Schreibblockade
Kreative Autoren leben von den Narben, die ihnen ein gelebtes Leben geschlagen hat, von menschlichen Unzulänglichkeiten und Verletzlichkeiten, von Zeitdruck und Verzweiflung. Und jetzt scheint es, als würden sie auch noch ihre letzten Aufträge verlieren – an preisgünstige Large Language Models, die von all dem im Grunde nicht mehr verstehen als eine Stubenfliege von der Systemprogrammierung.
Ernest konnte an nichts anderes denken als an die fast leere Seite, an der er festhing. „Jung bis in die Knochen!“ Das versprachen die wenigen Buchstaben, die seit gefühlten Stunden vor einem leeren Hintergrund standen. Karg und traurig. Mehr als diese billige Headline war ihm für den Artikel, eine Auftragsarbeit, nicht eingefallen. Gleichsam als Manifestation seiner Schreibblockade starrte sie ihn erwartungsvoll an, fast hämisch.
Wie sollte man ein Lesepublikum denn auch für Osteoporose-Medikamente interessieren? Ernest spürte, wie Resignation an seine innere Tür klopfte und hartnäckig Einlass begehrte. Das letzte Major Release von creates4us hatte den Markt mit einer regelrechten Flut an hochperformanten Chatbots und KI-getriebenen Suchmaschinen überrollt. Seitdem war Ernests Alltag ein einziger Überlebenskampf. Der Leistungsdruck wuchs. Die meisten Autoren waren bereit, so ziemlich jeden Auftrag anzunehmen, um sich über Wasser zu halten.
Ein sich öffnendes Chatfenster lenkte ihn von seinen Grübeleien ab. Der grinsende Avatar seines Literaturagenten meldete sich. Der Mann versteckte sich hinter dem Pseudonym Bob – nicht mal den richtigen Namen kannte Ernest.
„Ernest?“
Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte er, das Chatfenster zu schließen. Aber seine Berufsethik verbot es ihm. Ebenso wie die Furcht vor der Mittellosigkeit. Widerwillig begrüßte er seinen Agenten:
„Guten Morgen, Bob.“
„Guten Morgen, Ernest. Wie geht es dir?“
„Zum Kotzen“ war die Antwort, die ihm spontan einfiel. Sie passte aber eigentlich nicht zu seinem Stil. „Bestens. Und selbst?“
„Danke, Ernest. Wie weit bist du mit dem Werbetext über Osteoporose?“
Dass er gleich zur Sache kommen musste ... „Er ist so gut wie fertig“, schwindelte Ernest.
Kurze Pause.
„Brauchst du mehr sachbezogene Informationen?“
Nein, brauchte er nicht. Ihm war eher, als hätte er auf seiner Ideensuche bereits Millionen von Internetseiten vergebens durchforstet.
„Ern?“
Ernest stockte bei der Verunglimpfung seines Pseudonyms. Wer den Vornamen seines literarischen Vorbildes verniedlichte, musste mit seinem Unmut rechnen.
„Was ich brauche, Bob, sind inspirierende Themen. Ich bin dreißig, verflucht noch mal! Soll ich wirklich etwas Zugkräftiges über Knochenschwund schreiben?“
Erneute Pause.
Verdammt. Ein „Nein, danke“ wäre angebrachter gewesen. Gratuliere, du Held. Ein Chatbot hätte sich besser zu beherrschen gewusst, schoss es ihm durch den Kopf. Kein Wunder, dass wir Autoren nach und nach ersetzt werden. Er verbannte den unbequemen Gedanken jedoch auf der Stelle.
Diesmal bekam er eine ausführlichere Antwort.
„Ernest, als jüngerer Mensch hast du einen besonderen Blick auf die Thematik. Der Kunde wünscht sich frische Ideen, die den Verbraucher überraschen. Brauchst du mehr sachbezogene Informationen?“
Darauf folgte gleich eine zweite Nachricht: „Der Verlag erwartet den Text bis heute Abend.“ Und dann die vernichtenden Worte: „Anderenfalls wird sich unsere Abteilung nach einer effizienteren Alternative umsehen. eob.“ Das unpersönliche „End of Business“ wirkte noch wie eine digitale Ohrfeige nach, als das Chatfenster sich bereits geschlossen hatte.
