c't 19/2022
S. 78
Test & Beratung
Smartphone mit LED-Beleuchtung

Nichts als ein Smartphone

Android-Newcomer Nothing Phone (1) mit ungewöhnlicher Gehäusebeleuchtung

Beim Nothing Phone (1) spielt die Optik mit transparenter Rückseite und LED-Leuchtelementen eine Hauptrolle – eigentlich. Der Neuling überzeugt im Test aber eher mit inneren Werten.

Von Steffen Herget

Nothing, also nichts – das soll der Name für einen Smartphonehersteller sein? Ja, unter dem ebenfalls etwas seltsamen Namen Phone (1) hat das Unternehmen sein erstes Android-Telefon in die Läden gebracht. Führender Kopf hinter Nothing ist OnePlus-Gründer Carl Pei, und dessen Handschrift merkte man bereits Monate vor dem Start. Da wurde auf allen Kanälen getrommelt und versucht, mit kleinen Infohäppchen zum Phone (1) einen Hype zu erzeugen. Das nervte zuweilen, scheint aber funktioniert zu haben: Vor dem Start will Nothing über 80.000 kostenpflichtige Vorbestellungen für das ab 470 Euro teure Telefon eingesammelt haben und konnte die Telekom als prominenten Vertriebspartner finden.

Sich mit einem anderen Design von der Smartphone-Masse abzusetzen heißt beim Nothing Phone (1): Einblicke zulassen. Die Rückseite des Smartphones besteht aus durchsichtigem Glas. Wer denkt, man bekomme so den Prozessor, Speicherchips oder den Akku zu sehen, wird allerdings enttäuscht: Nothing verhüllt das Innenleben mit nach eigenen Angaben zur Hälfte recyceltem Kunststoff.

Rückseite mit Beleuchtung

Material und Verarbeitung wirken hochwertig, wenn auch nicht ganz so makellos wie beim optischen Vorbild mit dem Apfel. Die Glasrückseite hat einen weiteren Zweck, denn sie ermöglicht dem Phone (1) sein zweites Alleinstellungsmerkmal, die sogenannte Glyphe, was man als Zeichen oder Skulptur übersetzen könnte. Sie umfasst 900 weiße LEDs, die Nothing in fünf Leuchtelementen gruppiert. Sie sollen zusammen als XXL-Benachrichtigungslicht optisch auf eingehende Anrufe oder Nachrichten hinweisen und blinken synchron zu einem der zehn Klingeltöne in wechselnden Muster. Auf unserem YouTube-Kanal c’t 3003 können Sie das in Aktion sehen (siehe ct.de/ywpj). So etwas hat tatsächlich kein anderes Smartphone.

Das Glyph-Interface hat allerdings auch Nachteile. Trotz regelbarer Helligkeit strahlen die Elemente sehr auffällig, was vor allem in gedämpfter Atmosphäre fehl am Platz ist. Außerdem sieht man die Signale nur von hinten, man muss das Smartphone also mit dem Display nach unten ablegen. Das wiederum dürfte mit der Zeit jedoch fast zwangsläufig den Bildschirm zerkratzen. Kurzum: Die Faszination für diesen Aspekt des Nothing Phone (1) hat im Test nicht lange gehalten, wir haben die Glyphe für Benachrichtigungen irgendwann ausgeschaltet und nicht weiter vermisst. Alternativ dienen die 900 LEDs als Beleuchtung für die Kamera. Nothing hat dem Phone (1) außerdem ein Easter Egg verpasst, mit dem sie im Takt der Audioausgabe blinken. Das Phone (1) blinkt dann tatsächlich bei jedem Tönchen, das es ausgibt – allerdings bei Musik unrhythmischer als der tapsigste Tänzer in den Reihen der c’t-Redaktion.

