c't 21/2021
S. 182
Story
Vergiss uns nicht, du Streuner!
Bild: Albert Hulm

Vergiss uns nicht, du Streuner!

Dass technische Geräte weder Seele noch Charakter hätten, ist eine oft gehörte Behauptung. Mancher, der liebevoll von Erfahrungen mit launischen alten Computern, kreativen Rasenmährobotern oder verwilderten künstlich intelligenten Drohnen erzählt, weiß es besser.

Von Christian Endres

Unschlüssig musterte ich den Streuner, den meine Tochter mit ihren kleinen Händen hochhielt, um ihn mir zu präsentieren.

Die Drohne sah im Großen und Ganzen genauso aus wie all die anderen herren- und obdachlosen Vertreter ihrer Art, die seit geraumer Zeit einer Invasion gleich über viele Wohnviertel hereinbrachen: immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, den Akku aufzuladen, sich in ein WLAN einzuklinken oder einfach Kontakt mit einem Menschen aufzunehmen.

Ich habe Alice oft gesagt, sie soll bloß keinen dieser Streuner mit nach Hause bringen, aber natürlich interessierte sie das nicht, als sie auf dem Nachhauseweg über einen stolperte.

Sie hatte schon von Weitem aufgeregt nach mir gerufen und ich war halb panisch aus meinem Arbeitszimmer gerannt, sodass wir uns in der Einfahrt getroffen hatten – ich mit Socken und ohne Schuhe, sie noch mit der Schultasche auf dem Rücken.

„Der kleine Kerl braucht unsere Hilfe!“, sagte meine Tochter drängend.

„Ach ja?“, fragte ich skeptisch.

Zugegeben, die Drohne sah stärker ramponiert aus als die meisten ihrer Artgenossen, die an den Rändern unseres suburbanen Lebens umherschwebten und -surrten. Das taten sie meist, bis ihr Akku leer war. Und das geschah unweigerlich irgendwann, falls sich niemand über sie erbarmte und sie nicht eigenständig irgendeine riskante Möglichkeit zum Aufladen fanden. Die Drohne, die Alice hielt, hatte wohl schon einiges mitgemacht. Einer ihrer Rotoren war so verbogen, dass er garantiert nicht mehr funktionierte; der Lack war buchstäblich an einigen Stellen ab; ja, sie sah sogar regelrecht zerkratzt und zerschunden aus, als wäre sie in einen Kampf geraten. Die Linse ihres zyklopischen Kameraobjektivs hatte einen fiesen Sprung.

„Der kleine Kerl braucht unsere Hilfe!“, sagte meine Tochter drängend.

„Helfen wir ihm?“, fragte Alice und sah mich mit diesen großen Bettel-Rehaugen an, die sonst eigentlich für Besuche im Einkaufszentrum reserviert waren. „Er lag ganz jämmerlich im Straßengraben! Ich hab ihm schon ein bisschen Saft von meinem Smartphone gegeben.“

„Woher willst du überhaupt wissen, dass das ein Er ist?“, fragte ich, eigentlich nur, um Zeit zu gewinnen.

„Das sieht man ja wohl sofort!“, sagte Alice im Brustton der Überzeugung, wenngleich ich keine Ahnung hatte, woran sie das festmachen wollte. „Lenk außerdem nicht ab. Helfen wir ihm? Bitte!“

Ich spielte weiter auf Zeit. „Bist du sicher, dass er ein Streuner ist?“

„Ja-ha.“ Alice drehte die Drohne, die leise surrte, ansonsten aber schicksalsergeben stillhielt, demonstrativ ein wenig. „Kein Erkennungs-Chip, kein Logo, nix!“

Enttäuscht schob ich mein Smartphone, mit dem ich den Chip zur Ermittlung des Besitzers liebend gern ausgelesen und so dieses Problem noch auf der Schwelle gelöst hätte, wieder zurück in meine Jeanstasche.

„Hey, ihr zwei, alles klar?“

Ich wandte mich dem Gartenzaun zu, wo Julia aufgetaucht war, unsere Nachbarin.

„Alice hat einen Streuner mit nach Hause gebracht“, sagte ich.

„Ich kann deinen Unterton genau hören, Mama!“, versetzte Alice.

Julia, fünfzehn Jahre älter als ich und stolz auf ihre grauen Haare, die sie kurz und fransig trug, lachte.

„Braucht ihr Hilfe?“, fragte sie.