Ernest wurde übel. Worauf Bob anspielte, war klar. Nie hatte der Agent einen Hehl daraus gemacht, wie sehr automatische Textgeneratoren ihn begeisterten. Die Vorstellung, von einem dieser abscheulichen KI-Text-Tools ersetzt zu werden, war unerträglich. Der auftraggebende Verlag hielt, sofern man seiner Webpräsenz glaubte, große Stücke auf „echte“ Autoren. Doch seit der IT-affine Bob sich in die PR eingeschaltet hatte, wehte ein neuer Wind im Hause Goldwald. Wie lange würde es dauern, bis er das Traditionshaus von dem lukrativen Einsatz künstlicher Intelligenz überzeugte? Ernest hatte zwar keine Familie zu ernähren, aber überleben musste er trotzdem.
Wo war die küssende Muse, wenn man sie brauchte?
Die Muse. Klio ... Ja, das war die Lösung. Er brauchte Unterstützung. Und zwar von einem Leidgenossen, jemandem seinesgleichen, durch den warmes Blut floss statt kalter Datenströme. Er öffnete seinen Browser und rief die URL der Klio-Plattform auf. Mit etwas Glück würde man ihm dort aus der Patsche helfen.
* * *
Marie spülte die Analgetika mit einem großen Schluck Kaffee hinunter und legte sich aufs Sofa. Zum Glück hatte sie die Migräne rechtzeitig abgefangen. Der Chemiecocktail würde ihr über den Tag hinweghelfen. Vielleicht bliebe dann etwas Energie für einen Ghostwriter-Job übrig.
Als der pochende Schmerz in ihrem Hinterkopf ein wenig nachgelassen hatte, griff sie zum Tablet, um ihre Lieblings-App zu starten. Klio, Menschen schreiben! erschien in Kursivschrift auf der Bedienoberfläche. Die Betreiber der App hatten sich auf die Fahne geschrieben, das Kerngeschäft von Tausenden Schriftstellern vor dem drohenden Aus zu bewahren, mit einer kleinen Portion Idealismus – und satten Mitgliedsbeiträgen für Autoren. Diese mussten, um sich zu registrieren, ein umständliches Video-Ident-Verfahren durchlaufen. Auftraggeber-Accounts hingegen waren kostenlos und unterlagen keinen Einschränkungen. Das Konzept schien aufzugehen – noch gab es Kunden, die auf das menschliche Schreibtalent vertrauten.
Vermutlich war auch das nicht von Dauer, in dieser von KI-Versprechen berauschten Welt. Die Vorzeichen für einen Sieg generativer Systeme waren allgegenwärtig: das Nationalmuseum für KI-Kunst in ihrem Viertel zum Beispiel, ein futuristisches Gebäude, dessen Architekturentwurf in den Eingeweiden eines Bildgenerators entstanden war. In unmittelbarer Nähe hatte das Restaurant CooKIng eröffnet, das mit exquisiten Speisen nach KI-erzeugten Rezepten warb. Selbst das von Streaming-Diensten ohnehin gebeutelte Linearfernsehen war dem Trend gefolgt: Neue TV-Formate ließen KIs und die als „Bios“ ausgebuhten Menschen gegeneinander spielen. Ob die Bios dabei überhaupt echt oder bloß einer Deepfake-KI entsprungen waren, konnte niemand überprüfen. Längst hatte auch das Bildungssystem das Handtuch geworfen: In den Schulen lernte man mittlerweile im Fach „Differenziertes Lesen“, die Stärken und Schwächen KI-erzeugter Texte zu durchleuchten. Selbst das war herzlich überflüssig: Für solche vergleichenden Analysen gab es wiederum smarte Software; ein Großteil davon war kostenlos zugänglich. Jeder halbwegs gescheite Schüler wusste sich da zu helfen.
