärke.
Im Android-Lager drängt sich am ehesten Samsungs Tab S7+ als Alternative auf. Dieses punktet mit einem ähnlich großen OLED-Panel und Rechenleistung satt – für ein Android-Tablet, mit dem iPad hält es nicht mit (siehe oben). Mit Preisen ab 800 Euro samt Stift ist es dafür deutlich erschwinglicher. Der größte Nachteil des S7+ ist Android selbst: Nur wenige Apps nutzen die Displayfläche sinnvoll aus. Samsungs Desktopmodus DeX ermöglicht produktives Arbeiten am Tablet.
Fazit
Je nachdem, mit welcher Einstellung man an das neue iPad Pro 12,9" herangeht, lassen sich zwei völlig unterschiedliche Fazits ziehen. Eines wäre, dass sich die in dem Gerät schlummernde enorme Leistung nicht voll ausreizen lässt. Zwar gibt es Video- und Bildbearbeitungsprogramme, die die Power des M1-Chips auf dem iPad Pro bereits einsetzen. Doch nur die wenigsten dürften Bildeffekte schnell auf mehrere Fotos im Raw-Format anwenden oder ein Film aus sechs simultan laufenden 4K-Videos in Echtzeit schneiden wollen. Wer tatsächlich zu dieser Gruppe zählt, arbeitet vermutlich lieber an einem Mac, ohne Einschränkungen. Nach dieser Sichtweise müsste Apple macOS-Programme auf dem iPad Pro ausführbar machen – oder zumindest Dual-Boot anbieten. Denn wer ordentlich in ein solches Gerät investiert, möchte sich nicht mit den Einschränkungen von iPadOS herumschlagen und hoffen müssen, dass seine Lieblingsprogramme vom Mac irgendwann in einer vergleichbaren iPad-Fassung erscheinen.
Wer das neue iPad Pro hingegen weiterhin nur als Tablet betrachtet, kommt zum Ergebnis, dass das Gerät als solches voll überzeugt – und in der 12,9"-Version mit seinem Liquid Retina XDR Display und Center Stage einen echten Mehrwert gegenüber dem Vorgängermodell bietet. Der M1-Chip dürfte für Jahre genügend Leistungsreserven für alle Arbeiten haben, die man an einem Tablet üblicherweise erledigt. So gesehen sind die 100 Euro Aufpreis zur Vorgängergeneration mehr als gerechtfertigt. (nij@ct.de)
| iPad Pro 12,9" (2021) | |
| Tablet | |
| Hersteller | Apple, apple.de |
| Ausstattung | |
| Prozessor / Kerne / Takt | Apple M1 (64 Bit, M12 und neuronale Engine mit 16 Kernen) / 4+4 / 3,2 GHz |
| Grafik / Kerne | Apple 7 / 8 |
| Arbeitsspeicher, Flashspeicher | 8 / 16 GByte, 128 / 256 / 512 / 1024 / 2048 GByte (getestet: 8 / 512 GByte) |
| WLAN | Wi-Fi 6 (inkl. aller 5-GHz-Bänder), 2 Streams, 1,2 GBit/s max. Durchsatz |
| Bluetooth / GPS | 5.0 / A-GPS, Glonass, Galileo (nur 5G-Modell) |
| Mobile Datenverbindung / SIM | 5G (18 Bänder) / Nano-SIM und eSIM (nur 5G-Modell) |
| Akku / Kapazität | Lithium-Polymer / 40,88 Wh |
| Abmessungen (H × B × T), Gewicht | 280,6 mm × 214,9 mm × 6,4 mm, 684 g / 682 g (Wi-Fi / 5G) |
| Anschlüsse / Audio | Typ-C mit USB-3.1 und Thunderbolt 3 / 4 Lautsprecher + 5 Mikrofone |
| Kameras | |
| Weitwinkel Auflösung / Blende / OIS | 12 MP / ƒ /1,8 / ✓ |
| Ultra-Weitwinkel Auflösung / Blende / OIS | 10 MP / ƒ /2,4 / – |
| Frontkamera Auflösung / Blende / OIS | 12 MP / ƒ /2,4 / – |
| Display | |
| Technik / Diagonale / max. Helligkeit1 | LCD (IPS mit Mini-LEDs) / 12,9 Zoll (32,8 cm) / 561 cd/m2 bis 1407 cd/m2 |
| Auflösung / Kontrast / gemessener Farbraum | 2732 × 2048 Pixel bei 264 dpi / > 10.000:1 / DCI-P3 |
| Apple-Zubehör | Pencil 2 (135 €), Smart Keyboard (219 €), Magic Keyboard (399 €) |
| Preise | 128 GByte (Wi-Fi / 5G): 1199 / 1369 €; 256 GByte: 1309 / 1479 €; 512 GByte: 1529 / 1699 €; 1 TByte: 1969 / 2139 €; 2 TByte: 2409 / 2579 € |
| 1 1407 cd/m2 nur bei HDR-Inhalten k. A. keine Angabe ✓ vorhanden – nicht vorhanden | |