„Würdest du mal einen kurzen Blick auf die Drohne werfen?“, fragte ich. Julia arbeitete als Programmiererin, schraubte aber für ihr Leben gern an Rechnern und Geräten. Sie war mein persönlicher Support – dank ihr hatte ich manch eine Deadline für meine Artikel einhalten können, wenn Router oder Rechner streikte.

Julia zögerte nicht mal ansatzweise. „Na klar. Kommt mit dem Burschen rüber.“

„Danke!“, jubelte Alice und rannte sofort los.

„Woher weißt du, dass es ein Er ist?“, fragte ich Julia verblüfft.

„Das sieht man doch ...“

* * *

Julia brauchte fast drei Stunden, aber dann war die Kameralinse ersetzt, der Rotor repariert und der voll aufgeladene Streuner konnte wieder sehen und fliegen. Er und Alice tobten bereits miteinander vor Julias Garage herum, die im Grunde eine Werkstatt war.

„Sieht so aus, als hättet ihr einen neuen Mitbewohner“, sagte Julia amüsiert.

„Und es gibt echt keine Chance, herauszufinden, wo sie herkommt? Er, meine ich.“

„Ich habe alles abgesucht – kein Chip, keine ID, nicht mal ein Herstellerlogo. Und an die Software bin ich nicht herangekommen. Zu gut geschützt. Das ist keine Stangenware, so viel ist sicher.“

„Hm.“

„Willst du meinen Rat?“

„Ich bitte darum.“

„Wenn du ihn Alice wegnimmst, bist du bis Weihnachten die Böse. Mindestens.“

„Mindestens.“

„Also sagst du ihr nichts, stellst aber eine Gefunden-Anzeige auf deinen Social-Media-Accounts online. Alice folgt dir nicht, oder?“

„Nein. Sie findet meinen, ich zitiere, Berufskram schnarchlahmlangweilig.“

Julia lachte. „Gut. Und wenn sich der Besitzer meldet und kommt, um seine Drohne abzuholen, sagst du Alice einfach, eine Ortungs-App hat ihn zu euch geführt.“

„Du bist ja so durchtrieben.“

„Das Wort, das du suchst, ist weise.“

Wir tauschten einen Fist Bump aus.

Alice, die vor dem offenen Garagentor Fangen mit der Drohne spielte, die ihrerseits wie ausgewechselt und geradezu munter wirkte, hielt inne. Die Drohne schwebte fragend neben ihrem Kopf. „Worüber redet ihr?“, wollte meine Tochter misstrauisch wissen.

„Julia hat mein Karotten-Muffin-Rezept mit Reismehl ausprobiert und es hat ihr und Samantha gut geschmeckt.“

Alice, kein Fan meiner Kombinationsversuche von Gesundem und Süßem, streckte die Zunge raus, lachte im nächsten Moment aber schon wieder, als die Drohne in konzentrischen Kreisen um sie herumflog und Alice sich mit ihr drehte.

„Pass auf, dass dir nicht schwindlig wird!“, rief ich, doch Alice hörte mir vor lauter Lachen gar nicht mehr zu.

* * *

So wurde Memo ein Mitglied unseres Haushalts.

Memo hieß er, weil Alice ihn gefunden hatte, wie der Fisch in ihrem liebsten Uralt-Animationsfilm gefunden worden war. Inzwischen war sie sich darüber im Klaren, den Namen des fischigen Filmhelden nur falsch verstanden und ausgesprochen zu haben, aber es war ein Insider-Gag in unserer Familie.

Mein Mann Steve, der wegen der Spannungen an der türkisch-syrischen Grenze mobilisiert worden war, nahm Memos Einzug mit Humor, als ich ihm am Abend skypend von unserem Hausgast berichtete.

„Hat ja nicht lange gedauert, bis ein anderer Mann bei dir eingezogen ist. Nun ja. Meine Mutter hat mich vor dir gewarnt.“

„Ha, ha. Das Ding schläft sogar in ihrem Zimmer.“

„Die Diskussion konntest du nicht gewinnen.“

„Manchmal frage ich mich, wer hier wen erzieht.“

Steve lachte. Im Hintergrund hörte ich seine Kameraden herumalbern, als wären sie auf Klassenfahrt. „Ich finde es richtig, den Besitzer ausfindig zu machen“, sagte er plötzlich ernst. „Aber das musst du ja nicht sofort tun. Ich weiß, das ist nicht nett dem Eigentümer gegenüber, aber gönn Alice ein paar Tage. Sie hatte ein hartes Jahr – mit dem Schulwechsel, dem gebrochenen Bein und meiner Einberufung. Sie braucht das, glaube ich.“