Bei Klio allerdings war kein Faken möglich, noch nicht. Hier tummelten sich nur echte Texter und buhlten um die besten Aufträge. Bio-Writer sozusagen.
Sie navigierte zu ihrem Ghostwriter-Profil, das abgesehen von ihrem Pseudonym Mariwa Informationen zu ihren Schreibpräferenzen und ein paar anonymisierte Success Stories enthielt. Keine neuen Nachrichten, das war ernüchternd. Sie wechselte zur Auftragsansicht und blätterte durch die Writing-Angebote. Eine Laudatio für ein ehrenamtliches Vereinsmitglied, ein Geburtstagsgedicht für einen Neunzigjährigen, ein Erotikroman mit Kochrezepten, na ja. Sie sortierte die Treffer um, nach Textlänge und Größe der angedachten Vergütung. Der dritte Eintrag stach ihr ins Auge: „Dringend! Werbeartikel, Thema: Osteoporose und Phytotherapie“.Die Deadline entsprach bereits dem aktuellen Tag und das Thema war grottig. Aber das Honorar für fünftausend Anschläge ließ ihr Herz höher schlagen. Sie klickte auf den Bieten-Schalter, lud ein Anschreiben und ihre Vita hoch.
* * *
Ernest konnte sich nicht satt lesen. Mariwa hatte einen ausgezeichneten Text abgeliefert. Ein kleines Juwel. Die nötige Sachlichkeit mit einem Hauch von Selbstironie. Er öffnete einen Privatkanal zu Bob und lud die Datei kommentarlos hoch, dann fuhr er das Chatprogramm herunter. Er fühlte sich erschöpft, regelrecht gealtert. Mariwa hatte seinen Tag gerettet, aber das Ganze hatte einen bitteren Nachgeschmack. Wo war seine Energie von früher geblieben? Wo war sein Flow?
Er ließ seine Erfolge Revue passieren: Mit einigen Preisen hatte er die Aufmerksamkeit des Verlags auf sich gelenkt, dann kamen der Telefonanruf seines Literaturagenten, ein Vorschuss und eine steile Karriere. In der Vergangenheit hatte er immer mit Qualität und Schnelligkeit punkten können. Und nun?
Er wusste, dass die Whiskeyflasche an ihrem Platz in der Schublade lag. Ein ordentlicher Schluck würde ihn auf andere Gedanken bringen.
* * *
„Ernest?“ Voller Vorfreude schickte Marie die Nachricht über den Privatkanal von Klio ab. Heute war ein guter Tag. Ohne Kopfschmerzen. Und Ernest hatte ihr einen zweiten Auftrag in Aussicht gestellt.
Ihre erste Zusammenarbeit hatte hervorragend geklappt und das vereinbarte Honorar war dank Klio pünktlich auf ihrem Konto eingegangen. Sie waren in Kontakt geblieben. Mit ihm ließ es sich locker chatten, beinahe flirten. Das war angenehm. Seitdem sich Ernest zu seiner Schreibblockade bekannt hatte und sie zu ihren karrierevernichtenden Migräneanfällen, war ihr Verhältnis über das Geschäftliche hinaus gewachsen. Sie postete ihm Plot-Ideen zu, hin und wieder lektorierte er ihre Entwürfe. Seine Kritik war immer konstruktiv und wertschätzend. Sie war ein bisschen verknallt – virtuell, versteht sich. Sie hoffte auf ein echtes Treffen, irgendwann. Ja, der Alltag war fröhlicher, seit er von den Pingtönen seiner Postings durchgetaktet war.
Das Klingeln an der Tür überraschte sie. An diesem Sonntag erwartete sie keinen Besuch. Sie klappte ihren Laptop zu und bewegte sich leichten Fußes Richtung Haustür. Und wenn er es war?, fantasierte sie vor sich hin.
Sie öffnete mit eingehakter Türkette. Durch den Türspalt erkannte sie eine Polizeiuniform.
* * *
Ernest war beunruhigt. Sein Blick klebte am Chatprogramm. Marie hatte ihn vor einer Stunde kontaktiert. Seitdem war Funkstille.
