Der Koloss von HarmonyOS
Smartwatch Huawei Watch 4 Pro im Test
Bei den Smartwatches Watch 4 Pro und Watch 4 hebt Huawei ihre Gesundheitsfunktionen hervor, aber auch sonst sind sie Feature-beladene Wuchtbrummen am Handgelenk. Wir testeten das Pro-Modell.
Shenzhen, in einem Konferenzraum des Huawei-Campus, irgendwann vor ein paar Monaten. Die Entwickler der Wearable-Abteilung erhalten den Auftrag: „Baut eine Uhr, die robust ist, schlicht und alles kann, was geht. Eine Uhr, mit der man auch telefonieren kann.“ „Haben wir schon, die Huawei Watch 3.“ „Ja, dann macht halt noch was mit Gesundheit da rein und noch mehr Sport!“ Die Story ist – Sie haben es geahnt – ausgedacht, aber: Die Watch 4-Serie ist tatsächlich in den Bereichen Gesundheit und Sport weiterentwickelt worden.
Die Grundform und Knopfanordnung beider Watch-4-Modelle ist gleich – sogar verglichen mit den Vorgängern der Watch 3 –, aber in vielen Einzelheiten unterscheiden sich die beiden 4er-Modell dann doch (siehe Tabelle). Wenn man sie nebeneinanderlegt, merkt man, dass die Pro-Watch mit 47,6 Millimeter Diagonale etwas größer ist als die Watch 4.
Man könnte annehmen, dass das Pro-Modell mit seinem Titangehäuse leichter ist als die Watch 4 in ihrem Edelstahlkleid. Stimmt aber nicht, denn die Watch 4 Pro ist besonders mit dem Gliederarmband ein schwerer Klopper. Damit wiegt sie 110 Gramm, also ungefähr so viel wie eine Tafel Schokolade. Ohne Band drückt sie die Waagschale auf 65 Gramm. Die Watch 4 wiegt hingegen nur 48 Gramm. Zum Vergleich: Die Apple Watch Ultra bringt es auf 61 Gramm, die leichteste der aktuellen Series-8-Uhren mit großem Gehäuse auf 39 Gramm. Das Gliederarmband mit Faltschließe gibt es nur für das Pro-Modell (649 Euro), das wiederum für 100 Euro weniger auch mit einem braunen Lederband zu haben ist. Die Watch 4 (449 Euro) hat ein sportlicher wirkendes Kunststoffarmband. Austauschbar sind sie bei allen.
Der Akku fasst im Pro-Modell 780 Milliamperestunden, die laut Hersteller für 4,5 Tage Laufzeit reichen sollen, in der Watch 4 sind es 530 für 3 Tage. Die Laufzeitversprechen hielt das Pro-Modell beim intensiven Testen nicht ganz ein, wohl aber, wenn man die Uhr nicht wie ein Tamagotchi andauernd befingert. Ein Ultralanglaufmodus kappt WLAN und Mobilfunk und verlängert die Laufzeit auf 14 Tage (Watch 4) beziehungsweise 21 Tage (Watch 4 Pro). Zum Laden pumpt ein Ladeteller drahtlos und in weniger als einer halben Stunde den Akku voll.
Das Deckglas ist gewölbt. Beim Pro-Modell besteht es aus härterem, aber spröderem Saphirglas, bei der Watch 4 aus Mineralglas. Es ist zwar weniger kratzfest, dafür aber auch etwas flexibler und spiegelt weniger. Die Anzeigeeinheit ist bei beiden Modellen in LTPO-Technik (Low Temperature Polycrystalline Oxide) gehalten. So was senkt den Energiebedarf, ohne dass es auf Kosten der Bildwiederholrate und Brillanz geht.
Die Uhr besitzt auch einen Always-on-Modus, bei dem einige Anzeigeelemente etwas abgedunkelt stets sichtbar bleiben, aber beispielsweise der Sekundenzeiger ausgeblendet wird. Durch eine Handgelenkdrehung oder einen Knopfdruck bringt man die Anzeige dazu, alles zu zeigen, was im Watchface konfiguriert ist. Auf 3,8 Zentimeter Diagonale bei 466 × 466 Pixeln bekommt man je nach Zifferblatt viel Information unter, etwa Sportdaten, das Wetter sowie das Datum.
Huawei spricht in der Watch 4 auch den Spieltrieb an: Das Planetenzifferblatt beispielsweise zeigt wahlweise verschiedene Himmelskörper an. Eine Drehung mit der Krone und Touchgesten drehen den Himmelskörper, sodass man beispielsweise für die Erde die Nachtzonen ablesen kann. Über die Health App von Huawei kann man etliche Zifferblätter für die Uhr nachtanken.
Wisch und drück
Die Smartwatch 4 hat eine Taste rechts sowie eine rastende Krone mit Drücker. Die Taste unten ruft ein Menü mit drei App-Symbolen auf: die Sport-App, die App zum Telefonieren – dazu später mehr – und einen Gesundheits-Schnelltest.
Mit Wischgesten auf dem Zifferblatt erreicht man Widgets, Gesundheitsdaten sowie Benachrichtigungen. Mit einem Wisch von oben nach unten zieht man wie beim Smartphone ausgewählte Einstellmenüs ins Sichtfeld. Drückt man auf die Krone, erscheint eine Übersicht der installierten Apps. Weitere lassen sich nachinstallieren, allerdings nur wenige, die hierzulande verbreitet sind. Alles in allem kommt man schnell mit der Uhr klar, wenn man ein Smartphone bedienen kann. Und ohne dieses kommt sie in der Praxis auch nicht aus, denn nur die Huawei Health App auf dem Handy zeigt Mehrtagesübersichten der erfassten Daten und installiert neue Zifferblätter. Die Gesundheitsdaten lassen sich nur lokal abrufen – Huawei bietet kein Web-Portal dafür, wohl aber ein paar Kopplungen zu Diensten wie Google Fit, Apple Health sowie Strava.