„Du bist viel zu weich, Soldat.“

„Kann sein.“ Er lächelte. „Gibst du ihr ein paar Tage?“

Ich seufzte. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

„Wie meinst du das?“

„Ihr wisst beide, wie ihr mich rumkriegt.“

* * *

Nach einer Woche hatte ich meine Gefunden-Anzeige immer noch nicht gepostet, obwohl ich bereits am ersten Tag unauffällig ein paar Fotos geschossen hatte (ich fragte mich, wie sich der Besitzer ausweisen sollte, wenn Memo keinen Chip und keine Seriennummer hatte, aber das wollte ich noch mit Julia besprechen. Vielleicht würde ihr etwas einfallen – oder der Besitzer hätte ein Passwort, um an die Software heranzukommen, was ihn vermutlich ausreichend identifizieren würde.)

Der Grund für mein Zögern?

Alice und Memo waren vom ersten Moment an ein Herz und eine Seele. Mein Mann hatte vollkommen recht: Memos Anwesenheit und Gesellschaft taten Alice gut. Ich hatte sie lange nicht mehr so fröhlich und ausgelassen erlebt.

Und als Memo Alice das Leben rettete, verdiente er sich schließlich endgültig meine Zuneigung.

Memos Anwesenheit und Gesellschaft taten Alice gut.

Es war Samstag, ich bastelte in meinem Arbeitszimmer an einem überfälligen Artikel und Alice wirbelte mit Memo durch den Garten.

Als Alices glückliches Kichern und munteres, entzücktes Schreien in ein angsterfülltes Kreischen überging, rannte ich wie am Tag von Memos Ankunft in Socken nach draußen.

Ich hatte Horrorbilder im Kopf von den Dingen, die dieser Streuner meinem kleinen Mädchen angetan haben mochte – die ich ihn Alice hatte antun lassen.

Doch Memo war nicht der Grund für Alices Schrei, wie ich sah, als ich schlitternd das Wohnzimmer mit der Glasfront erreichte und auf die Terrasse, den Rasen und die Hecke blickte.

Das war ein anderer Streuner, der in den Garten gekommen sein musste und Alice wie ein tollwütiges Tier attackierte.

Davon hatte ich gelesen: Der Mangel an Energie, Daten, Updates und Befehlen ließ manch eine ausgesetzte oder entflohene Drohne wahnsinnig werden. Wenn zu viele Parameter im roten Bereich waren, drehten sie durch – und griffen an, was immer sie sahen.

Ich rief Alices Namen und war bereit, mich wie eine Bärenmutter in den Kampf zu stürzen, wozu ich mir einen der Gartenstühle auf der Veranda als Waffe griff.

Allerdings brauchte ich ihn nicht.

Memo rammte die wildgewordene Drohne von der Seite – sie wurde wie eine Billardkugel von Alice weggeschossen. Memo setzte mit wütendem Surren nach, alle Motoren, Rotoren und Lüfter hochjagend. Er klang stocksauer und mächtig aggressiv. Die zwei Drohnen umkreisten und beharkten einander wie Krähen im Luftduell, stießen und krachten immer wieder zusammen. Jeder Aufprall von Metall auf Metall brachte ein hässliches Geräusch hervor.

Ich rannte auf den Rasen, schnappte mir die weinende Alice, trug sie ins Haus, schloss die bruchsichere Glastür und untersuchte meine Tochter. Sie war okay.

Draußen ließ Memo erst von der anderen Drohne ab, als diese im Gras lag und sich nicht mehr rührte. Daraufhin postierte er sich schwebend genau vor der Fensterscheibe, zwischen uns und einem weiteren potenziellen Angriff.

Schließlich, als keine weitere Gefahr zu erwarten war, drehte sich Memo in der Luft zu uns um.

Sein Kameraauge sah mich direkt an.

„Danke“, sagte ich beinahe lautlos, während ich die schluchzende, zitternde Alice fest an mich drückte.

* * *

Danach stand selbstverständlich nicht mehr zur Debatte, Memos ursprünglichen Besitzer ausfindig zu machen. Hätte er eben besser auf seine wundervolle Drohne aufpassen sollen! Memo gehörte nun zu uns, war vom Pensionsgast zum Familienmitglied geworden. Das hatte er sich verdient.

Steve und Julia stimmten meiner Entscheidung zu – und Alice hätte ihn ohnehin nicht mehr hergegeben.

Alles war gut.

Bis eine Woche später die Männer in den schwarzen Anzügen aufkreuzten.

Alice war zum Glück in der Schule, als sie an der Tür klingelten.

„Guten Tag, Frau Wagner. Wir kommen wegen der Drohne“, sagte der kleinere, ältere und dickere von ihnen.