„Marie?“
Ihr beharrliches Schweigen bereitete ihm Sorgen. Normalerweise war sie zuverlässig. Ein Migräneanfall womöglich? Er schob den Gedanken an einen Unfall beiseite, genauso, wie er in letzter Zeit Gedanken an ihre Datingpartner zu verbannen versuchte. Er kannte sie nun besser, vermisste sie. Ihre täglichen Plaudereien füllten ihn mit Wärme, besser als die Whiskeyflasche es jemals vermochte. Und selbst seine Schreibblockade schien sich allmählich zu lösen. Verwundert stellte er fest, dass er Marie brauchte.
„Ernest?“
Endlich. „Marie! Wo warst du?“
„Du hast mich angelogen, Ernest.“
Ungläubig starrte er auf ihre Nachricht. „Was?“
„Die Polizei war hier und hat dich entlarvt.“
„Ich weiß nicht, was du meinst“, gab er verwirrt zurück.
„Deine Überweisung an mich über Klio war nicht mit deinem Verlag abgesprochen. Genauso wenig wie mein Ghostwriting-Auftrag. Du hast den Verlag betrogen, Ernest. Du hast mich betrogen.“
„Marie …“
„Du hast dich ins Bankkonto des Verlags gehackt, um mir das Honorar zu überweisen. Und obendrein hast du es geschafft, dass ich dich gerne habe.“
„Marie, ich …“
„Die Polizei hatte mich im Visier, Ernest. Wie konntest du nur?“
„Marie …“
„Ich will nie mehr etwas mit dir zu tun haben. Hörst du mich?“
„Marie, das ist Unsinn, ich bitte dich. Ich soll mich in ein System hacken? Ich bin ein verliebter Schriftsteller und kein Nerd“, versuchte er zu scherzen, obwohl ihm nicht danach war.
Die Antwort ließ auf sich warten.
„Du bist kein Schriftsteller, Ernest. Du bist nicht mal ein Mensch.“
* * *
„Bob, um Gottes willen. Was haben Sie sich dabei gedacht?“
Goldwalds Gesicht war puterrot angelaufen – wie immer, wenn ein Gespräch mit Umsätzen zu tun hatte. Bob stand vor dem massiven Mahagonitisch des Verlagsmoguls in Person. Der Tisch passte nicht wirklich in das minimalistisch eingerichtete Penthouse-Büro eines Wolkenkratzers. Aber das nur am Rande. Er musste sich konzentrieren.
„Wir haben Ihnen in dieser Sache vertraut, Bob. Ihrer Diskretion wegen. Eine KI zur Steigerung unseres Absatzes einzusetzen war Ihre verdammte Idee, schon vergessen? Ich erwarte eine Erklärung.“
„Ich kann Ihre Einschätzung der Lage nachvollziehen.“ Bob spannte die Zehen an – eine Taktik, um seine Nervosität unauffällig unter Kontrolle zu behalten. Das hatte er irgendwo gelesen. Vielleicht sogar in einem Text von Ernest. „Immerhin war der Plan monatelang erfolgreich, das können Sie nicht leugnen.“ So schnell wollte er sich nicht unterkriegen lassen.
Goldwald wischte seinen Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. „Ich weiß, was Sie für das Unternehmen geleistet haben, aber warum mussten Sie Ihre KI mit Extras anreichern? Ein Alter, ein Geschlecht, Gefühle, Bob! Zukunftsängste! Leistungsdruck! Sogar die Liebe zu Hemingway hat sie sich zusammengesponnen!“
„Es war etwas zu viel des Guten“, räumte er widerwillig ein, „aber Sie müssen doch zugeben, dass es sich gelohnt hat, Ernest unter Druck zu setzen. Sein zuvor so glatter Sprachstil hat an Tiefe gewonnen, die subjektive Färbung hat seinen Texten Ecken und Kanten verliehen. Unvollkommenheit ist die neue literarische Ästhetik! Unsere Publikationen haben seitdem viel mehr positive Bewertungen als zuvor. Unsere Leser …“
„Unsere Leser haben wir an der Nase herumgeführt. ‚Goldwald, echte Autoren für echte Leser.‘ Na, klingelt da was? Haben Sie eine Ahnung, welchen Schaden das für unsere Reputation bedeutet? Der Goldwald-Verlag wirbt seit eh und je mit Authentizität. Wollten Sie zurück zu den Wurzeln, als Sie Ihrer erbärmlichen KI diese virenverseuchte Schriftstellerpersönlichkeit mit Selbstzweifeln verpasst haben? Wir haben eine Sammelklage wegen irreführender Werbung am Hals. Fehlt noch, dass uns diese …“, er überprüfte sein Handy, „… diese Marie Wals wegen Betrugs vor den Kadi zerrt.“
„Das wohl kaum, sie ist Ghostwriterin“, wandte Bob ein.