Die eSIM, also eine eigene Mobilfunkanbindung im LTE-Standard, macht sie fit fürs Telefonieren und den Datenabruf von Apps und Widgets unabhängig vom Smartphone. Im One-Number-Betrieb benutzt sie die gleiche Nummer wie das Smartphone. Beim Telefonieren ist die Sprachqualität zwar nicht berauschend, aber verständlich.
Hat man weder WLAN-Empfang, noch eine eSIM in der Uhr, fungiert die Huawei Health App auf dem Smartphone als Nabelschnur. Wetterdaten et cetera werden dann aber nur so lange angezeigt, bis die Health App auf dem Smartphone in den Hintergrundmodus wechselt.
Gesundheit und Sport
Die Uhr erfasst spezifische Daten für 100 Sportmodi vom Freitauchen bis zum Bergwandern. Im Test fiel auf, dass die ermittelten Strecken in der Regel zu groß waren – bei einer Wanderung wurden beispielsweise statt verifizierten 13,5 Kilometer satte 15 km angezeigt. Der Mangel war Huawei neu, er soll aber durch ein Update behoben werden. Die Kalorienberechnung verwirrt: Während eine Tageszusammenfassung 2400 Kilokalorien anzeigte, meldete die Uhr allein für die besagte Wanderung an diesem Tag wenig glaubhaft 2700 Kilokalorien.
Die Messungen von Gesundheitsparametern wie der Sauerstoffsättigung (SpO2) und des Pulses erledigt ein Algorithmus, der mit Messdaten eines optischen Sensors gefüttert wird. Bei der Pulsmessung lasen wir trotz enganliegendem Band teils erratisch hohe Werte über 200 Schläge pro Minute ab, doppelt so viele wie bei einer herkömmlichen Pulszählung.
Abseits vom Sport soll ein „7-Punkte-Check“ einen schnellen Überblick über den Gesundheitszustand liefern. Nach einer Minute erhält man das Ergebnis. Besonders zu nennen wäre da ein Hust-Test, der einen Anhalt auch über das nutzbare Lungenvolumen gibt. Der Test der Arteriensteifigkeit misst die Verkalkung, er funktionierte aber nur im Rahmen des Sieben-Punkte-Checks und nicht als Einzel-App. Huawei will auf Befragen auch das reparieren. Das EKG funktionierte gut, sofern man genau das tut, wozu die Uhr anweist. Die Health App generiert daraus ein PDF, für den Sieben-Punkte-Gesundheitstest irritierenderweise aber ein JPG. Beides kann man in der Arztpraxis vorzeigen.
HarmonyOS mit Knirschen
Wuselt man sich durch die Menüs der Uhr mit dem Huawei-Betriebssystem HarmonyOS, trifft man immer wieder auf Funktionen, die man mangels Huawei-Smartphone nicht benutzen kann, etwa die lokale Musikabspiel-App der Uhr. Auf c’t-Anfrage teilte Huawei mit, dass es bald eine App geben soll, mit der man Spotify per Uhr bedienen kann. Ein Behelf ist die Bluetooth-Steuerung für Musik, die über das Smartphone abgespielt wird.
Auch die Wallet-App zum Bezahlen ist derzeit nutzlos, weil man keine Zahlungsmittel dafür anmelden kann. Mit „Hey, Celia!“ kann man so wie bei Siri, Alexa und anderen Sprachrobotern unter anderem den Wecker stellen. Celia ist allerdings nicht besonders helle, versteht nur sehr wenige Kommandos und quittierte selbst Fragen wie „Was ist 5 plus 7?“ mit: „Tut mir leid, ich habe das nicht verstanden.“
Fazit
Insgesamt zeigt die Huawei-Watch-4-Familie vielversprechende Ansätze besonders bei den Gesundheitsfunktionen. Man braucht einige Zeit, bis man für jede App und Funktion die nötigen Berechtigungen erteilt hat und einige Funktionen der Uhr wirken sogar unfreiwillig komisch: Etwa der Händewasch-Timer, der beim Erkennen der dafür typischen Bewegungen einen zwanzigsekündigen Countdown startet. Hin und wieder muss man in Kauf nehmen, dass die Träger der Uhr mit Android- oder iOS-Smartphones nicht alles ausschöpfen können, was die Uhr eigentlich kann. (mil@ct.de)
| Huawei Watch 4 Serie | ||
| Smartwatch mit eSIM | ||
| Hersteller, URL | Huawei, huawei.com | |
| Modell | Watch 4 | Watch 4 Pro |
| Glas | Mineralglas | Saphirglas |
| Display | 466 × 466 Pixel | 466 × 466 Pixel |
| Gehäuse | Edelstahl | Titan |
| Abmessungen | 46,2 mm × 46,2 mm × 10,9 mm | 47,6 mm × 47,6 mm × 12,9 mm |
| Gewicht (ohne Band) | 48 g | 61 g |
| Band | Fluorelastomer | Fluorelastomer, Titan, Leder |
| Akkulaufzeit laut Hersteller | 3 Tage (längstens 14 Tage) | 4,5 Tage (längstens 21 Tage) |
| Gesundheitsfunktionen | EKG, Atemvolumen, Schlaf, SpO2, Puls, Stress, Arteriensteifigkeit | |
| Sportfunktionen | 100 Sportarten (mit GPS-Tracking) | |
| weitere Funktionen | Telefonie, eSIM, WLAN, Bluetooth | |
| Preis | 449 € | 649 € mit Titanband, 549 € mit Leder- oder Flourelastomerband |