Mein Herz rutschte in meinen Magen. „Drohne?“, fragte ich, mütterliche Zeitschinde-Taktiken anwendend.

„Wir wissen, dass sie hier ist“, sagte der Jüngere der beiden knurrig. Er war größer und sah muskulöser aus als sein Kollege.

„Wir hoffen, dass sie hier ist“, korrigierte der mit einem warmen, freundlichen Lächeln, das fast echt aussah. „Ihre Tochter hat neulich doch eine Drohne auf dem Nachhauseweg von der Schule gefunden, nicht wahr?“

Ich wollte mir gar nicht vorstellen, woher sie das wussten. Ebenso wenig wollte ich wissen, ob sie von der Regierung oder von einer jener regierungsnahen Firmen kamen, über die man immer wieder las – und was man las, waren keine guten Dinge.

Ausweichend sagte ich: „Meine Tochter hat seit Längerem eine Drohne, ja.“

„Könnten wir sie kurz sehen?“

„Tut mir leid, sie hat sie heute für ein Referat mit in die Schule genommen.“

„Ach so. Ach, wie schön!“, sagte der Ältere, bevor sein ungeduldiger Kollege etwas bellen konnte, das sicher anders geklungen hätte, und natürlich lächelte er dabei ungerührt. „Dann kommen wir am Nachmittag einfach noch mal.“

„Sie isst und übernachtet heute bei einer Freundin“, log ich und jetzt packte ich selbst mein feinstes unechtes Lächeln aus.

Er parierte mühelos. „Dann eben morgen Nachmittag. Da ist sie doch sicher einmal hier, oder?“

„Ja“, sagte ich sonnig.

„Wunderbar! Also bis morgen.“

„Bis morgen“, sagte ich heiter.

„Morgen“, knurrte der andere.

Kaum dass die Tür zu war, erlosch mein Lächeln. Ich traute mich nicht, sie zu beobachten, wie sie zu ihrem Auto gingen, und wartete, bis ich sie wegfahren hörte. Anschließend hastete ich durch den Garten und durch das Tor in der Hecke zu Julia und erzählte ihr, was passiert war.

„Das ist nicht gut“, kommentierte sie.

„Denkst du, wir kriegen Ärger?“

„Wahrscheinlich sind sie einfach nur froh, wenn sie zurückkriegen, was sie verloren haben. Ihr müsst vermutlich einen Haufen Verzichts- und Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben.“

„Und sie werden Memo mitnehmen“, sprach ich zum ersten Mal laut aus, was in mir rumorte, seit ich die beiden Kerle an der Tür gesehen hatte. „Das wird Alice das Herz brechen.“

Julia sah mich nachdenklich an.

„Was?“, fragte ich.

„Nun. Es gibt vielleicht eine Möglichkeit, dass ihr Memo behalten könnt.“

* * *

Julia und ich holten Alice und Memo mit dem Auto von der Schule ab. Ich erwartete fast, die Agenten zu sehen, doch womöglich war ihnen das Risiko einer Szene in der Öffentlichkeit zu groß.

Im Wagen erklärte ich Alice die Situation, so gut ich konnte. Sie klammerte sich an Memo und brüllte: „Die kriegen ihn nicht! Memo gehört zu unserer Familie!“

„Ich weiß, Schatz“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Deswegen fahren wir ja zu Julias Freundin.“

Genau genommen fuhren wir zu Julias Ex-Verlobter Kristina, mit der sie vor Samantha zusammen gewesen war. „Ich kenne keine bessere Hackerin als Kris“, sagte Julia, die viel zu schnell fuhr. „Noch ist nicht aller Tage Abend, Kleine!“

Fünfundvierzig Minuten später betraten wir ein Loft voller Desktop-Rechner, Laptops, Tablets und Server. Julia setzte Kristina die Lage auseinander und sie wollte uns helfen. Wenn es zwischen den beiden einen Groll gab, war er längst verraucht.

Nach einer ersten Untersuchung von Memo, für die sie mehrere Kabel an ihn angeschlossen hatte, die zu ihren Computern führten, nickte Kristina entschlossen.

„Ich denke, das kriegen wir hin. Ich brauche aber auch Zugriff auf euren Smarthome-Server.“

„Was hast du vor?“, fragte Julia.