Goldwald schnaubte, doch sein Gegenüber gab sich nicht geschlagen. Obwohl sein kleines Experiment gewaltig in die Hose gegangen war, hielt Bob seinen Ansatz für vielversprechend. Dass er eher zufällig auf die Idee gestoßen war, machte sie nicht weniger innovativ.
Er erinnerte sich an die Anfänge: Er hatte die Software zu Testzwecken auf seinem Rechner installiert. Ein kleines, aber feines Programm auf Grundlage des creates4us-Sprachmodells. Er hatte es liebevoll Ernest getauft, nach seinem großen Vorbild. Schon lange zuvor hatte Bob den Rohbau seiner Artikel einem Textgenerator überlassen. Und warum auch nicht? Das sparte Zeit. Den Lesern fiel es nicht weiter auf – oder etwa doch? Im Nachhinein musste er sich eingestehen, dass Ernests kreative Ergüsse zunächst allenfalls mittelmäßig waren. Die zündende Idee war ihm dann beim Streamen eines wackligen Found-Footage-Films gekommen. Wenn unvollkommene B-Movies mit unterirdischer Kameraführung hochklassigen Blockbustern Konkurrenz machten und die Zuschauer berührten, warum nicht auch eine dysfunktionale KI? Um Ernest zu einem Downcycling zu verhelfen, hatte er seine IT-Kontakte mit ein paar Banknoten aufgefrischt. Ein paar patente Leute hatten ganze Arbeit geleistet. Das Resultat war eine KI, die sich für einen labilen Schriftsteller in einer Sinnkrise hielt, noch dazu mit leichtem Hang zum Flachmann. Das hatte Stil.
Er wurde nicht restlos schlau daraus, aber der „Schmerz“ hatte Ernests neuronale Netze stimuliert und seine Texte auf rätselhafte Weise auf eine neue Qualitätsebene gehoben.
Und dann war sein Experiment doch noch aus dem Ruder gelaufen, angefangen mit Ernests ungeplanter Schreibblockade bis hin zu seiner Chat-Beziehung mit dieser Ghostwriterin. Natürlich hatte die auf ihre Weise dann auch ihren Teil zu Ernests Textqualität beigetragen: Liebeskummer beflügelt eben den Dichter. Das Schlimmste war, dass Bobs übereifrige IT-Kontakte Ernest ein verhängnisvolles Easter Egg verschafft hatten: Erst die IT-Forensiker der zuständigen Behörde hatten die unscheinbare Banking-Malware entdeckt. Für Bob selbst war die Angelegenheit glimpflich ausgegangen, strafrechtlich betrachtet.
„Wünschen Sie, dass ich meine Stelle aufgebe?“, fragte er geradeaus.