Abseits von Glyphe und Glas ist das Nothing Phone (1) ein einigermaßen normales Android-Smartphone mit Hardware aus dem Mittelklasseregal. Der Snapdragon 778G+ stammt aus dem Vorjahr und besitzt acht Rechenkerne. Ein 5G-Modem ist mit an Bord, als Extra hat man die in der Preisklasse unübliche Fähigkeit zum drahtlosen Laden per Induktion spendiert. Die flotte Performance ist mehr als ausreichend für den Smartphonealltag, auch aktuelle Spiele machen Spaß. Je nach Modell sind 8 oder 12 GByte RAM sowie 128 oder 256 GByte Speicher eingebaut. Das Smartphone ist nach IP53 gegen Staub und Spritzwasser geschützt, den IP68-Freischwimmer hat es nicht.

Screenshots wider Willen

Die schwarzen Ränder rund um das OLED-Display des Phone (1) sind zwar etwas breiter als in der Oberklasse, aber an allen Seiten symmetrisch. Das 120-Hertz-Display wird zwar nicht ganz so hell wie teure Top-Bildschirme, ist aber scharf und zeigt schöne Farben. Die automatische Helligkeitsregelung dürfte feinfühliger sein und schneller reagieren.

900 LEDs in fünf Elementen bilden die sogenannte Glyphe. Nach einiger Zeit haben wir die Blinklichter aber ausgeschaltet.
900 LEDs in fünf Elementen bilden die sogenannte Glyphe. Nach einiger Zeit haben wir die Blinklichter aber ausgeschaltet.

Die Knöpfe könnten mehr Wiederstand beim Klicken vertragen, vor allem den Power-Button drückt man öfter, als man möchte. Das hat den Nebeneffekt, dass wir im Test mit dem Phone (1) immer wieder ungewollt Screenshots machten, weil wir zwei Knöpfe gleichzeitig drückten. Der optische Fingerabdrucksensor im Bildschirm sitzt etwas weiter unten als üblich, funktioniert aber flott und zuversichtlich – anders als die Gesichtserkennung, die uns immer wieder abgewiesen hat.

Das Phone (1) trägt eine Hauptkamera und ein Ultraweitwinkelobjektiv auf dem Rücken, beide mit 50-Megapixel-Sensoren. Die Frontkamera knipst Bilder mit 16 Megapixeln. Die beiden hinteren Kameras holen bei guten Lichtbedingungen viel aus den Mittelklassesensoren heraus, die Fotos bilden viele Details ab und sind schön scharf. Die Farben wandern manchmal ein klein wenig ins Bläuliche, bleiben insgesamt aber nah am Original.

In Situationen mit hohem Dynamikumfang, etwa bei Gegenlicht, tun sich alle drei Kameras des Phone (1) schwer: Heiligenscheine durch zu viel HDR und ausgebrannte helle Bereiche treten immer wieder auf. Im Dunklen treibt das Smartphone die Belichtungszeit recht schnell nach oben, was bei bewegten Motiven die Bilder verwackelt. Das alles ist für die Mittelklasse nicht ungewöhnlich, zeigt jedoch deutlich, dass der Kamera zur teuren Luxusklasse einiges fehlt, nicht nur ein Teleobjektiv.

Software-Schnickschnack? Nichts da

Das Betriebssystem Nothing OS ist ein ziemlich nacktes Android, das zwar nach Pixel aussieht, aber ohne deren viele Zusatzfunktionen auskommen muss. Die Optik hat Nothing weniger an die Hardware angelehnt als gedacht. Positiv: Der Hersteller verzichtet komplett auf Bloatware. Immer wieder tauchen größere und kleinere Problemchen auf, die oft mit einem Neustart zu lösen sind: Da schaltet sich der mobile Hotspot selbstständig ab, verweigert der Fingerabdrucksensor seinen Dienst oder das Display friert ein. So manche Optionen, etwa die für die Konfiguration des Always-on-Displays, sind an ungewöhnlichen Stellen versteckt, hier und da begegnen uns auch noch unübersetzte Texte auf Englisch. Man merkt allerdings, dass Nothing stetig nachbessert, im Verlauf des Tests trudelten gleich mehrere Updates ein.