„Ich lösche Memos Protokoll, implementiere retroaktiv ein neues und synchronisiere das ebenfalls rückwirkend mit dem Netzwerk-Logfile in eurem Haus. Die IPs, die Logins, die Bewegungen und, und, und. Wird die halbe Nacht dauern, aber dann können sie nicht mehr nachweisen, dass er nicht schon länger bei euch lebt. Sagen wir: zwei Jahre?“

„Könnte klappen“, stimmte Julia zu. „Warte aber noch kurz, bevor du loslegst.“

Mit einer Kopfbewegung gab sie mir zu verstehen, ein Stück abseits unter vier Augen reden zu wollen.

„Denkst du wirklich, das funktioniert?“, erkundigte ich mich.

„Kris ist extrem gut in dem, was sie tut. Ich vertraue ihr. Die Sache hat aber einen Haken.“

„Wir belügen die Regierung?“

„Schlimmer. Memos Erinnerungen werden gelöscht. Er weiß dann nicht mehr, wer du bist. Oder Alice. Er wird nicht aggressiv sein oder so, aber dieses Band, das die beiden haben ...“

„Oh nein. Es gibt keinen anderen Weg, nehme ich an?“

„Leider nein. Wenn überhaupt, dann ist es dieser.“

„Verdammt.“

„Jep.“

Wir blickten zu Alice. Sie streichelte Memo, der vertrauensvoll auf einem Tisch ruhte und die fremden Kabel und externen Anfragen erduldete.

„Es ist ihre Entscheidung“, sagte ich zu Julia.

Zu meiner Überraschung blieb meine Kleine ganz ruhig. „Was würden die mit ihm machen?“, fragte sie sachlich.

„Wenn er ein Prototyp vom Militär ist?“, antworte Kris von ihrem Platz vor einer Reihe riesiger Monitore aus. „Umprogrammieren. Wieder in einen Killer verwandeln. Zerlegen. Verschrotten oder in Säure auflösen. Ups, sorry.“

Alice nickte grimmig und kämpfte mit den Tränen. Sie ließ sich auf den Knien nieder, um Memo in sein Kameraauge blicken zu können, und legte die Hände seitlich an ihn.

„Vergiss uns nicht, du Streuner!“, sagte sie und umarmte ihn stürmisch.

Er surrte leise, als könnte er sie verstehen.

Ich sah die Tränen meiner tapferen kleinen Tochter fließen, die sie nun nicht länger zurückhalten konnte, und spürte selbst welche in meinen Augen.

* * *

Wir blieben die ganze Nacht bei Kris, die mit Julia unermüdlich hackte, programmierte und codete, nachdem es Kris tatsächlich gelungen war, Memos Softwarekern zu erreichen und zu durchschauen. Alice wachte über Memo, bis sie am Boden einschlief. Ich trug sie zum Sofa, wo ich an sie gekuschelt selbst wegdämmerte.

Julia weckte uns am nächsten Morgen.

„Hat es geklappt?“, fragte Alice schläfrig.

„Hat es“, bestätigte Julia mit einem traurigen Lächeln.

* * *

Der überfreundliche Agent und sein unfreundlicher Kollege wollten uns nicht glauben, aber was sollten sie tun?

Sie kamen entgegen ihren Aussagen nicht an Memos Softwarekern heran, da Kris ihn mit einem neuen Code geschützt hatte. Wir konnten mit den laut Julia extrem gut gefälschten Protokollen nachweisen, dass Memo angeblich bereits seit knapp zwei Jahren bei uns war. Vor Gericht wäre das fast genauso gut wie eine Kaufquittung.

Am Ende zogen die beiden Anzugträger ab, denn zwischendurch hatte ich den Hinweis fallen lassen, dass ich nur allzu gern in meinem nächsten Artikel darüber schreiben würde, wie die Tochter eines Kriegshelden von zwei Regierungsbeamten schikaniert wurde, die ihr ihren besten Freund wegnehmen wollten, den ihr Vater dem Mädchen zu Weihnachten geschenkt hatte – eine super Story, die sicher viral gehen würde, wie ich den beiden versicherte.

Sie gingen – und keiner der beiden lächelte mehr.

Und Memo blieb bei uns.

Doch war er überhaupt noch Memo?

Er reagierte vor allem am Anfang nur reflexhaft-mechanisch auf die Kommandos und Spielanweisungen von Alice. Er war freundlich, ausgeglichen, bemüht und lernbegierig, doch es war nicht mehr dasselbe, nicht mehr wie vorher.

„Bist du arg traurig?“, fragte ich meine Tochter.

Alice ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. „Jetzt ist er wenigstens frei. Und wir werden bald wieder genauso gute Freunde wie vorher, mit noch mehr schönen Erinnerungen.“

Damit rannte sie los, um Memo durch den Garten zu jagen. (psz@ct.de)

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