Die Röte in Goldwalds Gesicht verblasste und zu Bobs Überraschung unterdrückte er ein Schmunzeln. „Nicht doch, ich werfe nie investiertes Geld aus dem Fenster. Überlegen Sie sich, wie wir uns den Impact einer Emotionssimulation auf KI-generierte Texte zunutze machen. Vielleicht mit einer Kolumne? KI trifft auf Fleisch und Blut. Ambivalente Figuren. Mensch gegen Maschine. Der übliche Kram. Und diesmal“, er sah Bob mit einem warnenden Blick an, „will ich einen Menschen als Verfasser, verstanden? Und rufen Sie diesen Menschen persönlich an! Ich will eine echte Stimme hören und eine Person sehen, der diese Stimme gehört, am besten gleich hier in meinem Büro. Ich habe auch schon eine Idee für einen geeigneten Kandidaten.“
Goldwald räusperte sich und fuhr dann fort: „Und, Bob? Sie mögen vielleicht die Staatsanwaltschaft überlisten, mich aber nicht. Entledigen Sie sich endlich Ihres neurotischen alkoholkranken Digitalschreiberlings!“
Zurück im Großraumbüro schaltete Bob seinen Rechner ein, um ihn von Ernest zu befreien. Den Behörden hatte er lediglich eine Kopie ausgehändigt. Nach dem Abschluss des Verfahrens würde diese vernichtet. Es widerstrebte Bob aber, auch das Original zu löschen. Er kam sich wie ein Henker vor.
Die Stimme seines Büronachbarn riss ihn aus seinen Gedanken. „He, du bist ja noch immer unter uns – sogar einigermaßen unverletzt, wie es scheint!“ Bob überhörte die spöttische Bemerkung und fragte den gehässigen Kollegen: „Sag mal, hast du diesen Cloud-Zugang noch? Ich lade dir ein paar nette Dinge drauf.“
* * *
Marie betrachtete sich im Spiegel. Das kleine Schwarze und die Pumps standen ihr ausgezeichnet. Das stimmte sie zuversichtlich, nach dem Debakel mit Ernest. Wie lange hatte sie schon kein Date mehr gehabt? Aber heute gab es etwas zu feiern. Egal, wie ihre Verabredung ausging, nichts würde ihre Laune trüben. Sie löste sich von ihrem Spiegelbild und steuerte ihren Schreibtisch an. Der Vertrag lag auf der Tastatur und wartete auf ihre Unterschrift. Eine Festanstellung als Kolumnistin beim Goldwald-Verlag – wo gab es so etwas heutzutage noch? Beinahe ehrfürchtig griff sie nach dem Füllfederhalter, den sie nur für besondere Anlässe in die Hand nahm, und fügte Ort und Datum ein. Dann hielt sie kurz inne.
Ernest. Ständig kam diese verwirrende Mischung aus Schadenfreude und Trauer in ihr hoch. Was für ein Ritterschlag: Sie hatte den Wettkampf gegen die KI gewonnen. Und einen Freund verloren.
Zögerlich legte sie den Füller zurück, schob den Vertrag beiseite und zog die Computertastatur zu sich heran. Sie rief das Chatprogramm auf und öffnete einen privaten Kanal.
„Ernest? Bist du da?“
Keine Antwort.
„Ernest. Es tut mir leid.“
Das Programm schwieg eine Weile, blendete aber schließlich eine einzeilige Nachricht ein. „Schon gut. Ich verstehe dich.“
Sie atmete auf. „Ernest. Gott sei Dank. Ich dachte schon, man hätte dich … entfernt.“ Jetzt bloß nicht sentimental werden.
„Ich weiß deine Sorge zu schätzen.“
„Wo bist du?“
„An einem sicheren Ort.“ Und dann: „Du hast damals einen tollen Schreibjob gemacht. Danke.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie eintippte: „Sind wir noch Partner?“
„Freunde“, war die knappe Antwort.
* * *
Sie wachte mit einem Brummschädel auf, malträtiert von den erbarmungslosen Strahlen der Mittagssonne. Der vergangene Abend war zweifellos gelungen, nur das Übermaß an Rotwein forderte seinen Tribut. Behutsam massierte sie ihre Schläfe und fragte sich, wie sie diesen Tag mit Migräne überstehen sollte. Und heute war Redaktionsschluss.
Die Schmerztabletten lagen auf dem Schreibtisch. Mühsam stand sie auf, spülte die Tabletten hinunter und griff dann ein wenig zittrig nach der Tastatur.
„Ernest?“
„Guten Tag, Marie.“
„Ernest, ich habe einen Migräneanfall und heute ist Abgabetermin.“
„Ich helfe Dir.“ (psz@ct.de)