In den ersten Akkutests enttäuschte das Nothing Phone (1) mit einem katastrophal hohen Verbrauch, schon im Standby über Nacht sank der Ladestand an den ersten Tagen jeweils um 30 Prozent und mehr. Erst nach sechs bis acht Ladezyklen – mehr als üblich – pendelte sich die Ladeleistung ein. Ein Tag ohne Zwischenladung ist kein Problem, zwei unterdessen schon. Das Ladegerät muss man extra kaufen, die maximale Ladegeschwindigkeiten liegt bei 30 Watt mit Kabel und 15 Watt drahtlos. Wireless Charging funktioniert auch in die Gegenrichtung, um andere Geräte induktiv mit Strom zu versorgen.

Fazit

Das Nothing Phone (1) fällt auf, egal ob mit Blinklichtern oder ohne. Man muss die Optik nicht mögen, aber eine Abwechslung aus dem Smartphone-Einheitsbrei ist das Phone (1) auf jeden Fall. Das Glyph-Interface hat uns nicht allzu lange bespaßt, doch auch ohne die Lämpchen überzeugt das Gesamtpaket mit einem sehr guten Display, genug Speicher, ordentlichem Akku, cleanem Android und unverwechselbarer Optik. Das Design bezahlt man allerdings mit, denn vergleichbar ausgestattete Smartphones gibt es von Xiaomi, OnePlus oder Samsung für etwa hundert Euro weniger. (sht@ct.de)

Nothing Phone (1)
Android-Smartphone
Hersteller, URL Nothing, de.nothing.tech
Betriebssystem / Patchlevel Android 12 / Juli 2022
Android-Upgrades / Sicherheitspatches lt. Herst. bis min. Android 15 / Juli 2026
Ausstattung
Prozessor / Kerne × Takt / GPU Qualcomm Snapdragon 778G+ 5G / 1 × 2,5 GHz, 3 × 2,4 GHz, 4 × 1,8 GHz / Adreno 642L
Arbeitsspeicher / Flash-Speicher (frei) / Wechselspeicher 12 GByte / 256 GByte (239 GByte) / –
LTE / 5G / SAR-Wert1 ✓ / ✓ / 0,99 W/kg
WLAN (Antennen) / Bluetooth / NFC / Kompass / Standortbestimmung Wi-Fi 6 (2) / 5.2 / ✓ / ✓ / GPS, Glonass, Beidou, Galileo
SIM / Dual / eSIM Nano-SIM / ✓ / –
Fingerabdrucksensor / Kopfhöreranschluss / USB-Anschluss / OTG ✓ (im Display) / – / USB-C / ✓
Akku / drahtlos ladbar / wechselbar 4350 mAh / ✓ / –
Abmessungen offen (H × B × T) / Gewicht / Schutzart 15,2 cm × 7,18 cm × 0 cm / 178 g / IP53
Kameras
Hauptkamera Auflösung / Blende / OIS 50 MP (8192 × 6144) / ƒ/1,9 / ✓
Ultraweitwinkel Auflösung / Blende / OIS 50 MP (8160 × 6144) / ƒ/2,2 / –
Frontkamera Auflösung / Blende / OIS 16 MP (4608 × 3456) / ƒ/2,5 / –
Display
Diagonale / Technik / max. Bildwiederholrate 6,5 Zoll / OLED / 120 Hz
Auflösung (Pixeldichte) / Helligkeitsregelbereich 2400 × 1080 Pixel (404 dpi) / 1,87 ... 640 cd/m2
Benchmarks, Lauf- und Ladezeiten
Ladezeit 50 % / 100 % 0,4 h / 1,1 h
Laufzeiten2 lokales Video 720p / 4K-Video 120 fps / 3D-Spiel / Stream 20 h / – / 11,6 h 3D-Spiel / 20,7 h Videostream
Geekbench V4 Single, Multi / V5 Single, Multi 3717, 11698 / 823, 3022
3DMark Wild Life / Wild Life Extreme 2879 / 776
GFXBench Car Chase / Manhattan 3.0 /Manhattan 3.1 (je On-, Offscreen) 33 fps, 38 fps / 82 fps, 93 fps / 58 fps, 65 fps
Preis 469 € (8/128 GByte), 499 € (8/256 GByte), 549 € (12/256 GByte)
1 Herstellerangabe 2 gemessen bei 200 cd/m2

Das Nothing Phone (1) im Video bei c’t 3003: ct.de/ywpj

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